Gesellschaft

Nun rollt es wieder: das runde Leder

Nun rollt es wieder: das runde Leder

in Südafrika, mit den Fans, die unaufhaltsam in die Vuvuzela blasen…

Es ist Fussball, und alle schauen hin. Das Land an der Spitze des schwarzen Kontinents ist verzaubert, entzückt, dass ihm die Welt derart hohe Beachtung schenkt. Die Fans blasen und blasen; selbst bei den Nationalhymen, die vor jedem Spiel als Referenz an die Mannschaften ertönen, sind die Bläser nicht ganz ruhig zu stellen. Die deutsche Bild-Zeitung war am letzten Samstag schon ganz aufgeregt: „Die Reporter sind ja kaum zu verstehen.“ Die Redaktion der grössten deutsche Boulevard-Zeitung gab sich schon ganz besorgt darüber, dass allenfalls die deutschen Reporter die Tore ihrer Mannschaft nicht verständlich genug zu kommentieren vermöchten.

Und in der Tat: Die Reporter strengen sich an, sie versuchen den ohrenbetäubenden Lärm zu übertönen, versuchen sich Gehör zu verschaffen, sie wollen verstanden werden, nicht nur in den Wohnungen, in den Fernsehzimmern der Fans, sondern auch in den unzähligen öffentlichen Arenen auf der ganzen Welt. Auch in Zürich, wo nun doch öffentlich auf die Bildschirme in den Beizen und Wirtschaftsgärten geguckt werden darf; selbst der Ton darf jetzt übertragen werden. So wird der unaufhörliche Ton aus den tausenden Vuvuzelas in den nächsten vier Wochen in der ganzen Welt zur Selbstverständlichkeit werden. Alle werden einen Blick in die Seelen der Südafrikaner erhalten, vor allem dann, wenn es der südafrikanischen Mannschaft gar gelingen sollte, über die Vorrunde hinauszukommen. Dass sie Fussball spielen können, haben sie am Eröffnungsspiel mehr als bewiesen, trotzten sie doch den favorisierten Mexikanern ein Unentschieden ab.

Aber was macht es denn aus, dass die ganze Welt hinschaut, dass die Spiele in über 150 Länder übertragen werden? Was ist das Geheimnis des Spiels mit dem Ball am Fuss, dass gar in Ländern, wie in den USA beispielsweise, wo ganz andere Sportarten wie Basketball, amerikanischer Fussball weit vor dem Fussball rangieren, die Menschen nun auch immer stärker vom Fussballspiel, das in Europa erfunden und entwickelt wurde, in seinen Bann gezogen werden? Ist es das Unperfektive des Spiels, ist es die Unvollkommenheit, die fasziniert? Mit der Hand kann beispielsweise der Ball weit besser beherrscht werden, mit der Hand kann präziser geworfen, geschossen werden. Doch der Handball vermag weit weniger zu faszinieren. Er scheitert an der Vollkommenheit. Die Abwehr im Handball ist derart brutal geworden, weil man dem Können mit der Hand nicht andres begegnen kann, als mit blocken, mit mauern. Anders beim Fussball: Das Spiel mit dem Fuss ist weit schwieriger, es braucht ein ganz besonderes Talent, um den Ball in hohem Tempo am Fuss zu führen. Es braucht ein ganz besonderes Auge, um einen Pass über 60 bis 80 Meter präzis in die Füsse des Mannschaftskameraden zu schlagen. Es braucht einen hohen Reflex, um einen Ball in der Luft vor dem Gegner mit dem Kopf ins Tor zu spedieren. Es braucht den spontanen, ja den ultimativen, einzig richtigen Einfall, um den Ball am herauslaufenden Torhüter vorbei zu schieben.

Lionel Messi, der weltbeste Fussballer zurzeit, hat es uns im Vorrundenspiel Argentinien gegen Nigeria vorgeführt. Er hat - zwar eingekesselt von drei Nigerianern - den Ring , den sie um in zogen, trickreich gesprengt, hat den ultimativen Pass nach rechts zu einem Kameraden geschlagen, ist in die Gasse gelaufen, hat den Pass seines Kameraden reflexartig am Fuss aufgenommen, ist dann gegen den herauslaufenden Torhüter gespurtet, hat aber in der letzten Konsequenz doch nicht den ultimativen Einfall gehabt; er hat den nigerianischen Torhüter angeschossen, er hat den Ball nicht über ihn heben können, er ist gescheitert und das dreimal. Fussball ist nicht perfekt, er ist unvollkommen. Er gibt auch schwächeren Mannschaften eine Chance und sei es auch nur, wie beim Spiel England gegen die USA, dass dem Torhüter ein fataler Fehler passiert. Ihm kullerte der Ball nach einem harmlosen „Schüsschen“ des US-Stürmers Dempsey aus den Händen ins Tor. Die Engländer hatten sonst alles im Griff. Nur das nicht. So ist Fussball. Oft und unerwartet führt eben der Zufall Regie. Wir werden es in den nächsten Wochen noch oft erleben. Gott sei Dank.