Gesellschaft

ZÜRICH 1915,  -  früh im Jahr

ZÜRICH 1915, - früh im Jahr

Ich suche eine mädchenhaft wirkende junge Frau mit großen, wachen Augen, schwarze Haare, blass, schmächtig und klein.

Sie ist 1915, früh im Jahr, zusammen mit einem Freund vor der erschreckend angestiegenen Kriegsbegeisterung aus Deutschland geflüchtet und nun in Zürich angekommen.

Ich stelle mir vor: Sie schaut den Soldaten mit ihren schwarzen Tschakkos hinter her, fährt mit der Straßenbahn, ohne ein Billett gelöst zu haben, steigt am Limmatufer aus, läuft weiter zum See.

An der Brücke singt die Heilsarmee. Vor einem Restaurant findet eine Versammlung statt. Nieder mit der Heuchelei, ruft man, jedoch ohne Lärm zu schlagen. 

Sie ist eine Fremde. Eine Ausländerin, eine Arbeitslose. Tag um Tag von einer Ausweisung bedroht.

Es beginnt ein Leben ohne Wiederholungen. Wenige leichte Tage.

Freund Hugo sagt, ermüdet von Zerstreuung und Erregung: die Stadt ist scheintot. «Ich bin woanders gelandet», bekommt er daraufhin von ihr zu hören.

Das bisschen Geld, das sie mitgebracht hatten, ist bald ausgegeben. Hugo trifft sich mit Tzara, Arp, Janko, Rudolf und der Taeuber.

Emmy ist wieder einmal fürs Überleben zuständig. «Allez!»: Animierfräulein, Hausiererin, Straßensängerin, Gelegenheitsprostituierte. Sie hält ihn über Wasser.

Einen einzigen Raum hatten die Zwei in Zürich.

Ich weiß einiges über sie. Was aber kostete ein Glas Absinth und wer hat sie dazu eingeladen? Wo besorgte sie sich den Stoff? Wer ließ sich am Hegibachplatz von ihr ansprechen? Waren die schwarzen Satinhosen ein Geschenk? Sind nur Männer, nicht auch Frauen nur ihretwegen ins «Cabaret Voltaire» gekommen?

Ich würde gerne einmal mit ihr darüber reden, sie ausfragen. Herausbekommen, was sie denkt über Richard Huelsenbeck, über Ferdinand Hardekopf, Georg Heim, Erich Mühsam oder Franz Werfel. Was weiss sie, was gesteht sie sich ein? Was verdrängt sie, an was möchte sie sich nie mehr erinnern? Wie kann man einen Raum so einnehmen, dass man alle Blicke auf sich lenkt? Stimmt das denn mit der «Ware Liebe»?  Und ist «Dada» für sie lediglich ein Witz gewesen?

Fünfundneunzig Jahre später würde ich gerne die Chronologie durcheinander bringen, um mich mit Emmy zu unterhalten. Ich würde sie gerne fragen nach den desillusionierten Exilkünstlern aus den Ländern, die sich bekriegten; nach dem Gassenleben und Tingeln. Reden mit ihr über die Religion, die Mystik, das Elend; reden mit ihr über die Wirklichkeit der Wirklichkeit.

Und Emmy Hennings,  - jetzt Mitbegründerin des Dadaismus und Schriftstellerin, singt, tanzt, schreibt, spielt. Eine Frauenverächterin, angeblich; ein «erotisches Genie» (wie einer ihrer Liebhaber notierte) – lässt sich nicht auf einen Nenner bringen.

«Meinen Sie Zürich zum Beispiel sei eine andere Stadt …?»

Was ich recherchieren könnte, die Quellen sind ja hinlänglich bekannt, ist mir langweilig. Mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit auch zutreffend und somit früh schon rein ins Lexikon: Auf die Welt gekommen 1885 in Flensburg, verstorben 1948 in Sorengo.

Doch ich suche nicht die Emma Maria Cordsen, auch nicht die Emmy Ball-Hennings, sondern die Emmy Hennings in den vier, vielleicht auch fünf Jahren, die sie in Zürich lebte.

