Kultur

Unbekannte Betrachtung zu Dürrenmatts "Tunnel"

Unbekannte Betrachtung zu Dürrenmatts "Tunnel"

Das Unheimliche bei Friedrich Dürrenmatt

An 20. Todestag Dürrenmatts, am 14. Dezember 2010, sollte A. in der Aula des Bezirksschulhauses in B. einen Vortrag halten über das Unheimliche in den Geschichten des Berner Dichters Friedrich Dürrenmatt.

Es war „nur“ eine Auftragsarbeit

Es sei zugegeben, dass es sich dabei um  eine Auftragsarbeit handelte, die A. nicht sonderlich interessierte. Jeder Schriftsteller, der über sich selber lachen kann, ist im Grunde genommen unheimlich. Wenn er dann noch Szenen schreibt (z.B. in „Die Ehe des Herrn Mississippi“), in denen ein Ehepaar vor zwei Tassen Tee sitzt, die beide vergiftet sind, beide aber meinen, nur die Tasse des andern enthalte Arsen – dann lacht zwar das wissende Publikum, aber das Lachen bleibt ihm im Hals strecken.

Unheimlich sind die Geschichten von Edgar Allan Poe. Unheimlich sind die Kurzgeschichten Friedrich Dürrenmatts. Am unheimlichsten fand A. die Geschichte vom kleinen Tunnel kurz nach Burgdorf, durch den ein Zug rast, der sich immer mehr nach unten neigt und letztlich zur Hölle fahren wird – zur Hölle oder auf Gott zu?

„Simplon!???“

Mitsamt einem 24jährigen dicken Studenten an Bord, in dem man unschwer den noch unreifen Pfarrerssohn Fritz Dürrenmatt erkennt, der alle seine Gesichtsöffnungen verstopft: Mit einer Brasil 10 den Mund, mit doppelter Brille die Augen und mit Ohrenstöpseln seine Hörorgane. Er bemerkt als erster, dass mit dem Tunnel etwas nicht stimmt. Während ein Mitreisender aus England nach 20 Minuten erfreut feststellt: „Simplon!“, begibt sich der Student zusammen mit dem ebenfalls misstrauisch gewordenen Zugführer auf die Lokomotive und sieht, dass der Lenkstand leer ist. Der Lokomotivführer ist schon nach 5 Minuten abgesprungen.

Die Lokomotive lässt sich weder bremsen noch in eine andere Richtung steuern. In einer ersten Fassung endete Dürrenmatts Novellendebut mit den Worten: Was sollen wir tun? schrie der Zugführer durch das Tosen der ihnen entgegenschnellenden Tunnelwände hin durch dem Vierundzwanzigjährigen ins Ohr, der mit seinem fetten Leib, der jetzt nutzlos war und nicht mehr schützte, unbeweglich auf der ihn vom Abgrund trennenden Scheibe ruhte und durch sie hindurch den Abgrund gierig in seine nun zum ersten Male weit geöffneten Augen sog. Was sollen wir nun tun? Nichts, antwortete der andere unbarmherzig, ohne sein Gesicht vom tödlichen Schauspiel abzuwenden, doch nicht ohne eine gespensterhafte Heiterkeit, von Glassplittern übersät, die von der zerbrochenen Schalttafel herstammten, während zwei Wattebüschel, durch irgendeinen Luftzug ergriffen, der nun plötzlich hereindrang (in der Scheibe zeigte sich ein erster Spalt), pfeilschnell nach oben in den Schacht über ihnen fegte.

Nichts. Gott ließ uns fallen, und so stürzen wir denn auf ihn zu.“

Ohne theologischen Gehalt?

A. wusste, dass Dürrenmatt in einer späteren Fassung den letzten Satz wegliess, wodurch die Geschichte ihres allfälligen theologischen Gehalts beraubt wurde. Dem widerspricht die Handlung und wie sie der Student erlebt: Die Ereignisse überstürzen sich, während der Zug immer steiler in die Tiefe fährt. Von Gott weg oder auf Gott zu?

A. grübelte nicht lange. Dürrenmatts Gotterkenntnis war immer ambivalent. Einmal massen sich die Menschen an, selber Gott zu spielen („Besuch der Alten Dame“), ein anderes Mal erkennen sie weniger Gott als das Schicksal, das sie einholt (z.B. „Die Panne“)

Dürrenmatts Stoffe sind vom Berner Dichter immer mal wieder umgeschrieben worden, denn es ging dem Autor ja immer darum, die jeweils schlimmst-mögliche Wendung einer Geschichte zu finden. Nicht Tschernobyl hat den „Super-GAU“ erfunden. Dürrenmatt war es, der seinen Zeitgenossen einen Spiegel hinhielt und sich königlich amüsierte, ob sie sich darin nun verabscheuten oder wiedererkannten.

