Der Monat September hat es in sich. Und das jedes Jahr. Die neuen Prämien für die Krankenkasse werden bekannt. Sie werden, sicher wie das Amen in der Kirche, steigen, je nach Kanton, je nach Kasse. Diesmal sollen sie wieder zwischen 7 bis 10 Prozent zulegen, bei einzelnen Kategorien soll der Anstieg gegen 20 Prozent betragen. Jeder kann sich jetzt überlegen, ob er bei seiner Kasse für die Grundversicherung bleiben, oder zu einer anderen, einer billigeren, wechseln will. Jede Kasse muss sich dieser Auswahl stellen. Wichtig ist also, dass wir ganz genau hinschauen, dass wir die Vergleiche, die angeboten werden, auch konsultieren. Für uns ältere Menschen ist auch wichtig zu wissen, dass der problemlose Wechsel lediglich bei der Grundversicherung möglich ist. Die Zusatzversicherung kann nicht so einfach gewechselt werden. Im Gegenteil. Die Kassen sind an uns nicht mehr interessiert, sie schauen genau hin, ob ein neues Mitglied nicht zu grosse potenzielle Kosten mit sich bringen wird.
Und immer wieder stellt sich im September die Frage: Muss das so sein? Ist ein Ende der Aufwärtsspirale nicht zu stoppen? Seit Jahren versucht das Parlament der Kostenexplosion Herr zu werden. Vergebens. Zu gross sind die Eigeninteressen der Leistungserbringer, also der Ärzte, der Spitäler, der Kantone, zu gross die Eigeninteressen auch der Krankenkassen, der Versicherer. Alle haben ihre Lobbyisten im Parlament zu Bern, ihre Parlamentarier im National- und Ständerat, die dafür sorgen, dass nichts passiert, dass vor allem die Eigeninteressen nicht infrage gestellt werden. Und weil nichts passiert, ist es unumgänglich: Die Prämien steigen Jahr für Jahr. So einfach ist das, aber auch so ausweglos. Aber immerhin: Das Parlament sucht zurzeit wieder einmal einen Ausweg: Managed Care ist das Stichwort dazu. Integrierte Versorgung wird das Modell auf deutsch bezeichnet.
Um was geht es? Wir als Versicherte sollen uns einem ärztlichen Netzwerk anschliessen, sollen uns einem Arzt anvertrauen, der uns betreut, der uns jeweils in seinem Netzwerk an den Arzt, den im Netzwerk tätigen Spezialisten, weiterreicht, der uns, je nach Krankheitsbild, weiterbehandeln soll. Die so genannte Fallbetreuung durch einen Arzt würde auch dafür sorgen, dass der Prävention grösseres Gewicht zukäme. Fachleute rechnen damit, dass mit dem Modell rund 5 Prozent der Kosten gesenkt werden könnten. Der Preis dafür ist aber nicht gering: Die freie Arztwahl wäre nicht mehr möglich.
Dagegen wehren sich jetzt aber auch Gesundheitsökonomen. Willy Oggier, der prominenteste der Gilde, meint, dass das Modell auch Gefahren in sich trage. Am Kongress des Schweizerischen Verbandes für Seniorenfragen SVS ortete er beim Modell einen unnötigen Vertrauensverlust der Versicherten ins Gesundheitssystem, weil die freie Arztwahl, die erheblich zum gegenseitigen Verrauen zwischen Patient und Arzt beitrage, nicht mehr möglich wäre. Hier müsse der Ständerat nachbessern, er müsse das Modell offener gestalten, nicht auf den allgemein praktizierenden Arzt einschränken.
Und überhaupt: Oggier will nicht mehr weiter an der Krankenversicherung „herumdoktern“, er will eine umfassende Revision der Schweizerischen Versicherungssysteme. Er sieht die Lösung in einem Zusammenführen der Krankenversicherungen mit der Unfallversicherung, ein Zusammenführen auch mit der Invalidenversicherung. Nur mit einer umfassenden Lösung könne der Kostenexplosion entgegengesteuert werden. Und gleichzeitig äusserte er einen gewagten Gedanken: Bei der demografischen Entwicklung, die auf uns zukomme, bliebe uns letztlich nichts anders übrig, als die Steuergelder neu zu verteilen. Für die Gesundheit müsse künftig eben mehr ausgegeben werden, auch wenn es auf Kosten der Bildung gehe. Wahrlich ein gewagter Vorschlag. Er stellt damit nichts weniger als den so genannten Generationenvertrag in Frage. Nichtsdestotrotz: Wir müssen uns damit auseinandersetzen, ob wir wollen oder nicht.