Popper kam 1902 in Wien zur Welt. Er emigrierte 1937 nach Neuseeland und war dort an der Canterbury University tätig. Nach dem 2.Weltkrieg lehrte Popper Wirtschaftstheorie und Philosophie an der School of Economics in London, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1994 lebte.
Poppers gesellschaftsphilosophisches Hauptwerk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ erregte Aufsehen, da er das Falsifikationsgesetz als Grundlage aller wissenschaftlichen Theoriebildungen aufstellte.
Der Philosoph setzte sich entschieden für die Demokratie ein, kämpfte darum ebenso entschieden gegen alle Formen des Totalitarismus als Herrschaftsform.
Wie ist nun die Schweiz in Poppers Buch „Alles Leben ist Problemlösen“ gekommen?
Da ist auf Seite 155 „Zum Thema Freiheit“ zu lesen: „Wir wissen wenig über die Geschichte der Besiedelung der schweizerischen ... Hochalpen, die ja in prähistorischen Zeiten stattfand. Aber wir dürfen wohl darüber nachdenken, wie es dazu gekommen sein mag, dass Menschen, die Ackerbau und Viehzucht trieben, in die wilden und unwegsamen Täler der Hochalpen zogen, wo sie zunächst bestenfalls ein hartes, karges und gefährdetes Dasein fristen konnten.Es ist wohl am wahrscheinlichsten, dass diese Menschen in das Gebirge zogen, weil sie das ungewisse Dasein in der Wildnis der Unterjochung durch mächtigere Nachbarn vorzogen. Trotz der Unsicherheit, trotz der Gefahr wählten sie die Freiheit.
Ich spiele oft und gerne mit dem Gedanken, dass insbesondere die schweizerische und die Tiroler Tradition der Freiheit bis auf jene Tage der prähistorischen Besiedelung der Schweiz zurückgeht.“
Auffallend ist in diesem Zusammenhang Poppers Behauptung, dass die Schweiz und England, „die beiden ältesten Demokratien des gegenwärtigen Europas“, sich einander so ähnlich sind „in ihrer Freiheitsliebe und in ihrer Bereitschaft, ihre Freiheit zu verteidigen“.
Zwar seien die beiden Demokratien grundverschieden. Denn im Unterschied zur englischen sei die Schweizer Demokratie nicht aus dem „Stolz, dem Unabhängigkeitssinn und dem Individualismus eines Hochadels“ entstanden, sondern aus dem Unabhängigkeitssinn, dem Stolz und dem Individualismus von Hochgebirgsbauern.“
Ob das die Schweizer Bürger und Bürgerinnen auch so sehen und bestätigen können? Ich weiss es nicht.
Sir Karl R. Popper behauptet weiter, diese verschiedenen Anfänge haben eben auch zu verschiedenen Institutionen und Wertsystemen geführt. „Was ein Schweizer ... vom Leben erwartet oder erhofft, ist – glaube ich – im allgemeinen recht verschieden von dem, was ein Engländer vom Leben erwartet und erhofft.“
Die Verschiedenheit der Anfänge und Traditionen habe nicht nur zu der Verschiedenheit der Wertsysteme geführt, so Popper, sondern auch zu verschiedenen Erziehungssystemen, die aus den genannten geschichtlichen und sozialen Gegensätzen entstanden seien.
Was jedoch beide Länder gemeinsam haben, sei die Erkenntnis, dass es Werte gibt, „die um jeden Preis verteidigt werden müssen, und zu den Werten gehören vor allem die persönliche Unabhängigkeit, die persönliche Freiheit.“
Aus der Sicht des in England Lehrenden hätten beide nach und nach gelernt, dass die Freiheit erkämpft werden muss, selbst in den Zeiten, in denen der Kampf aussichtslos zu sein scheint.
Popper: „In der Schweiz war es ... die traditionelle Entschlossenheit zu kämpfen – auch gegen einen zweifellos übermächtigen Gegner, wie es zuerst die Habsburger und später das Dritte Reich war -, die den Schweizern ihre Unabhängigkeit während des Zweiten Weltkrieges bewahrte.“
Sir Karl R. Popper schliesst seinen Aufsatz mit diesen Worten beendet: „... wir wählen die politische Freiheit nicht, weil sie uns das oder jenes verspricht. Wir wählen sie, weil sie die einzig menschenwürdige Form des menschlichen Zusammenlebens möglich macht; die einzige Form, in der wir für uns selbst voll verantwortlich sein können.