A. las sich quer durchs Internet, wo sich hauptsächlich Gymnasiallehrer mit „Der Tunnel“ befassten. So fand er beispielsweise einen Artikel, der sich auf den Unterricht bezog (http://www.litde.com/erzhlungen-der-gegenwart/friedrich-drrenmatt-der-tu...):

Für Jugendliche nicht geeignet

„Diese Erzählung sollte man nach Möglichkeit nur mit einer Klasse 10 besprechen, da bei jüngeren Schülern das Verständnis für diesen Text schwer zu erwecken sein wird: Sie erwarten normalerweise bei der Interpretation einer Geschichte eine einzige Lösung. Hier aber muss die Deutung offen bleiben, und das Verständnis für die absurde Grundsituation des Textes hängt von der Bereitschaft ab, auf feste Lösungen zu verzichten. Auch die ausführlichen Detailschilderungen fordern von jüngeren Schülern zuviel Konzentration. Auffallend an der Erzählung sind zwei Diskrepanzen:

1. Die surreale Grundsituation eines in einem Tunnel dem Abgrund zustürzenden Zuges ist eingeschnürt in eine sehr reale zeitliche Abfolge: um 17.15 umsteigt der junge Mann in den Zug, und um 18.40 Uhr befindet er sich mit dem Zugführer in der Lokomotive. Von da an sind es nur noch wenige Minuten, bis beide auf dem Führerraumfenster liegen.

2. Die zweite Diskrepanz liegt im folgenden: Während der junge Mann und der Zugführer versuchen, die Ursache für die ungewöhnliche Tunnelfahrt zu ergründen, sind die übrigen Zuginsassen von dem Geschehen unberührt: das Mädchen, der Schachspieler, der Engländer, selbst der Schaffner: Sie nehmen den Tunnel als gegeben und normal hin, und während im Packraum, in dem sich die beiden Männer befinden, alles durcheinander wirbelt, sitzen die Menschen im Speisewagen ruhig wie bei jeder normalen Bahnfahrt und trinken einander zu...“

Nun, wir wissen nicht, was A. in B. zu D. sagen wollte. Jedenfalls hat er den Vortrag nicht gehalten (was ja auch nicht möglich war, weil das Datum des Vortrags erst in drei Wochen ist), auch fand sich kein Manuskript.

Eine stattliche Anzahl Dürrenmatt-Fans, insbesondere Gymnasiallehrer und Theaterdirektoren, warteten am 14. Dezember um 20.15 Uhr eine geschlagene Stunde auf den Referenten. Doch als bis dahin weder A. noch eine Nachricht von ihm eintraf, verlief sich die Gesellschaft und traf sich anschliessend im nahen Sternen bei Stumpen und Bier wieder.

Mögliche Erklärung: ’s Nüüni-Tram

Natürlich hat die Polizei Untersuchungen eingeleitet. Doch A. war fort und blieb verschwunden. Erst Jahre danach, Dürrenmatt war wieder ein bisschen der Vergessenheit anheimgefallen, stiess ein Berner Kantonspolizist, Wachtmeister im Rang namens Studer, auf ein Gedicht von Mani Matter, in welchem das seltsame Verhalten eines „Nüüni-Trams“, geschildert wurde:

„Geschter z'Nacht het ds Nüünitram statt hei i ds Depot z'gah
Plötzlich, niemer weis warum, sys Schinegleis verla
Isch zum Himel ufegflogen und dert natina
I dr Nacht verschwunden ohni Spure z'hinderla.“

Sieben Hunde sollen gejault haben und der einzige Zeuge, ein Betrunkener, der das Tram hinauffahren sah, brüllte: „Oherjeminee!“

Ein Polizist, so das Gedicht weiter, habe vor Aufregung ein Ei gelegt, das eine Frau zum „Stierenoug“ briet, worauf ein Stier aus der Pfanne ausbüxte, weshalb die Frau „Zetermordio“ brüllte...

Bis dr Stier sech in es Tram verwandlet het und so
Uf de Gleis isch wytergfahre gäge ds Tramdepot.

(aus Schallplatte „I ha-n-es Zündhölzli azündet“, Zytglogge 2003).

Soweit Mani Matter.

Der Dürrenmatt-Philologe A., der das Nüüni-Tram für seine Fahrt an den Berner Hauptbahnof möglicherweise benutzt hatte, muss irgend wo auf seiner Fahrt ausgestiegen sein.

Denn weder am Bahnhof noch im Tramdepot ist er je eingetroffen.

 

Kommentare

Bild des Benutzers Fritz Vollenweider

Herrlicher Text...

...lieber Bernhard! Gut, dass Du unter die Kolumnisten gegangen bist, schon deswegen! Dürrenmatt ist der eine, Du bist der Andere. Ihr seid grossartige Autoren mit dem absoluten Gefühl für das Groteske!

Erlaubst Du, dass ich Dir gratuliere?