Der Präsident des Päpstlichen Rates für die Kultur, Gianfranco Ravisi, erklärte vor einiger Zeit, ihn reue es sehr, dass die Kirche in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht die „Kreuzigung“ von Joseph Beuys erworben habe. Und er fügte hinzu: „Das wäre ein großes Zeichen gewesen. Zwei leere Flaschen, die einmal Blutkonserven enthielten, ein wenig Draht und Holz… Diese Kreuzigungsgruppe gehört in einen sakralen Raum, nicht in ein Museum.“
Die „Kreuzigungsgruppe“, wie Ravisi die Plastik nennt, befindet sich in einem Museum. Genauer gesagt: in der Stuttgarter Staatsgalerie.
Wenn man dort in den Beuys-Raum kommt, kann es geschehen, dass man das Objekt leicht übersieht.
Es besteht aus zwei rohen, unbearbeiteten Holzstücken, aus zwei Plastikflaschen mit Verschluss, aus Schnüren, Draht, einem Elektrokabel, Nägeln, Gips, Zeitungspapier, Farbe. Format: 42,5 x 19 x 15 cm.
Das Objekt steht wandnah unter einer Haube aus Plexiglas, auf einem rund 1 m hohen, weißen Sockel.
Im Raum befinden sich weitere Objekte und Installationen, die allesamt um die Beachtung der Besucher werben.
Die „Kreuzigung“, links neben dem Ausgang, gehört nicht dazu. Sie hat dort ihren Platz, wo die Besucher gerade sinnierend dabei sind, sich über Beuys und seine Kunstobjekte hinweg zu setzen.
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Dennoch: In einer Kirche, wie Ravisi meint, würde dieses Objekt aus sich heraus ziemlich kümmerlich und unscheinbar wirken.
Da müssten zum Beispiel der Speyerer Dom oder das Basler Münster schon total leer geräumt werden, um ein derartiges Kunstwerk zu einer respektablen Wirkung zu bringen.
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Die Anfänge der so genannten «Objektkunst» sind auf Umbruchtendenzen in der Kunst des 20. Jh. zurückzuführen.
Jedes Objekt – wir nennen es so, weil es oft aus mehreren Teilen und auch unterschiedlichen Materialien „zusammengebastelt“ wurde – ist ursprünglich eine Art Antikunst; ein Ausdruck des Protestes gegen alle überlieferten und gängig gewordenen Kunsttraditionen.
Kunst und gerade die Objektkunst kennt keine Herren. Sie hat ihre eigene Sprache und verkündet ihre eigenen Wahrheiten. Selbstverständlich ist sie interpretierbar geblieben, nicht nur für Experten.
Hier eine kleine Auswahl:
Als Beuys 1962/63 sein Werk vorstellte, betonte er, er wolle mit seinen Objekten etwas in Bewegung bringen. Insbesondere den Bereich von Geist und Seele, sei es durch Schock, Verfremdung oder Verwirrung.
Das Festgefahrene erschüttern, das nur allzu Gewohnte aufrütteln, das Geläufige in Frage stellen.
Die rein intellektualisierende, sterile Denkhaltung „unserer Zeit“ (Bundeskanzler K. Adenauer ist 1963 zurückgetreten), vor allem das verkrustete Erstarrtsein und die gezogenen Denk-Grenzen sollten überwunden werden.
Leider kann man das plastische Kunstwerk nicht von mehreren Seiten ansehen, das zudem steril unter einer Plaxiglas-Haube aufbewahrt und ausgestellt wird.
Gianfranco Ravisi beklagte, dass dieses zeitgenössische Vorzeigestück zweckentfremdet dem gläubigen Kirchenbesucher entzogen worden sei.
Er vergass jedoch daran zu erinnern, wie schwer es sich die Kirchen und ihre Gläubigen gerade im 20. Jahrhunderts machten, sich auf zeitgenössische Kunst einzulassen.
Es waren (und sind) nicht selten gläubige Kirchgänger, die eben «christliche» Kunstwerke als blasphemisch und schockierend abgelehnt haben; die Künstler als Scharlatane beschimpften, ihre Werke als Mist, Schmierereien oder Abfallprodukte verhöhnten.
Die Kluft zwischen Kunst und Kirche ist weithin geblieben.
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Jeder Versuch, sie vorsätzlich oder hinterlistig zu vereinnahmen, war und ist zum Misslingen verdammt.
Die Kreuzigungsgruppe von Joseph Beuys ist da wo sie hingehört.