Bundesrat werden ist nicht schwer, Bundesrat sein dagegen sehr. Vor allem Bundesratskandidat oder -kandidatin zu werden, ist anscheinend ein Kinderspiel. Man lädt die Medien ein, stellt sich im besten Lichte dar, nimmt noch einen Kollegen oder eine Kollegin mit, der oder die ins gleiche Horn stösst: Sie ist die Wägste, er ist doch unbesehen der Beste, er vertritt die Region, sie vertritt den Kanton, der schon lange auf einen Sitz in Bundesbern harrt. Die Medien kommen, nehmen alles auf und geben es relativ ungefiltert uns Konsumenten weiter. Zurzeit sind es 13 Personen, die sich um die zwei Sitze in unserer Landesregierung bemühen. Ernst zu nehmen sind aber nur ganz wenige, maximal vier, wenn nicht gar nur zwei. Warum tun sich die das an? Ist es schlicht Ehrgeiz, stecken parteipolitische Strategien dahinter, lässt bereits der Wahlherbst 2011von Ferne grüssen? Der Gründe gibt es sicher viele. Und bei jedem der Kandidierenden sind es wohl ganz besondere Motive, die zu erforschen mehr als ein Interview nötig wäre.
Kürzlich bin ich von einer renommierten Personalberatungsfirma angefragt worden: „Haben Sie heute oder morgen etwa eine Stunde Zeit, wir würden Sie gerne interviewen?“ Herr Kurt Lautenschlager (Name geändert) habe sich bei ihnen für eine Kaderposition gemeldet. Herr Lautenschlager sei ihnen als Personalberatungsfirma bereits bekannt, er verfüge über ausserordentlich gute Zeugnisse, habe einen bemerkenswerten Abschluss an der Universität St. Gallen gemacht, verfüge über einen MBA, habe Auslanderfahrung, spreche die gängigen Sprachen. Und weiter: „Er hat Sie als Referenz angegeben. Unser Kunde will ganz sicher sein, dass Herr Lautenschlager die zu besetzende Funktion auch erfüllen kann.“
Meine Antwort war kurz und eigentlich unmissverständlich: „Herr Lautenschlager kann das, ich kenne ihn, habe mit ihm zusammengearbeitet, ich kann Ihnen den jungen Mann wärmstens empfehlen.“ Die Frau am Telefon: „Das genügt uns nicht, wir wollen es genau wissen, wir evaluieren eben sorgfältig. Wir haben mit den Kandidaten ein umfangreiches Assessment durchgeführt, wir haben sie auf Herz und Nieren überprüft. Zwei sind noch im Rennen. Nun stehen noch die entsprechenden Referenzen aus. Können sie nicht doch 60 bis 90 Minuten entbehren?“ Spontan war ich etwas verärgert: So viel Aufwand. Ich liess mich dann doch interviewen. Es war nicht uninteressant. Und das Fazit: Der Mann ist in der Zwischenzeit auf einer hohen Stufe bei der Firma tätig und sehr erfolgreich.
Und wie werden Bundesräte ausgewählt? Nachdem sich die Kandidierenden selbst gemeldet haben, werden sie meistens von ihren Kantonalparteien unterstützt und den jeweiligen Fraktionen empfohlen. In den Fraktionen kennt man sich ja. Die Kandidaten werden bereits am Freitag in den Fraktionen befragt, und dann werden sowohl FDP als auch SP je ein so genanntes Zweier-Ticket zuhanden der anderen Fraktionen beschliessen. Die Fraktionen ihrerseits werden dann relativ kurze Anhörungen durchführen und dann entscheiden. Es kommen dann noch die inoffiziellen Gespräche, gegenseitige Absprachen, die Stunde der Hinterbänkler, die mitzumischen versuchen. Es geht um Sympathien und Antipathien, es geht um inexistente Kantonsklauseln und regionale Interessen, es geht um Machtpositionen und um taktische Manöver. Eines geht dabei unter: eine seriöse Evaluation. Ist die Frau, ist der Mann geeignet als Bundesrat? Da wäre aus der Wirtschaft einiges zu lernen. So bleibt es den Medien vorbehalten, die Kandidaten auf den Prüfstand zu nehmen. Sie tun das mit mehr oder weniger Geschick, mit mehr oder weniger Gespür.
Aber auch dem versuchen sich einzelne Kandidierende zu entziehen. Jacqueline Fehr beispielsweise meldete ihre Ambitionen erst am letzten Freitag an, eine Woche vor der Nominierung in der Partei. Und die SVP, die immer kampfeslustig sich ins Getümmel einer Bundesratswahl zu stürzen pflegt, liess verlauten, dass sie 5 Kandidaten habe, die Namen hält sie zurück. Sie will ihre Kandidaten nicht verheizen, sie will sie einfach nicht in der Öffentlichkeit prüfen lassen. Ein eigentümliches Verständnis von demokratischen Gepflogenheiten einer Partei, die sich immer wieder auf die direkte Demokratie beruft, gar den Bundesrat künftig durch das Volk will wählen lassen. Das Wahlgremium, die Bundesversammlung, lässt sie auch drei Wochen vor den Wahlen im Ungewissen. Wie kann sie da die Wägsten, die Besten wählen?
Kurz kommentiert
Georg Büchner in "Dantons Tod": "Schreien hilft nichts. Wir müssen's wohl leiden."