Am 22. September wird es so weit sein: Die Bundesversammlung wird uns, dem Schweizer Volk, dem Staat Schweiz, zwei neue Bundesräte oder gar zwei neue Bundesrätinnen bescheren. Zu sagen haben wir dazu direkt nichts. Indirekt etwas, wenn wir vor vier Jahren das Parlament mitgewählt haben, wenn wir das Wahlgremium, die Bundesversammlung, mitbestimmt haben. In der Tat: Unser Einfluss ist ganz bescheiden. Haben wir gar eine kleine Partei gewählt, ist er sogar verschwindend klein. Haben wir eine Mittepartei gewählt, dann ist der Einfluss ein klein wenig grösser.
Wir können jetzt beinahe jeden Tag mit einer neuen Kandidatin, mit einem neuen Kandidaten via Medien Bekanntschaft schliessen, uns einseitig bekannt machen. Wir sind also in erster Linie Zuschauer, Beobachter der politischen Bühne, auf der sich nun die selbst ernannten Kandidatinnen und Kandidaten mehr oder weniger gekonnt tagtäglich ins Szene setzen, sich auf den Prüfstand stellen, sich dem Stahlbad der öffentlichen und vor allem der veröffentlichten Kritik stellen: Wer ist nun die Wägste, wer der Beste? Wer passt am besten in das Kollegium?
Ja, das Bundesratswerweissen ist seit Jahrzehnten das beliebteste Gesellschaftsspiel der Bundeshaus-Journalisten, der Schweizer Polit-Journalisten überhaupt. Da können sie orakeln, können spekulieren, können den einen Kandidaten in den Himmel hochschreiben, die andere Kandidatin in Fetzen zerreissen. Ich habe das während Jahrzehnten mitgespielt, habe mitgeboten, habe mitgewettet, mitgesendet und mitkommentiert, wer es denn nun werde. Überraschungen gab es eigentlich ganz wenige. Und die ganz saftigen Überraschungen sind uns kaum noch präsent. Wer erinnert sich noch an den denkwürdigen 5. Dezember im Jahre 1973. Alle drei offiziellen Kandidaten der SP, der FDP und der CVP wurden von der Bundesversammlung schmählich im Stich gelassen. Statt Arthur Schmid wurde Willy Ritschard, der SP-Regierungsrat aus dem Kanton Solothurn auf den Schild gehoben, statt dem Tessiner CVP-Nationalrat Enrico Franzoni schaffte es der Zuger Hans Hürlimann, statt dem Genfer Henri Schmitt der Waadtländer FDP-Nationalrat Georges André Chevallaz, alle im ersten Wahlgang. Das war ein Meisterstück der Strippenzieher in den Bundesratsparteien.
Wir waren völlig konsterniert. Die Bundesversammlung musste unterbrochen werden. Willy Ritschard musste von der Polizei mit dem Auto nach Bern gebracht werden. Ich wartete mit dem Mikrophon in der Hand auf den hünenhaften Mann. Als er in der Wandelhalle erschien, bedrängt von einer Hundertschar Journalisten, im Scheinwerferlicht der Kameras, fragte ich ihn, ob er das Finanzdepartement zu übernehmen gedenke. Ohne kurz zu überlegen, sagte er schlicht „Nein“. Ich hatte eine Schrecksekunde, darauf war ich nicht vorbereitet. Irgendwie schaffte ich dann noch ein paar Fragen, die er kurz und knapp beantwortete. Er war nicht ein Mann der vielen, dafür ein Mann der träfen Worte, Willy Ritschard, der 1983 im Amt verstarb. Und wohl unvergesslich bleibt.
Ein Mann, der immer engagiert politisierte, für die Sache der Schwachen kämpfte, aber im Kollegium immer den Konsens suchte. Willy Ritschard war ein Bundesrat der ganz soliden Sorte, ein Mann, der in die Kollegialbehörde passte. Er rieb sich zwar immer wieder an Kurt Furgler, doch das zelebrierte er nicht öffentlich. Er blieb ein Kollege. Den Bundesrat als Kollegialbehörde hegte und pflegte er. Wie dies heute auch der neue im Bundesrat, Didier Burkhalter, so gekonnt vordemonstriert.
So gelten wohl die wichtigste Anforderungen an die Neuen, die wir stellen können, stellen müssen: Wer begreift den Bundesrat als Kollegialbehörde, wer kann Eigennutz, Eigenprofilierung zu Gunsten der Landesregierung hinten anstellen? Wer kann solide arbeiten, wer kann die Departementsarbeit an den Generalsekretär delegieren, ohne den Überblick zu verlieren, wer kann innovative Lösungen entwickeln, um unser Land in einem schwierigen Umfeld selbstbewusst in die in die Zukunft zu führen, wer kann die Schweiz so darstellen und vor allem nach aussen vertreten, dass wir auch in der Zukunft ernst genommen werden? Wer hat die Statur für einen Bundesrat, für eine Bundesrätin, für eine Magistratin für einen Magistraten? Eigentlich ist alles klar. Simonetta Sommaruga hat die Statur und kann es, Johann Schneider-Ammann hat sie auch und kann es auch. Verhindert werden können die beiden nur von ihren eigenen Parteien, wenn doch die Sucht nach Eigenprofilierung ausbricht, wenn dort nicht nach Vernunft, sondern nach Belieben entschieden wird.