Der Mann vom Sonntag, Miles Davis, ist schuld, dass mir das zweite Juli-Wochenende 1985 für immer präsent bleiben wird, besonders jetzt, wo sich das Montreux Jazzfestival wieder auf voller Fahrt befindet. Nicht weniger als acht Konzerte spielte Miles Davis – er starb 1991 – zwischen 1984 (dem sensationellen Zweitauftritt nach dem ersten vom 8. Juli 1973) und 1990 in Montreux. Ihn stets wiederzusehen, sogar manchmal zweimal am Tag, war damals für das Publikum ein echtes Erlebnis.
Nämlich war dies auch Anlass genug, um auf das Wirken eines Musikers zurückzublicken, der funfmal den Jazz revolutionierte und zu den schillersten Persönlichkeiten der Musik des 20. Jahrhunderts zählte. Dies wusste auch Festivalorganisator Claude Nobs zu schätzen. Seine Zusammenarbeit sollte bis 1991 dauern, dem Jahr als Miles Davis starb, und hatte den Beginn eines ganz speziellen Künstler-Veranstalter-Verhältnisses markiert; „Jahre, in denen sich eine echte Freundschaft entwickelte“, wie sich Claude Nobs später erinnerte. So inszenierte er schon ein Jahr später, 1985, das zweite Miles Davis-Comeback. In Schale geworfen hatte sich Nobs, um den Meister höchstpersönlich anzusagen. Und dann kam Miles auf die Bühne, winkte in die Menge, warf eine Kusshand, sehr ungewohnt, der doch früher beliebte, mit dem Rücken zum „Volk“ gekehrt, zu spielen. Doch nun schien seine Musik noch besser als zuvor. Die Breaks, die Akzente, seine berühmten Pausenintervalle, die Unisololäufe wurde noch perfekter intoniert, obwohl der damals 59-Jährige schon am Nachmittag gespielt und bereits alle Besucher restlos begeistert hatte, blies er voller Inbrunst seine Trompete. Miles war daran, seine Klänge malend, in tönende Figuren umzusetzen, die Schwingungen seiner Improvisationen erspüren, erfühlen zu lassen und sogar optisch sichtbar zu machen.

Doch da, wenige Taktlängen nach dem Beginn seines Auftritts, wurde Miles Davis gnadenlos um die Bühne herum verfolgt von Kameraleuten, die ihre Objektive wenige Zentimeter vor sein Gesicht drängten: Aus war es jetzt mit seiner aufkeimenden Fröhlichkeit von zuvor! Miles Davis flüchtete mit düsterer Miene zwischen seine hohen Soundtürme, lief herum wie ein gehetztes Tier in seinem Käfig. Immer wieder drängte er sich ganz nah an die Lautsprecherboxen, die seine Trompetentöne verstärkten. Es schien mir bei meiner Beobachtung, als hätte er sich in einem Spiegel gesehen, als fände er dort in den Boxen endlich ein Wesen, das so war wie er, ohne zu wissen, dass es nur ein Spiegelbild sein konnte. In diesem ambivalenten Zustand von Coolness und Zerbrechlichkeit entfaltete sich einmal mehr seine besondere Auffassung von Musik (den Begriff Jazz hasste er). So machte er denn auch einmal mehr unmissverständlich von seinem exaltierten Superstar-Getue Gebrauch, welches er in seiner vier Jahrzehnte langen Karriere so oft benutzt hatte. Das Leben als ewiger Kampf hatte ihn wohl deshalb gelehrt, auch als umjubelter Star sein Misstrauen gegen die Mitmenschen nie aufzugeben. Ein völlig genervter Miles Davis, der wirklich niemanden etwas beweisen musste, war drauf und dran, die Bühne zu verlassen! Ein Raunen ging durch die Zuschauerreihen. Energisch musste da Freund Claude Nobs eingreifen, die Show unterbrechen und am Mikrophon voreilige Presseleute zurechtweisen. Miles Davis, der König des Cool-Jazz – von Höhen und Tiefen des Lebens geschüttelt – wollte im ausverkauften Montreux Casino-Saal, der heute seinen Namen trägt, etwas von dem ausdrücken, was er selber – Zeitgeist hin oder her – empfand und absolut an diesem Konzert weitergeben wollte. Das hatte er im ersten Teil seines Auftritts bewiesen. Wohltuend dann für den emotionalen Künstler nicht mehr von den fotohantierenden Medienleuten gestört zu werden, besser noch: Klassische Klangideale zur Anerkennung des schwarzen Jazz im weissen Europa ohne Störeffekte entfalten zu können. Ohne den geringsten Spektakel und ohne jede Konzession an die überhand nehmenden Unsitten, nur auf seine instrumentale Vielfalt und Ausstrahlung vertrauend, versetzte Miles Davis den Saal denn auch in eine gelungen gelöste konzentrierte Stimmung: kein zuweilen arroganter Umgang mit seinen Mitmusikern und dem Publikum war da mehr zu spüren, so, wie man den „Prinz Of Darkness“ leider auch antreffen konnte. Nein, tosender Applaus kam der Jahrhundertfigur der Jazzgeschichte von festivalbesuchenden Gelegenheitsjazzfreunden ebenso wie von Miles Davis-Spezialisten für seine eindrückliche musikalische Dokumentation zuteil, die da ganz ohne starkultige Überhöhungen dahergekommen war. Keine Spur von Abwehr und vorgeworfener menschlicher Kälte seitens des Künstlers; Miles Davis wollte diesen ungeteilten, feinfühligen Kontakt mit seinem Publikum, das hatt Claude Nobs rechtzeitig erfasst und sich wohlweislich um pressefreie Ruhe für seinen Star gesorgt und der gab aufgrund der befreiten Atmosphäre seinem kreativen Spiel den stärksten Ausdruck.
So wollte ich mir diesen Miles Davis in Erinnerung halten; seinen letzten Montreux Konzertauftritt im Jahr 1990 mochte ich gar nicht mehr sehen. Der hier beschriebene entpuppte sich – meines Erachtens wenigstens – im Hinblick auf alle vorangehenden und nachfolgenden als eine echte Sternstunde…
Foto: Miles Davis, Wikimedia
Video: Miles Davis, Human Nature
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