Er hat sie alle auf dem linken Fuss erwischt: die Bundeshaus-Journalisten. Mit seiner ihm eigenen List überlistete er sie, und ironisch meinte er: „Jetzt haben Sie alle jahrelang über meinen Rücktritt gewerweisst, haben versucht, meinen Rücktritt herbeizuschreiben, und jetzt sind Sie alle überrascht, wenn ich es tue.“ Er tat sich in der Tat schwer mit der Journalistenschar, dies, weil er selber gerne einer geworden wäre, weil er besser als die meisten von ihnen zu formulieren weiss, weil er die hohe Kunst der Ironie meisterhaft beherrscht, weil er gar ätzend satirisch sein kann, weil er als Komödiant Furore gemacht hätte, weil er sie alle nachahmen kann, sei es Christoph Blocher, seien es all die Journalisten, insbesondere die eitlen Fernsehmoderatoren und -moderatorinnen mit ihren Mödelchen. Besonderes geglückt war ihm einmal Annette Gosztony, die legendäre Tagesschau-Moderatorin, die er in ihrer verkniffenen Art im privaten Kreis glänzend zu parodieren wusste.
Ja, Moritz Leuenberger, der Vielbegabte, der als junger Mensch mal monatelang ans Bett gefesselt war, der Nachdenkliche, der nach aussen spröde wirkende Pfarrerssohn, der letztlich zu einem grossen Bundesrat geraten ist, gab uns oft Rätsel auf. Nie enthüllte er sein wahres, sein innerstes Wesen. Niemanden liess er ganz an sich heran. Vielleicht mit einer Ausnahme: Hans Werder, sein Generalsekretär, sein Freund, sein Vertrauter, stand ihm so nah, dass er immer wieder als der „heimliche Chef“ im Departement bezeichnet wurde. Umsichtig, zäh, nachhaltig, führte Hans Werder für seinen Freund Moritz äussert erfolgreich, äusserst straff das Mammut-Departement UVEK, auf ihn konnte sich Moritz Leuenberger verlassen, er war die zentrale Figur in der Verkehrs-, der Energie-, der Umwelt- und in der Medienpolitik. Moritz Leuenberger führt so, macht so allen vor, die es wissen wollen, wie ein Bundesrat regieren muss: Die Verwaltung delegiert er, überlässt er seinem Generalsekretär. Der hat mit seinem Stab die Knochenarbeit zu leisten, der hat die Grundlagen zu liefern, so dass der Minister eines kann: denken, schreiben, philosophieren, führen, eben regieren. Wer das begriffen hat, schreit nicht nach einer Regierungsreform. Im Gegenteil.
Wenn Moritz Leuenbeger auch noch sechs Monate im Amt bleibt, der Zeitpunkt für eine Würdigung noch aussteht, ist schon jetzt in den Zeitungskommentaren nicht zu überlesen, dass sich das Blatt bereits gewendet hat. Schon jetzt wird von einem eindrücklichen Leistungsausweis geschrieben, wird dargelegt, dass er mehr erreicht hat, als die Journalistenschar in den vergangenen Jahren wahr haben wollte. Schon jetzt wird klar, dass er ein hervorragender Bundesrat ist und war, der sich nicht ans Gängelband seiner Partei nehmen liess. Im Gegenteil: Er verstand sich als Magistrat; einmal gewählt, war er immer einem gangbaren Weg verpflichtet, schmiedete er Kompromisse, schlug er Brücken zu den anderen im Bundesrat. Es war wohl auch Ironie des Schicksals, dass er im Bundesrat auf seinen Zürcher Intimfeind Christoph Blocher traf, das pure Gegenteil eines Konsenspolitikers, wie sich Moritz Leuenberger als Regierungsmitglied verstand. Christoph Blocher hat es nie überwunden, dass Moritz Leuenberger 1991 den zweiten Regierungsratssitz gegen Ueli Maurer für die SP zurückerobert hatte. Ich war Zeuge, als Christoph Blocher am denkwürdigen Wahlnachmittag mit seiner Entourage auf die Gruppe Leuenberger im Treppenhaus des öden Kaspar- Escher-Hauses, dem Zürcher Regierungssitz, traf, auf ihn zuging und einen währschaften Boxhieb landete und sinngemäss meinte: „Du hast den Sitz in der Regierung gestohlen, Du hast Dich als Mann der Mitte maskiert, damit die Wähler betrogen.“ Der zierliche Leuenberger wankte, war erschüttert, liess die Entourage Blocher ohne Reaktion von dannen ziehen.