Ob wir ihre Möglichkeiten verwirklichen, das hängt von allerlei Dingen ab; vor allem von uns selbst.“
Die Freiheit verdanken wir den Walsern
So interessant (und der Schweiz gegenüber liebenswürdig) Poppers Aufsatz auch ist, dürfen wir uns nicht allzusehr auf den Freiheitswillen unserer Altvorderen verlassen.
Es mag durchaus sein, dass die Urbevölkerung unseres Landes, die Kelten, Gallier und die Rätier, durch die verschiedenen Völkerwanderungszüge durch die Schweiz nach Süden in die Berge getrieben wurden oder ausweichen mussten, wenn sie am Leben bleiben wolten. Das "Reduit" war damals schon nicht das Gelbe vom Ei, sondern eine Art Verlegenheitslösung: Bis auf die mühsam gerodeten Alpen hinauf kamen die meist im Flachland gross geborenen Horden der Langobarden, der Goten, der Hunnen, der Wandalen und wer da alles durch die Schweiz zog, nicht.
Die ersten Schweizer Pioniere
Dass nun aber die höher gelegenen Gebirgsflächen gerodet und bewirtschaftet wurden, verdanken wir nicht den Ureinwohnern, sondern den Walsern, die sich im Wallis als hervorragende Berghirten hervorgetan hatten. Insbesondere durch die Erfindung der Sense gelang es ihnen, im Gebirge grössere Mengen Heu für den Winter zu sammeln. In der Surselva ist das noch besonders gut sichtbar: Die romanisch sprechenden Nachfolger der Rätier blieben im Talgrund, während die vom Grafen von Vaz im neunten/zehnten Jahrhundert herbeigeholten Roder und Bewirtschafter der Gebirgsweiden, die Walser, aus dem deutschsprachigen Oberwallis stammten. (Die Walser besiedelten nicht nur die Höhen Graubündens, sondern auch Teile Liechtensteins, Österreichs und selbst Italiens). Im Tessin existiert noch die Walsersiedlung Bosco-Gurin
Die gräfliche Obrigkeit mit all ihren Raubrittern und anderem Gesindel, das auch in der Schweiz schmarotzte, versprach den Walsrn im Gegenzug Freiheiten, von welchen die Rätier nur träumen konnten. In Flims/Laax entstand so einer der drei Bünde (Gotteshausbund, neben Zehngerichte- und Grauem Bund) welche die Basis der bündnerischen Freiheit bilden.
Die Landadeligen der Urschweiz waren die Herren der Gebirgsstrassen, insbesondere des Gotthards. Wer diese benutzen wollte, brauchte deren Zustimmung und musste Wegzoll bezahlen. Die Urshweizer Adligen wurden wie auch Bündner und Walliser Adlige dank der Transporte und der Sicherung der Passstrassen reich an Geld und Einfluss, den sie durch Verkauf ihrer armen (überzähligen) Bauernsöhn) an fremde Armeen noch gewaltig steigern konnten.
Ewige Neutralität nach Westfählischem Frieden
Wenn die Schweiz sich bis zum Zweiten Weltkrieg auf ihre ewige Neutralität berufen konnte, die der Schweiz nach dem Dreissigjährigen Krieg aufoktruiert wurde, dann war das mehr das Verdienst der uns benachbarten Grossmächte, die unsere Berge und Passstrassen schätzten und sie lieber den Schweizern überliessen als ihren potenziellen Feinden.
Zurück zu Popper. Gewiss, Engländer und Schweizer teilen ihre Freude an der Natur, freuen sich über einen teilweise obskuren Parlamentarismus, sind sich aber spinnefeind was das Regierungssystem angeht: Der Föderalismus, Basis schweizerischer Volksherrschaft, ist in England ebenso verpönt wie der Staatskapitalismus des verschwundenen Ostblocks. Die Freiheit der Schweizer Bevölkerrung aber, die sogar Regierungserlasse und parlamentarische Gesetze zu Fall bringen kann - das ist für Engländer etwa so realitätsfern wie der Woodoo-Glaube auf Haiti.
Bernhard Schindler Redaktor Seniorweb alt. stv. Chefredaktor Zofinger Tagblatt