Gesellschaft

Euphorie  am Zuckerhut

Euphorie am Zuckerhut

Brasilien hat ein Problem: es geht dem Land zu gut.

Vor der südbrasilianischen Küste ragen Bohrtürme aus dem Meer. Aus 7‘000 Metern Tiefe pumpen sie Rohöl in Tanker und Pipelines. 50 Milliarden Barrels Öl verbergen sich dort im Meeresboden – ein fast göttliches Jahrtausend-Geschenk für das einst zerzauste Land.

Die brasilianische Ölindustrie boomt. Petrobras, die halbstaatliche Ölgesellschaft, erzielte im letzten Jahr einen Gewinn von über 13 Milliarden Euro. Sie ist die drittgrösste Firma auf dem amerikanischen Doppelkontinent. Doch nicht nur das brasilianische Ölgeschäft boomt. Dem Land geht es wirtschaftlich grandios.

Während die Weltwirtschaft in einer tiefen Krise steckt, meldet Brasilien Rekordzahlen. In den ersten vier Monaten dieses Jahres stieg das Bruttoinland-Produkt (BIP) im Vergleich zur Vorjahresperiode um sage und schreibe 9,84 Prozent. Im einstigen Armenhaus am Amazonas herrscht Aufbruchstimmung.

Wirtschaftswachstum: 7,5 Prozent

Auch Brasilien war von der Weltwirtschaftskrise erfasst worden – allerdings später als andere Länder. Im letzten Jahr sank das BIP um bescheidene 0,2 Prozent. Doch schnell ging es wieder aufwärts. Für das gesamte Jahr 2010 rechnen Experten mit einem Wirtschaftswachstum von 7,5 Prozent – der höchste Wert im letzten Vierteljahrhundert.

Die brasilianische Mittelschicht wird immer breiter. Sie ist in den letzten zehn Jahren um 25 Millionen Menschen angewachsen. Diese Mittelschicht, die meist auf Kredit kauft, ist verantwortlich für die starke Zunahme des Inlandkonsums. Allein in den ersten Monaten dieses Jahres wurden 13 Prozent mehr Waren verkauft.

Innerhalb der ersten vier Monate dieses Jahres hat Brasilien fast eine Million neue Arbeitsplätze geschaffen. Insgesamt sollen in diesem Jahr zweieinhalb Millionen neue Stellen entstehen. Schon fehlen dem Land qualifizierte Arbeitskräfte. Die Zahl der ausländischen Beschäftigten nimmt rapide zu. Im ersten Quartal dieses Jahres wurden elftausend qualifizierte ausländische Arbeitskräfte ins Land geholt. Vor allem in der Rohölindustrie fehlt es an Fachleuten.

Fidel Castros Freund – von Kapitalisten bejubelt

Brasilien, in dem einst korrupte blutrünstige Generäle wüteten, die eigentlich vor ein Verbrechertribunal gehörten, ist heute eines der sichersten und verlässlichsten Länder Lateinamerikas. Man stelle sich vor: Das Land hat einen linken Präsidenten, einer, der buchstäblich aus der Gosse kommt, einer, der die Arbeiter auf die Barrikaden peitschte, ein enger Freund von Fidel Castro auch – und dieser Präsident wird von ausländischen Erzkapitalisten bejubelt. Allein in diesem Jahr rechnen Experten, dass ausländische Firmen 45 Milliarden Dollar am Amazonas investieren.

Luiz Ignacio Lula da Silva, dem Staatspräsidenten, ist eine wunderbare Gratwanderung gelungen: Er kämpfte für die armen Massen – und nicht nur mit Worten und Versprechen. Gleichzeitig verschreckte er die Kapitalisten nicht. Im Gegenteil: Er bietet ihnen ertragsreiche Investitionsmöglichkeiten.

Die Mädchen von Ipanema

Und plötzlich ist Brasilien nicht mehr irgendein Land in der dritten Welt: gedemütigt und nicht ernst genommen. Jahrzehntelang fühlten sich die Brasilianer als Underdogs dieser Welt. Ihr einziger Stolz waren ihre schönen Frauen an der Copacabana, der Karneval von Rio – und natürlich die begnadeten Fussballspieler. Jetzt ergreift ein tiefes Selbstbewusstsein die ganze Nation: ein wachsender Nationalstolz. Sogar etwas Chauvinismus.

Seit Lula regiert, gibt es nicht mehr nur die „Girls from Ipanema“ oder die Peles, Ronaldos und Ronaldinhos. Brasilien ist zu einer einflussreichen, selbstsicheren Nation gewachsen. Ein Land, das auch zu provozieren wagt. Die Filmberichte, die Lula mit dem Yankee-Hasser Fidel Castro zeigen, werden in Washington nicht besonders geschätzt. Ebenso wenig gefällt der amerikanischen Regierung, dass Lula die Aufhebung des amerikanischen Wirtschaftsembargos gegen die Zuckerinsel fordert. Nicht genug: Lula trifft Hugo Chavez, diese unguided missile, und nennt ihn einen der besten Präsidenten Venezuelas. Schlimmer noch: Er empfängt Ahmadinejad und beglückwünscht ihn zu seinem (gestohlenen) Wahlsieg. Früher hätten die Amerikaner Brasilien für solch unflätiges Benehmen bestraft. Heute schauen sie beschämt weg. Ein Tritt ans Bein der USA war das Atom-Abkommen mit dem Iran von vergangener Woche. Lula und der türkische Ministerpräsident verhandelten mit Ahmadinejad. Jahrelang tanze der Iran dem Westen auf der Nase herum. Und jetzt plötzlich soll sich Ahmadinejad  bereiterklärt haben, einen Teil des Urans im Westen anreichern zu lassen. Hillary Clinton knirschte mit den Zähnen. Ob das Abkommen dann wirklich bringt, was es verspricht, steht auf einem andern Blatt.