Das Zwischenspiel Blocher im Bundesrat, in der auf Konsens und nicht auf Konfrontation angelegten Regierung, gehört der Geschichte an. Gott sei Dank. Moritz Leuenberger macht Platz für eine neue Kraft. Mit der Bernerin Simonetta Sommaruga hat die SP eine hervorragende Kandidatin, die in die Fussstapfen des Kultur interessierten Zürchers, des ersten urbanen Bundesrates, haargenau passt. Die gelernte Pianistin, die sorgfältige Analytikerin, die umsichtige Konsenspolitikerin wird die Konsens orientierten Doris Leuthardt, Didier Burkhalter, Eveline Widmer-Schlumpf hervorragend ergänzen, sie wird dem Bundesrat ein neues, besser: das wiederentdeckte Bild einer funktionierenden Kollegialbehörde verleihen. Ueli Maurer wird sein Departement, das Militärdepartment, verlassen können, etwas anpacken, das er besser kann und auch versteht. Und Simonetta Sommaruga kann sogar zugemutet werden, als erste Sozialdemokratin das Militärdepartement aus dem Schlammassel herauszustemmen, in das die SVP-Bundesräte Schmid und Maurer es manövriert haben. Die Schweizer Armee, die uns auch in der Zeit des internationalen Terrorismus, der asymmetrischen Bedrohungen, der unerwarteten Katastrophen, Sicherheit zu garantieren hat, hätte eine umsichtige, souveräne Bundesrätin verdient, die auch die Linke unseres Landes in die für die Sicherheit so dringend notwenige neue Konzeption des Instrumentes Armee einbinden kann.
Bundesrat Leuenberger hat es zum Schluss noch einmal verstanden, das Richtige zu tun: Er ist zum besten Zeitpunkt zurückgetreten.
Du kannst auch selber schecken, ob die Bremsproben vor Abfahrt nach diesem Unfall wieder eingefuehrt wurden: In den einschlaegigen Bahnhoefen gibts schwarze Quadrate ueber dem Perronrand mit 3 weissen und einem gruenen Licht. Wenn wieder wie zu Zeiten noch ohne Maestung eines Verwaltungsrates zuerst ein weisses, dann zwei weisse und dann drei weisse Lichter aufleuchten, siehst Du den Befehl an den Lokfuehrer zur Bremsprobe. Bleibt dieses Lichterspiel aus, faehrt der Zug ohne Bremsprobe ab....
Ist da noch jemand orientiert, über die vom Freiherrn erwähnten, nicht oder weniger kontrollierten Bremsvorrichtungen an SBB-Zugeinheiten?
Trotz Herrn Hallers Honigsüsser Meinung, liessen sich doch Machiavellistische Befindlichkeiten erahnen.
Dass Anton Schaller Bundesrat Leuenberger lobt, ist sein gutes Recht. Dass er vor allem die Sonnseneiten des scheidenden Bundesrates hervorhebt, ist eigentlich die Regel. Von Aus- oder Abscheidenden pflegt man meistens nur das Gute zu sagen oder zu schreiben. Über das weniger Gute schweigt man sich aus, gilt doch: «De mortuis nil nisi bene.» (Über die Toten nichts als Gutes aussagen)
Nun ist Bundesrat Leuenberger nicht gestorben, sondern lebt noch fröhlich. Darum ist es vielleicht doch noch erlaubt, auf einige weniger sonnige Seiten des scheidenden Magistraten hinzuweisen. Ich habe nicht die Absicht, dies zu tun, sondern überlasse es den gedruckten und den elektronischen Medien oder den Insidern im Seniorweb.
Den Hinweis auf Frau Sommaruga als wahrscheinlich eine der bestmöglichen Nachfolgerinnen finde ich am Platz. Leider aber gilt auch hier das geflügelte Wort zu Papstwahlen: «Chi entra Papa esce Cardinale.» (Wer als sozusagen einzig möglicher Papst ins Konklave eintritt, verlässt es wieder als das, was er bisher war, nämlich als Kardinal.)
Herr Schaller hat brillant danebengehauen!
Noch BR Leuenberger hatte auch Kerzenlichtblicke während seiner Amtszeit und darum ist es gut das er geht. Das Feindbild SVP mit Christoph Blocher wird vom ehemaligen LDU Parteigänger wieder hervorgekramt. Zur BR-Wahl wünsche ich eine starke Persönlichkeit, kann auch eine SVP Frau oder Mann sein, hoffe fest, dass die Strippenzieher zur Abwahl von alt BR Blocher die Quittung präsentiert erhalten.
