Elektronik

Haben Sie auch einen PC mit Eigenleben?

Haben Sie auch einen PC mit Eigenleben?

Nun, in dem Fall werden wir uns in den nächsten Leseminuten gut verstehen.

Ich weiss nicht wie es bei Ihrem ist, aber mein Computer ist voller Launen, denen ich im Tempo und Variantenreichtum kaum zu folgen vermag. Ich glaube, häufig ist sein Erstaunen über mein Unverständnis erheblich. Das heisst aber noch lange nicht, dass ich auf sein Verständnis hoffen darf. Ein kleiner sprachlicher Unterschied, mit erheblichen Folgen.

Nein, ich wusste nicht, dass mein PC eine Seele hat. Das stand auch nicht in der Bedienungsanleitung. An guten Tagen verhalten wir uns gegenseitig respektvoll, was sich aber schlagartig ändern kann. Anfangs treibt uns die Neugier, dann der unschlagbare Fantasiereichtum, der gegenseitig in einem Chaos endet.

Es ist beruhigend, wenn man wie ich, bescheiden mit seiner Intelligenz umgeht, der PC mir den fehlenden Rest anbietet. Man kann die eigene Dummheit heute aber auch raffiniert verschleiern. Also in etwa so: Ich gebe meine Unwissenheit als Frage in meinen Computer und präsentiere sein Ergebnis als mein Wissen. Habe ich das richtig erfasst? Es ist schon faszinierend, mit wie wenig Aufwand sich mein Hintergrundwissen steigern lässt...

Nein, wir sind nicht bequemer, blind oder dümmer geworden? Wir sind nur gleichgeschaltet.

Richtig gemütlich habe ich mir mein Leben eingerichtet. Links der gedeckte Apfelkuchen, rechts die Tasse Kaffee und in der Mitte mein bester Freund, der mir die Welt erschliesst. Ich muss mich nirgendwohin bewegen. Keinen Koffer packen, ebenso wenig hirnen, wer das Büsi pflegt und obendrein ist es auch viel billiger. Nehmen Sie nur mal die Fremdsprachen an. Heute überhaupt kein Bedarf mehr, schliesslich kommt die Welt zu mir und da darf ich erwarten, dass sie meine Sprache beherrscht. Ohne Druck von aussen, kann ich mein langsamer werdendes Gedächtnis akzeptieren. Wem sollte das schon auffallen? Mein PC liebt mich gerade deshalb.

Also unter uns: sogar meine voyeuristische Seite kommt voll zum Zuge, in der um sich greifenden Mitteilungsorgie. Körperlich, das gebe ich zu, ist es nicht einfach 24 Stunden abzusitzen. Stellen Sie sich vor, ich könnte etwas verpassen, über was sollte ich mich dann in der Gesellschaft unterhalten. Vom Verstehen rede ich gar nicht erst, es würde mich nur unnötig deprimieren.

Zurzeit wühle ich mich durch das Innenleben meines PCs. Also das könnte man doch wesentlich einfacher gestalten, finden Sie nicht auch? Ich suche zwischen Kabeln, rüttle an Knöpfen, markiere zurückgelegte Wege mit Lippenstift und gebe nicht auf, bei meiner Suche nach der Seele meines Computers. Ich weiss, er hat eine, woher sollte die Intelligenz sonst auch kommen?

 

Ich habe es doch gewusst!

Die Suche war erfolgreich! Mein Computer ist weiblich und deshalb äusserst kreativ.

Stundenlang sehen wir uns entzückt in die Augen. Seit gestern trage ich auch einen satt sitzenden Töffhelm, um einer Verschiebung meines Kopfes in eine Quadratform, vorzubeugen.

Heiri und ich haben unsere Arbeitszimmer jeweils gegenüber dem des Anderen. So sparen wir Zeit, rufen uns ein kurzes Hallo zu und wissen, dass wir noch immer zu zweit leben. Hier wird verkabelt, rationell geliebt.

Regelmässig verfalle ich in ein andächtiges Staunen, über welches Wissen mein PC verfügt.

Ich habe das Innenleben meines PCs beobachtet, aber bis jetzt das wundersame, super intelligente Wesen nicht entdeckt. Lachen Sie nicht. Denken Sie nur mal an die erste Fernsehzeit. Nachrichten: Vater zog sich die Krawatte gerade und Mutter war sorgsam darauf bedacht, dass nicht eine Spur von Haut unter dem engen Jupe heraus blitzte. Man rechnete damit, gesehen zu werden, schliesslich sahen wir den Sprecher auch.

Nein, ich fand im Kabelgewirr kein Männchen, aber die Seele meines PCs und die ist  weiblich. Zart besaitet, mit einem feinen, listigen Humor gesegnet, bis hin zum dominanten Verstummen. Es passt einfach zwischen uns.

