Gesellschaft

Die Schweiz existiert

Die Schweiz existiert

Gedanken zum 1. August 2010

 

Landauf, landab wird gefeiert. Zwar verhalten, nirgends überschwänglich, nüchtern. So richtig zu Festen getraut sich eigentlich niemand. Im Baselbieter Zunzgen gar haben Bürger das Referendum gegen einen Festkredit zum 1. August ergriffen und gewonnen. Da mochte Michline Calmy-Rey nicht ins Baselbiet reisen, um im zerstrittenen Dorf besinnliche Worte an die Bürger zu richten. Jetzt tritt sie im Obwaldner Flüeli Ranft und im Walliser Dorf Turtmann auf. Auch hier in der Toskana, zwei Rippen entfernt von hier, wo ich mir Gedanken zum 1. August mache, am so genannten Schweizerhügel, steigen am 1. August vereinzelt Raketen in den Nachthimmel. Zu einem richtigen Feuerwerk raffen sich die Schweizer auch hier in Italien nicht auf. Man stösst mit einem veredelten Chianti oder einem Grappa an und das ist es dann.

 

Braucht es mehr, braucht es eine eindrückliche Militärparade als Machtdemonstration, wie in Paris am 14 Juli, braucht es einen Tag der Einheit wie in Deutschland, um an die Trennung zu erinnern? Nein. Mitnichten. Auch wenn die Chefredaktoren der grossen Blätter für ihre Wochenend-Ausgaben in die Tasten griffen und nachdenkliche Worte an ihre Leserinnen und Leser richteten. Die Schweiz lechzt nicht nach lauten Tönen, nicht nach Selbstbeweihräucherung.

 

Markus Eisenhut, Co-Chefredaktor des Tages-Anzeigers, der sich ganz selten vernehmen lässt, wünscht sich eine neue Elite in der Schweiz. So klar drückt er sich zwar nicht aus, doch er vermisst in unserem Land Menschen, die intellektuell in der Lage sind, die durch Computersimulationen erstellten Prognosen zu durchschauen, die in der Lage sind, in der immer komplizierteren Welt der Wirtschaft den Kompass für den Weg in die Zukunft zu richten. Er irrt. Die Schweiz lechzt nicht nach Führerschaft, auch wenn die SVP ohne ihren Anführer Christoph Blocher nie das geworden wäre, was sie jetzt ist. Die Schweiz hat immer hervorragende Köpfe hervorgebracht. Menschen mit politischem Führungsanspruch stand sie aber immer skeptisch gegenüber. Das musste auch Christoph Blocher erfahren, als er über seine Partei hinaus im Bundesrat einen erhöhten persönlichen Führungsanspruch in die Tat umzusetzen versuchte. Es waren und sind gerade auch Menschen ohne Führungsanspruch, Menschen gar mit leisen Tönen, die bewirkten, was wir jetzt sind. So wird Micheline Calmy-Rey in Flüeli Ranft sicher an Niklaus von Flüe erinnern, der vor 500 Jahren (1481) von seiner Klause in Flüeli Ranft aus die alten Eidgenossen vor Grossmannsucht und Führungsanspruch eindringlich warnte, als sie sich anschickten als erfolgreiche Söldner in Europa eine Rolle zu spielen: „Machet den Zaun nicht zu weit.“ Wir sind in den Grenzen geblieben, haben uns zu dem entwickelt, was wir jetzt sind:  eine Willensnation, die gerade die jetzige Krise wohl am besten in Europa gemeistert hat. Was soll dann das Gerede von mangelnder Führung, von Verzagtheit in einer sich radikal veränderten Welt? Ja, die Schweiz muss sich mit bewegen, nicht im Gleichklang, gar im Gleichschritt, nicht in der Anpassung, sondern aus ihrer gefestigten Position heraus, als ein Staat, der die direkte Form der Demokratie lebt, der die Eigenständigkeit der Kantone akzeptiert, die Souveränität der Gemeinden, der kleinen Gemeinschaft respektiert, eingedenk ihrer wahren Stärke: Einheit in der Vielfalt.

 

Dennoch: Europa, das sich einigende Europa, bleibt eine Herausforderung. Wir brauchen als Exportland den europäischen Markt zwingend. Europa ist aber nicht mehr zum Nulltarif zu haben. 1992 haben wir die Chance verpasst, dem Europäischen Wirtschaftsraum EWR beizutreten, ohne unsere direkte Demokratie, ohne unsere Staatsstruktur aufzugeben. Wir wählten den bilateralen Weg. Der ist nun zu Ende, wie auch Markus Spillman in der NZZ zum 1. August festhält. Aber auch er weiss keinen Ausweg, er laviert zwischen allen Möglichkeiten. Er mag, er kann sich nicht entscheiden. Er meint, darüber müsse jetzt breit diskutiert werden.

 

Fürwahr. Dazu braucht es in der Tat keine Führerschaft, dazu braucht es couragierte Politiker, die nicht nur an die nächsten Wahlen im Herbst 2011 denken, Journalisten, die nicht in erster Linie situativ zu skandalisieren, sondern fundiert zu informieren wissen, beherzte Wissenschaftler, die verständlich zu formulieren vermögen und, ganz zentral, mutige Frauen und Mannen, die eines nachdrücklich beweisen: Die direkte Demokratie lebt. 

Kommentare

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  Dazu braucht es couragierte

 

 Dazu braucht es couragierte Politiker stand in diesem Beitrag geschrieben.Und wenn Sie zur Verfügung stehen sägt man Ihnen den Ast ab.