Kultur

Das Geld beugt den Geist

„Mit Hilfe des Fernsehens hat ein Prozess der Nivellierung begonnen...

...der alles Authentische und Besondere vernichtet. Das Zentrum erhob seine Modelle … zur Norm, die sich nicht mehr damit zufrieden gibt, dass der Mensch konsumiert, - sondern mit dem Anspruch auftritt, es dürfe keine andere Ideologie als die des Konsums geben. Ein neuer laizistischer Hedonismus, der ahnungslos sämtliche humanistischen Werte vergessen hat und blind ist für jede humane Wissenschaft.“

Diese Zeilen wurden im Jahre 1973 veröffentlicht [*], und zwar von Pier Paolo Pasolini, dem italienischen Filmregisseur, Schauspieler, Dichter und Publizist.

Er ist am 2. November 1975 ermordet worden.

Die Krise der Menschheit    

In seiner umfangreichen publizistischen Aktivität thematisierte Pasolini den Verfall der kulturellen und gesellschaftlichen Strukturen, wie er ihn schon seiner Zeit in Italien beobachten konnte. Hauptmerkmal dieses Verfallsprozesses sei das Verschwinden der Kultur als Grundlage des gesellschaftlichen Fortschritts und das davon induzierte Fehlen von Regeln des menschlichen Zusammenlebens.

Dieser Prozess sei „versteckt“ über die Medien vor sich gegangen und zwar „mittels einer Art heimlicher Verführung.“ Während beispielsweise im 19. Jahrhundert Herrschaftsansprüche und Kolonalisierungen ungeniert mit Gewalt durchgesetzt wurden, seien neuerdings die Methoden subtiler, wirksamer und tiefgreifender geworden. Die alten Werte wurden nicht etwa in Frage gestellt, – nicht nur angekratzt, sondern geschändet, entwertet, zerstört und unter der Hand durch neue ersetzt.

Als einer der ersten hat Pasolini die Krise der Menschheit im ausgehenden 20. und frühen 21. Jahrhundert erkannt bzw. vorausgeahnt: die die Kultur vernichtende Rolle der Medien und des Massenkonsums.

Vom Verfall der Kultur

Siebenunddreißig Jahre sind seither vergangen, und man muss wieder einmal feststellen: Es ist offenbar das Los der Denker und Propheten, öffentlich zu warnen. Zu sagen, was war, was ist und was werden wird, freilich ohne jemals Gehör zu finden.

Der Verfall der Kultur wurde in der Zwischenzeit einerseits weiter gefördert durch einen Multikulturalismus, der Beliebigkeit, Gleichgültigkeit und «laissez faire> mit Toleranz verwechselt.

Andererseits hat der Turbokapitalismus nicht nur die Regeln der sozialen Marktwirtschaft erst ausgehöhlt, dann beseitigt, sondern im Fahrwasser spekulativer „Schätzungen“ nach und nach die Kultur dem Wertesystem des Geldkreislaufes unterstellt. Unter dem gewaltigen Druck der Ökonomisierung wurden Entscheidungen getroffen im Blick auf Publikums- und Profitmaximierung.

„Das Geld beugt den Geist“, so die NZZ schon im Dezember 2004.

Störenfriede und Querdenker

Schließlich hat ein geschickt inszenierter Neoliberalismus mit Hilfe der neuen Informations- und Kommunikationsmitteln erreicht, sich zu positionieren und die „Mitglieder“ der Datenspeicherungsgemeinschaft zu einem passiven, konsumistischen Verhalten heran zu ziehen.

Wer sich all dem entgegenstellte, sich etwa als oppositioneller Störenfried bzw. Querdenker auswies wie z. B. Journalisten, Autoren, Philosophen oder Theologen, wurde als weltfremd und blauäugig diffamiert, als rückständig und überflüssig. Bald brauchte dieses System keine Hindernisse von Seiten einer bürgerlichen Tradition mehr zu fürchten.

Ein neuer „Geist“, der zunächst in Konkurrenz zur Religion trat und immer kecker wurde, („Cleverer als der Heilige Geist“ – SZ im Wirtschaftsteil 2010) vermittelte den Menschen eine totale und einzige Lebensanschauung.

Ohne sich zu erklären hinterließ er ein traditonsfreies Feld; ruinierte Familie, Städte und Dörfer, Vereine und Gemeinschaften, Nachbarschaften, Dichtkunst, Sprache, Mundarten, alles was man bis dahin mit Volksgut bezeichnete.  

„Die Zukunft“ – schrieb Pasolini im Jahre 1973 – , „gehört der jungen Bourgeoisie, die zur Erhaltung ihrer Macht nicht mehr auf die klassischen Instrumente angewiesen ist … Die neue bürgerliche Herrschaft braucht nämlich Konsumenten mit einer ausschliesslich pragmatischen und hedonistischen Mentalität; denn der Zyklus von Produktion und Konsum vollzieht sich am reibungslosesten in einer technizistischen und rein irdischen Welt…“

 

[*] Pier Paolo Pasolini in: Freibeuterschriften, Wagenbach-Verlag, Neuausgabe 1998

Kommentare

Verfall der Kultur?

Was Dieter Schupp und die beiden Kommentatoren schreiben, könnte einen in der Tat zur Verzweiflung bringen.
Ich glaube aber, dass es auch anderes gibt, das einen hoffen lässt. Ich kenne doch einige Mitmenschen, die sich vom sogenannten Zeitgeist nicht anstecken lassen und in ihren vier Wänden sowie auch ausserhalb derselben eine andere, positivere Haltung zeigen.

Mein Nachbar ist 91 Jahre alt, hätte also guten Grund, seine vorgerückten Jahre, die ihm allerlei Gebrechen gebracht haben, sowie den Ungeist der Zeit zu beklagen. Das tut er aber keineswegs. Vielmehr ist er für jeden neuen Tag dankbar, pflegt viele Kontakte und interessiert sich für mancherlei.
Für mich, der ich zwölf Jahre jünger als er bin, ist er ein nachahmenswertes Beispiel für eine positive Lebenshaltung, die über die täglichen scheinbaren und echten Ärgernisse hinweghilft.

Bild des Benutzers Roberto Binswanger

Herausragend

Eine herausragende Kolumne, Dieter Schupp! Wir müssten uns im Seniorweb mehr diesem Thema der schleichenden Vernichtung des Authentischen (dazu gehört auch die Natur) widmen.

Bild des Benutzers Fritz Vollenweider

Bemerkenswert....

...was Pasolini da schreibt. Ich habe dieses Buch seinerzeit auch gelesen. Heutzutage bin ich der Ansicht, dass wir nicht mehr in einer eigentlichen Demokratie, sondern in einer "Ökonomokratie" leben: Das gesamte menschliche Verhalten ist von den Gesetzen und Ansprüchen der Wirtschaft bestimmt. Möglich wird so etwas dank einem anderen meiner selbst gefundenen Begriffe: Nachdem vor etwa 70, 80 Jahren die "öffentliche Meinung" eine immer bedeutendere Rolle spielte, sind wir heute bei der "veröffentlichten Meinung" gelandet (zum erstenmal in einer Buchbesprechung im "Bund" verwendet). Und man beobachte in Radio (DRS2!) und Fernsehen (SF und andere), was heut alles unter dem Begriff "Kultur" Trittbrett fährt. Früher wäre manches davon unter reinem Kommerzialismus abgebucht worden und bei der Sparte Kultur durchgefallen.