Nicht mehr der Pudel der USA

Die Botschaft ist klar: Brasilien will einen Platz auf der Weltbühne. Es kann es sich heute leisten, selbst die Grossen zu brüskieren. Das fördert den Nationalstolz. Lula ist vielleicht kein Freund von Ahmadinejad, aber er benutzt ihn, um der Welt und seinem Volk zu zeigen: Brasilien ist nicht mehr der Pudel der USA, der Gringos.

Möglich wurde der internationale Prestigegewinn vor allem wegen des Wirtschaftsbooms. Doch der hat noch längst nicht alle erreicht. Noch immer leben über 40 Millionen Brasilianer, das sind zwanzig Prozent der Bevölkerung, von nur einem Dollar pro Tag. Das ist zwar die niedrigste Quote seit Jahrzehnten – aber den 40 Millionen Hungernden nützt das wenig. Und wo Hunger ist, ist Kriminalität, sind Favelas, Slums.

Und gerade die Ärmsten sind es, die unter dem Boom leiden, denn das Wirtschaftswunder hat seine negativen Seiten. Die Inflation wächst schneller als geplant. Sie wird in diesem Jahr wahrscheinlich 5,5 Prozent betragen. Eine solch hohe Inflation lastet vor allem auf den Armen. So grotesk es ist: Die Wirtschaft fliegt davon und die Armen werden noch ärmer. Lula hat die Inflation als „den schlimmsten Feind des Landes“ bezeichnet.

Wirtschaftliche Überhitzung

Während Europa, Nordamerika und ein grosser Teil der übrigen Welt verzweifelt um etwas Wirtschaftswachstum ringen, tun die Brasilianer das Gegenteil. Sie leiten Massnahmen ein, um den Boom zu bremsen. Denn allzu schnelles Wirtschaftswachstum bringt eine Überhitzung à la China. Vor allem will man mehr und nachhaltig investieren: und mehr sparen. Daran mangelt es heute. China spart und investiert zum Beispiel 40 Prozent des BIP; Brasilien nur 19 Prozent. Jetzt will man immerhin auf 25 Prozent kommen. Vor allem soll Geld in die Infrastruktur, in den Strassenbau und in Hafenanlagen gesteckt werden. Auch die Bildung soll auf allen Ebenen gefördert werden. Der Bildungsnotstand ist verantwortlich für die mangelnden Fachkräfte. Bei den öffentlichen Ausgaben sollen allein in diesem Jahr 13 Milliarden Euro gespart werden. Im vorletzten und letzten Jahr waren Steuererleichterungen eingeführt worden, um die Nachfrage anzukurbeln. Diese sollen nun wieder abgeschafft werden.

Die brasilianische Regierung ist sich der Gefahr der wirtschaftlichen Überhitzung bewusst. Doch der Wirtschaftsminister lächelt: „Die Überhitzung zu kontrollieren, ist eine eher angenehme Aufgabe.“ Angenehmer als die Aufgabe der meisten andern Wirtschaftsminister in Ost und West.

Die Zuschauer weinen vor Rührung

Die breiten brasilianischen Massen haben ihren Präsidenten bereits selig- oder gar heiliggesprochen. Dennoch fehlt es nicht an Kritik am Präsidenten. Internationale Hilfsorganisationen bestätigen zwar, dass viel für die Armen getan wird: vieles sei jedoch Augenwischerei. Vor allem das Hungerbekämpfungsprogramm („Fome Zero“) sei zu wenig koordiniert. In den verarmten Landstrichen bräuchte es grundlegende, nachhaltige Strukturänderungen, doch diese würden zu wenig energisch angepackt. Aber diese Kritik kümmert die Mehrheit der Bevölkerung kaum.

Ein Dokumentarfilm, der das Leben des Luiz Ignacio Lula da Silva zeigt und seit Weihnachten in den Kinos läuft, ist ein Strassenfeger. Die Zuschauer weinen vor Rührung. Der Film zeigt Lula als Analphabet, als Schuhputzer, als Botenjunge, der Essen aus den Mülltonnen sucht. Seine erste Frau und sein ungeborenes Kind starben, weil ihnen medizinische Hilfe verwehrt wurde. Heute ist Lula, der bullige, charismatisch Mensch, ein Idol, ein Superstar, ein Nationalheld.

Hang zur Verklärung

Bald tritt er ab. Im Dezember finden Neuwahlen statt. Wegen der Amtszeitbeschränkung darf er nicht mehr kandidieren. Das ist eigentlich sein Glück, denn populärer kann er nicht mehr werden. Wer weiss, was die nächsten vier Jahre bringen? Katastrophen, wirtschaftliche Einbrüche, Korruptionsskandale? Dann würde auch Lulas Image beschädigt. Doch dazu kann es jetzt nicht mehr kommen. Der Präsident tritt auf dem Höhepunkt seiner Popularität ab. Kaum ein Staatspräsident aus Ost und West geht mit derart erhobenem Haupt in Pension. Noch lange, lange werden die brasilianischen Schulkinder aus ihren Geschichtsbüchern von den Wundertaten ihres einstigen Präsidenten erfahren. Die Latinos haben den Hang zur Verklärung, und Lula eignet sich dafür bestens. Und selbst wenn Brasilien nicht Fussball-Weltmeister wird – Lula wird das nicht mehr schaden.

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