Wir sassen zusammen in einem Strassencafè auf dem „Bulevar Kralja Aleksandra“ und wollten von ihnen wissen: „Warum gerade die Hauptstadt Serbiens und nicht zum Beispiel Barcelona? Oder London, Berlin, Paris?“
„Keine Ahnung“, antwortete Cècile, „Belgrad ist einfach trendy. Cool und trendy.“ Und David aus Newcastle fügte hinzu: „Oh yes! Very, very trendy.“
Für die jungen, unvoreingenommenen Menschen aus Westeuropa ist Belgrad schon mal darum trendy, weil sich die Stadt auf dem Balkan mit offiziell 1,6 Millionen, inoffiziell und gefühlten 2,6 Millionen Einwohnern, auffällig unterscheidet von anderen, steril gewordenen Grossstädten vor allem in ihren Heimatländern.
Damals sah man in den Fussgängerzonen ab und zu Reisegruppen. Japaner, Österreicher, Deutsche, Schweizer hatten eine „Donaukreuzfahrt zum Superpreis“ gebucht, waren von Passau nach Konstanza am Schwarzen Meer unterwegs und legten in Belgrad einen kurzen Zwischenstopp ein.
Für die Passagiere war im Preis inbegriffen eine zweistündige Stadtbesichtigung in einem „modernen, klimatisierten Reisebus.“
Die Kathedrale der Heiligen Save, die Festung Kalemegdan, das Boheme-Viertel Skardarlija, zum Abschluss noch ein Spaziergang durch die grosszügige Einkaufsstraße Knez Mihailova, und schon ging es wieder zurück aufs Schiff.
„Wer die Stadt samt ihrem imposanten Nachtleben umfassend kennen lernen möchte, der sollte mindestens 72 Stunden investieren“, raten die Belgrader Tourismuswerber.
In einem offiziellen wirtschafts-politischen Halbjahresbericht aus jenem Jahr 2007 kam auf 15 Seiten das Wort „Tourismus“ als Wirtschaftsfaktor kein einziges Mal vor.
Und es sieht tatsächlich so aus, als seien die lobenden Worte der World Tourism Organisation zu Beginn des Jahres nur allzu berechtigt: „Ein sattes Plus von fünf Prozent.“
Es ist offenbar Mode geworden, Belgrad aufzusuchen.
Die Stadt, am Zusammenfluss von Save und Donau gelegen, ist zwar serbisch-balkanisch geblieben, doch ist sie seither internationaler geworden. Noch lebendiger, leichtherziger, einladender geworden.
Geht man in diesem Sommer durch die Ex - Hauptstadt Ex-Jugoslawiens, so ist nicht zu übersehen, vor allem nicht zu überhören: sie ist innerhalb von nur wenigen Jahren zu einem neuen Lieblingsziel für erlebnisfreudige Touristen geworden.
wenige Jahre nach dem NATO-Krieg gegen Serbien und seine Hauptstadt im Jahr 1999.
Wir flogen ab Frankfurt über Wien nach Belgrad. Schon beim Anflug auf die Stadt zogen wir die Augenbrauen hoch. Karge Schlaflandschaften aus Beton und Stahl, die sich gegen Ende des vorigen Jahrhunderts um einige Grade hässlicher als in Westeuropa um Belgrad gelegt haben (wie anderswo auch um die großen Städte des ehemaligen Ostblocks).
Hier auf Dauer zu leben muss doch schrecklich sein, sagten wir uns, als wir im Taxi vom Flugplatz „Nikola Tesla“ Richtung Innenstadt fuhren.
Schmutzig. Hässlich. Trostlos. Farbe müsste her.
Wir wohnten zwar nicht in einem der unüberschaubar großen Plattenbauviertel von Belgrad, sondern in einem - allerdings ebenso grauen - „Wohnsilo“ in der Innenstadt, gegenüber der Technischen Universität.
sah die Stadt Belgrad immer noch aus wie Belgrad, doch war in unseren Augen mit ihr in der Zwischenzeit „irgendetwas“ geschehen.
Die Stadt überraschte uns, machte uns neugierig. Wir suchten nach Gründen.
Vielleicht sind die Frauen noch schöner geworden, gibt es viel mehr sehr schick angezogene Leute, sprechen noch mehr Menschen Englisch und Deutsch, gibt es mittlerweile nicht nur hundert, sondern hunderte von Cafès, Clubs, Kneipen, viel mehr renovierte Repräsentations- und Privatgebäude der späten 1880er Jahre, doppelt so viele Hausboote am Flussufer und – laut Tatjana und Ivo – ebenso unzählige Parties in allen möglichen Locations.
„Das bekommt ihr Schwarz auf Weiss von den Leuten zu lesen, die in ihren Travel-Blogs über Belgrad schreiben. Und es stimmt: Es hat sich hier unheimlich viel getan.“
Dejan, Sportstudent, groß gewachsen, schwarze Haare, blaue Augen, muss es wissen.
Man bekommt es auch Schritt für Schritt zu spüren
Belgrad ist nicht nur der politische und wirtschaftliche, sondern auch der wissenschaftliche und kulturelle Mittelpunkt der Republik Serbien.
Sehr positiv wirkt sich die schleichende Normalisierung der nachbarschaftlichen Beziehungen in der Region aus, was von vielen Touristen aus dem restlichen Europa bestätigt wurde, die eben nach „neuen“ Nahzielen Ausschau hielten.
Wesentlichen Anteil daran haben die verbesserten Infrastrukturen, seien dies neue Straßen, öffentliche Verkehrsmittel oder auch neue Flugverbindungen.
„Das Vergangene ist noch längst nicht vergangen, aber es ist nicht unsere Vergangenheit. Was meine Generation will, ist: dass auch wir endlich gut, glücklich und in Frieden leben können. Und es wäre wichtig und schön, wenn uns möglichst viele andere europäische Nationen dabei helfen würden.“
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