Die nachhaltige Wirkung des von der Citykirche veranstalteten Podiumgesprächs über Chancen und Hürden des Islams, insbesondere über Schwierigkeiten bei der Integration, bestimmte das Thema für das letzte Café Philo in Zug im Sommerhalbjahr, zusammen mit dem Bericht über das Orchester „West-östlicher Divan“, gegründet von Daniel Barenboim, um israelische und palästinensische Musiker zu einen.
Mit Gästen aus Politik und dem Türkischen Verein sassen wir anfangs Juli im Garten des Restaurants Guggital im Schatten der Kastanienbäume - schöner konnten Umgebung und Atmosphäre nicht sein. Rasch kamen wir auf Gemeinsames: das kulturelle Erbe der islamischen Zivilisation.
Der Islam Mohammeds hatte die bis dahin in der Weltgeschichte unbedeutende Bevölkerung Arabiens im Laufe der Zeit zu Höchstleistungen auf fast allen Gebieten befähigt. Tagtäglich haben wir mit arabischen Zahlen zu tun und benutzen wie selbstverständlich Bezeichnungen, die arabisch sind: Scheck, Tarif, Magazin, Kabel, Medizin, Satin - um nur wenige zu nennen. Arabische Architektur - erwähnt seien die Alhambra und die Giralda in Sevilla – nahm Einfluss auf das Erbauen von Bogen in der späteren Gotik. Wir verdanken islamischen Gelehrten wichtige Erkenntnisse in der Medizin und anderen Wissenschaften. Averroës und Avicenna gaben uns Kenntnis von Platon und Aristoteles durch Übersetzungen aus dem Griechischen. Die schönen Künste wurden von den Kalifen ebenso gepflegt wie später von den Sultanen.
Berühmt und auch von Arabern als Kultbuch angesehen ist „Tausendundeine Nacht“. Interessant ist, dass nach heutiger Auffassung nicht weibliche Reize, sondern Bildung der Erzählerin Scheherazade immer wieder das Leben rettet, durch immer neue Einfälle zur Fortsetzung ihrer Geschichten.
Goethe nannte sein Alterswerk, eine Gedichtsammlung, “West-östlicher Divan“, nachdem er Gefallen am „Divan“ des persischen Dichters Hafis gefunden und sich in die Lehre des zeitlebens verehrten Mohammed vertieft hatte. Diese Gedichte unterscheiden sich stark in Inhalt und Stil. Reizvoll die Verse „wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“ Zur Kirschenzeit einmal kulinarisch zu deuten! Goethe hat immer grossen Wert auf gutes Essen und Trinken gelegt und hätte Türkenbund und Kerschenplotzer zu schätzen gewusst: Backwerk, türkisch mit Kardamom und Pfeffer oder, westlich, mit Zimt gewürzt, Eier, Butter, Zucker und viele Kirschen, alles goldbraun gebacken, beide unwiderstehlich köstlich.
Im gemeinsamen Erbe der islamischen Zivilisation ist für vieles Platz, und wir würdigen das. Auf die Frage der Gäste, warum Frauen mit Kopftuch ungern gesehen sind, und auf Kritik an kirchlicher Hierarchie konnte nur kurz eingegangen werden: Sehgewohnheiten - vielleicht auch ein Reflex wie beim Kleinkind, das sich beim Anblick von Fremden ängstigt. Bei anderer Gelegenheit kann und soll ausführlicher auf solche und andere Fragen eingegangen werden. Bis dahin aber hindert uns nichts daran, eine Frau mit Kopftuch freundlich zu grüssen und zu schauen, was sich daraus ergibt.
Einen schönen Sommer wünscht und auf gesundes Wiedersehen im Herbst freut sich,
Gabriela Wyss
für das Café Philo