Bei Abgangshoheliedern auf Leuenberger sollte nicht vergessen werden, dass er - nebst dem aufgabenmaximierenden und das Budget dafuer minimierenden Parlament - der politisch Verantwortliche war, dass
1. Auf der Luftpolizeiwache Kloten zzt eines Flugzeugabsturzes in dem von der Schweiz gratis mitbetreuten deutschen Luftraum der international auch naechtlich empfohlene Wachkommandantstellvertreter eingespart war. Beim Aerar weiss jeder Rekrut spaetestens nach der Brutalisierung zum Kriegsgenuegen in der wenigwoechigen Grundausbildung, dass in jedem Wachlokal rund um die Uhr entweder ein Kommandant oder ein Stellvertreter zum Eingreifen auf Ruf des stehenden Wachsoldaten bereit zu sitzen hat. Erstochen wurde dann der ueberforderte Luftlotse und gehaengt ein paar fuer diesen Systemfehler nicht Verantwortliche.
2. Die 1902 wegen Lebensgefaehrdung der Passagiere durch Aktionaersfettung vor Sicherheit zur SBB verstaatlichten noch strassenkonkurrenzlosen Privatbahnmonopolgoldgruben wurden in der Aera Leuenberger von Sicherheit auf Gewinnsucht zurueckgefahren. Nebst der Verwendung von fuer die Sicherheit verantwortlichen Zugbegleitern als Serviertoechter wurden auch die obligatorischen Bremskontrollen vor jeder Abfahrt in allen Kopf- und Rangierbahnhoefen abgeschafft. Als bei einem aus Zuerich verspaetet abfahrenden Zug auch der "bei erster Gelegenheit nach Abfahrt" vom Lokfuehrer fahrend nachzuholende Bremstest auch weit in der Ostschweiz wegen Zeitmangel noch nicht erfolgt war und eine Kollision mit Millionenschaden ermoeglichte, wurde ein kleiner Zugbegleiter angeklagt, er habe bei einem vom vielen Bremshahnen uebersehen, dass dieser falsch gestellt war. Nach einer jahrelangen Strafverfolgung mit Anschluss eines fuer das Loehnli astronomischen und lebenslang auf das Existenzminimum drueckenden Rueckgriff psychisch schon geschlissen, erkannte schliesslich das erstinstanzliche Gericht gegen den Vernichtung des menschlichen Wracks fordernden Staatsanwalt, dass der Zugbegleiter nicht fuer die Abschaffung von Sicherheitsvorschriften, welche die Kollision verhindert haetten, verantwortlich gemacht werden kann.
Ob die Bremsproben wieder eingefuehrt wurden, oder die Beibehaltung der Abschaffung eines Tages nicht nur Blechschaden, sondern auch so viele Tote kosten kann, wie die kurz vor der Verstaatlichung von 1902 in Muenchenstein im Aktionaersfettungsspar- statt staatlichen Sicherheitsmodus gebaute und unter einem vollbesetzten Zug zusammenkrachende Bahnbruecke, entzieht sich der Kenntnis des Ergaenzungschronisten.
Seltsam, die zweite Seite hat Anton Schaller in seinem Bericht vergessen.
A. Schallers Kolumne lesend fällt mir ein: "Die Friedhöfe sind voll von unersetzlichen Leuten".
zum Abschluss: Brief von BR Moritz Leuenberger an Anton Schaller
Bern, 20. Juli 2010
Lieber Anton,
Deine Anerkennung zu meiner Arbeit hat mich ausserordentlich gefreut. Sie drängt die wenige, aber umso lautere Kritik etwas in den Hintergrund.
Ich durfte während meiner Tätigkeit eine Schweiz entdecken, in der ein direkter Kontakt zwischen Bundesrat und Bürgern tatsächlich funktioniert. Ich habe das bei zahlreichen Auftritten in unserem vielfältigen Lande erlebt, aber auch wenn ich mich in Zug oder Tram (ohne Bodyguards) bewegte und so mit Leuten ins Gespräch kam. Immer wieder erfuhr ich den Beweis, dass der freiwillige Einsatz, das aktive Gestalten unseres Gemeinwesens kein leeres Wort ist, sondern tatsächlich gelebt wird. Ohne diese breite Unterstützung und ohne diesen Rückhalt wäre mir meine Arbeit gar nicht möglich gewesen.
Deine Worte zu meinem angekündigten Rücktritt beweisen, dass es in unserem Lande trotz anderen Behauptungen einen echten Zusammenhalt gibt.
Ich danke Dir dafür!
Mit besten Grüssen
Moritz Leuenberger