Gesellschaft

Zoé – eine Burleske

Zoé – eine Burleske

Sie will nicht wie ein Auto heissen.

Sie ist hübsch und 23 Jahre alt. Geleistet hat sie noch wenig. Doch ganz Frankreich spricht von ihr.

Sie trägt halblanges, kastanienfarbiges Haar und studiert in Paris. Sie heisst Zoé. Und das ist das Problem.

Zoé will nicht wie ein Auto heissen.

Zoé heisst mit Nachnamen Renault. Ein gängiger Familienname in Frankreich. Louis Renault und sein Bruder Marcel hatten 1898 die Autofirma Renault gegründet und revolutionäre Techniken erfunden. So die Kardanwelle. Im übernächsten Sommer will Renault ein kleines Elektro-Auto auf den Markt bringen. Seine Name: Renault Zoé.

Dagegen wehrt sich die streitbare Demoiselle. „Ich will nicht, dass die Leute lachen, wenn sie meinen Lebenslauf lesen“. Zoé Renault hat einen Anwalt mit der Sache beauftragt. Dieser will vor Gericht gegen den Autokonstrukteur klagen.

„Zoé“ ist altgriechisch und heisst „das Leben“ – ein netter Name für ein Elektro-Auto. Nach dem Renault Twingo, dem Clio, dem Scénic, dem Mégane, dem Koleos jetzt also: Zoé.

Unterschied zwischen dem Lebenden und dem Entseelten

Maître David Koubbi, ein aufstrebender Pariser Anwalt, legt sich ins Zeug. Sofort schrieb er dem CEO von Renault einen Brief. Er sagt, die Namensgebung sei eine Vergewaltigung der Persönlichkeitsrechte (les droits de la personnalité). Die Eltern von Zoé hätten seiner Klientin nicht diesen schönen Namen gegeben, damit er nachher von einer Autofirma vermarktet würde. Zoé Renault verlangt, dass man „einen Unterschied macht zwischen dem Lebenden und dem Entseelten“.

Doch nicht nur Zoé Renault will klagen. Ein Sébastien Mortreux hat eine Petition gegen Renault lanciert: gegen „diese multinationale Firma, die diesen schönen Vornamen unserer Kinder zerstört“. Bereits haben 5 000 Personen unterschrieben. In der Petition schreibt Mortreux: „Meine Frau und ich haben unsere Tocher Zoé genannt. Dass dies jetzt der Name eines Autos wird, stellt für mich ein Problem dar.“

Selbst im Königreich enerviert man sich

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Bild: Zoé Renault und ihr Anwalt

Nicht genug. Da meldet sich eine „Vereinigung für die Verteidigung unserer Vornamen“, die ADNP (Association de Défense de Nos prénoms ). Auch sie hat Maître Koubbi mit der Affäre beauftragt. Und sogar im Königreich enerviert sich jemand. Zoe Williams, eine 37-jährige britische Polit-Journalistin beim ‚Guardian‘ bezeichnet die Namensgebung als „Vandalismus“. Ihre Kollegin Zoe Murphy von der BBC kommentiert die Sache allerdings emotionslos.

Eine Klage vor Gericht hätte wohl wenig Aussicht auf Erfolg. Das weiss auch der Anwalt. Trotzdem läuft die Sache für ihn rund: Endlich ist er in aller Munde. Erstaunlich auch, dass die Aufregung erst jetzt entstand. Renault hat den Namen seines künftigen Elektromobils schon vor fünf Jahren enthüllt.

Renault verteidigt sich und sagt, viele Autos und Produkte würden nach Vornamen benannt – ohne dass da ein Entrüstungssturm aufkommt. „Mercedes“ ist im spanischen Sprachraum ein häufiger weiblicher Vorname. Keiner Mercedes in Spanien oder Argentinien käme es in den Sinn, gegen Daimler zu klagen. Auch Mercedes Sosa tat es nicht - die letztes Jahr verstorbene wunderbare argentinische Sängerin.

Ich will nicht wie eine Schreibmaschine heissen

Oder da gab es den Alfa Giulietta. Keine italienische Giulia oder Giulietta ist gegen Alfa Romeo vorgegangen. Selbst beim Renault Mégane blieb es ruhig; auch „Mégane“ ist ein altgriechischer weiblicher Vorname und heisst „Perle“. Und der Renault Clio? Auch „Clio“ ist griechisch (lateinisch: Kleo) und heisst „die Rühmerin“. Lotus vertreibt einen Wagen mit dem Namen „Elise“. Es gibt einen Skoda Octavia, einen Skoda Fabia und einen Seat Stella und seit langem einen Toyota Carina. Auch männliche Vornamen werden verwendet: Seat Leon, Dacia Logan, Hyundai Atos, Citroen Nemo, Nissan Cedric.

Seit jeher tragen nicht nur Autos Vornamen. Vor vielen Jahren hiess meine Olympia-Schreibmaschine „Monica“. Keine Monika klagte und sagte, ich will nicht wie eine Schreibmaschine heissen. Das erste Computersystem der SRG hiess „Karin“. „Chloé“ ist ein Parfum und bedeutet auf  Griechisch „junges Grün“. „Alice“ heisst ein Internet-Provider, „Madeleine“ ist ein Biskuit und „Charlotte“ eine Torte. Nie hörte ich meine Genfer Kollegin Charlotte sagen: „Ich will keine Torte sein“.  

Der arme Yeti

Übrigens: Patrick Pelata ist die Nummer zwei im Renault-Konzern. Und Louis Schweitzer ist der frühere CEO. Beide haben eine Tochter und beide heissen … Zoé. In Frankreich gibt es 30 000 Zoés, es ist der sechstbeliebteste Vorname.

Die Welt ist ungerecht. Viele haben nicht die Möglichkeit, sich zu wehren. Vor allem nicht die Millionen von Hasen, die es weltweit gibt. Sie, die Hasen (französisch „lapin“) können sich an kein Gericht wenden. Obschon sie das tun sollten. Denn Suzuki verkauft ein Kleinauto mit dem Namen „Suzuki Lapin“.

Und was tut der arme Yeti, der irgendwo am Himalaya herumirrt? Skoda vertreibt ein Auto mit dem Namen „Skoda Yeti“. Wird der Yeti jetzt Skoda einklagen: wegen Vergewaltigung der Persönlichkeitsrechte?

Heiner Hug

 

Kommentare

Bild des Benutzers Roberto Binswanger

Peinliche Diskussion

Bei den enormen Problemen, die Frankreich (und auch Europa) hat, wirkt eine Diskussion um ein solches Non-Event nicht burlesk, sondern schon fast peinlich und ist ein Schlag ins Gesicht aller Menschen, die mit wirklichen Problemen konfrontiert sind. Auf gut Französisch: Tant de bruit pour une omelette.