Ich suche nicht die Erinnerungen an sie. Ich suche sie selbst, ihr Taschentuch, das Kissen, in das sie hineinheult; wie sie sich nach ihrem Auftritt im Kabarett abschminkt, am Küchentisch ein Gedicht schreibt, vor ihrem Hausaltar kniet, mit einem Laib Brot in der Hand die Straße überquert, auf Übergriffe reagiert, zur Beichte geht.

Ich suche sie auf Heimweg, müde gesungen und herunter getrunken, allein auf einer Treppe sitzend.

«… nur eine Richtung, die ein Kreis ist, der stetig sinkt und steigt,

bis seine Bewegung das große Ziel erreicht, auf das der Glaube hofft.»

(So der Maler Christian Schad, 1915, ebenfalls als Emigrant in Zürich lebend)

 

Es gibt da zwei, drei Fotos von ihr, auch Briefe, Aufzeichnungen aus dem Gefängnis. Ihre Gedichte, die «Märchen am Kamin», die «Frühen Texte und autobiographische Schriften».

Es ist alles da.

Ich aber möchte mehr sehen. Nicht das Erzählte, nicht das Niedergeschriebene, nicht das Erinnerte, nicht Details aus dem Milieu.

Ich möchte die Stimme einer jungen Frau hören, hungrig auf Brot und Wärme, auf Himmel und Gnade. Möchte von ihr hören, was sie einmal aufgeschrieben hat:

«Ich bin so vielfach in den Nächten. Ich steige aus den dunklen Schächten. Wie bunt entfaltet sich mein Anderssein.»

 

Kommentare

Bild des Benutzers Bernhard Schindler

In der Bürstenfabrik gearbeitet

Emmy Hennings war nicht nur Dadaistin, sondern auch tiefgläubige Katholikin. Mit Hugo Ball hat sie sich bald nach dem Café Voltaire ins Tessin verzogen. Nicht zu den andern Dadaisten und spiritistischen Spinnern in Ascona auf dem Monte Verita, sondern nach Montagnola auf dem Collina d'Oro bei Lugano, wo sie Hermann Hesse kannte.

Leider ist sie zu einer Zeit aus dem Dadaismus ausgeschieden, als dieser noch nichts anderes war als "Epater le Bourgeois". Tristan Szara, Hans Arp und Sophie Täuber haben den Dadaismus salonfähig gemacht und davon gelebt. (Die Täuber ist sogar auf einer unserer Banklnoten abgebildet).

Emmy Ball-Hennings wurde vergessen. Sie überlebte als Arbeiterin in einer Bürstenfabrik. So viel ich weiss hat ihr Freund Hermann Hesse, der gratis in einem feudalen Tessiner Haus leben durfte, sich nicht gross um die "arme Verwandte im Geiste" gekümmert.

Er wünschte, "nicht gestört zu werden". Ein Schild an seinem Gartentor verlangte das.

Jemand hat darunter geschrieben: "Dann eben nicht. Thomas Mann!"

Bild des Benutzers Maja Petzold

Dadaismus - hinter der Bühne angeschaut

Alle scheinen über Dadaismus informiert zu sein, besonders in Zürich. Dieter Schupp geht nun gleichsam von hinten daran, als würde er von der Hinterbühne aus schauen, was bei den Dadaisten passiert, wie sie sich durchschlagen. - Faszinierend und amüsant, gerade in den Lücken, besser Freiräumen, die der Text lässt!

Besonders bemerkenswert scheint mir, dass es auch im 1. Weltkrieg schon Kriegsflüchtlinge gab. Sie sind weniger bekannt als die Emigranten, die vor den Nazis in die Schweiz geflohen sind. Am Anfang des 1. Weltkriegs gab es in breiten Kreisen tatsächlich noch Begeisterung für den Krieg, so schrecklich und unvorstellbar mir das jetzt scheint, als ich das schreibe! Erst die vielen Toten und das schreckliche Sterben in den Schützengräben hat viele zur Besinnung gebracht. - Und einige wenige hatten schneller erkannt, dass Krieg nur Verderben bringt.

Bild des Benutzers Roberto Binswanger

Verstehe gar nichts

Sorry, aus dem Text werde ich nicht schlau. Was will uns der Autor erzählen? Woher hat er die Geschichte? Im Seniorweb möchte ich Texte lesen, die nicht nur für Super-Intellektuelle, sondern auch für Normal-Sterbliche verständlich sind.