Die Frage, bin ich für sie da, oder sie für mich, stellt sich nur, wenn das Chaos ausbricht. Ein Anruf und aus Frutigen naht eine Armada an Wissenden. - Du musst nur hier Söpheli, rauf und runter, rücken, drücken und...verändert sich nichts, dann folgt die übliche Feststellung: das sieht man doch! Dabei wird der fachmännische Zugriff auf die Tasten immer gewalttätiger. Plötzlich Dunkelheit, nichts geht mehr. Ich nehme das mal als Notwehr meines PCs entgegen, der uns auf diese Art verdeutlicht: Keine Verbindung ohne Anstand.

Ich werde mich hüten, diese Art von Streik zu kritisieren. Schliesse behutsam die Tür zu ihrem digitalen Innenleben und wandle entspannend mit meinem Hund an der Kander. Dabei überkommt mich eine Erleuchtung der seltenen Art: Mein PC will vielleicht auch an die frische Luft und den elektronischen digitalen Kopf mal frei bekommen.

Ich krieche hinter meinen Schreibtisch und ziehe alle Stecker und Kabel. Es hat ja aber auch zu viele und noch farbige davon. Das muss ja bei meinem PC zu einem körperlichen Zusammenbruch führen. Ich sage nur Burn out!

Zum Verlüften stelle ich ihn in meinen Gemüsegarten, Nähe des Komposthaufens. Nahrhaft und im engen Kontakt mit verschiedensten Kreaturen. Nach einer Tasse Kaffee und 10 Minuten Entspannungsübungen befreie ich meinen PC von den Schnecken und anderen Gästen. Am Schreibtisch suche ich dann den Weg zurück, vom Stecker zum PC. Nicht perfekt, aber so in ungefähr...Dann streiche ich aufmunternd über seine Tasten und warte.

Mein Computer und ich sind uns wieder einig und auf Draht. So, von Seele zu Seele.

Ach ja, ein Kabel ist übrig geblieben. Leuchtend Rot. Ich habe beschlossen, dass das uns im Arbeitseifer nicht behindert. Sehen Sie das mal so: Diese PC-Wellnesskur führe ich jede Woche durch, das rote Kabel lässt sich schnell gegen das grüne eintauschen. In solchen Dingen bin ich überhaupt nicht kompliziert.

 

Kommentare

Bild des Benutzers anntheres

Und ich behaupte, der Computer hat doch eine Seele...

Schon seit vielen Jahren arbeite und lerne ich mit dem Computer und gebe mein Wissen weiter...In den ersten Jahren hat er mich immer wieder ausgebremst, auch mangels technischer Möglichkeiten... doch wenn ich mit ihm geredet habe, sind wir uns auch wieder einig geworden...
Es fasziniert mich immer wieder - er fordert mich heraus, gibt mir Anregungen zu eigenen Ideen und schubst mich in die Welt hinaus, damit ich dort noch mehr lerne... Dort habe ich viele Menschen getroffen, denen ich sonst nie begegnet wäre...

Und wenn er mich dann mal wieder ausbremst, dann bringe ich ihn sanft und geduldig wieder auf den richtigen Weg... Ob der Computer allerdings weiblich ist, kann ich nicht ganz sicher sagen... aber es ist zu vermuten, denn er geht sehr sensibel auf mich ein und nicht mit brachialer Gewalt, die in der Regel den Männern zugeschrieben wird...;-))
 

In diesem Sinne, danke für den gut skizzierten Gedankengang im Artikel...;-))

Herzlichst Anntheres

 

Bild des Benutzers Soepheli

Humor ist nur mit Seele zuverstehen

Mein lieber Bernhard

wenn vor lauter Intelligenz der Humor und Satire nicht mehr erkannt werden, dann bin ich dankbar, mit meiner Intelligenz im Leben sparsam umgegangen zu sein. So bleibt mir ein grosses Mass an Humor erhalten.

"Wer mich ernst nimmt, ist selber schuld."

P.S. Eigentlich wollte ich die Auflösung meiner PC-Gedanken erst später ins SW stellen, aber Deine hoch intelligenten und weisen Sätze veranlassten mich, für eine sofortige Massnahme. Lies den zweiten Teil auch noch, gäll.

Nüt für Uguet und sei herzlich gegrüsst, Söpheli

Bild des Benutzers Bernhard Schindler

Wissen an sich ist seelenlos

Liebes Soepheli

Ich hatte einmal einen Freund, der hat immer, bevor er an eine Party ging, in seinem Lexikon mehrere Seiten auswändig gelernt. Er wartete ruhig ab, bis im Gespräch ein Thema erwähnt wurde, über das er gerade gelesen hatte. Zum Beispiel über die Internierungsbedingungen in der Schweiz von Bourbaki bis zum Zweiten Welkrieg. Und schwups wurde er der König des Partygesprächs, denn er wusste alles über die militärischen Flüchtlinge, selbst über die Spahi, die einige Monate in Triengen interniert waren..

Natürlich gab es auch Abende, an denen keines der von ihm nachgeschauten Themen angesprochen wurde. Dann begann er eben, in ein Gespräch einzugreifen, das ihm nahe genug zu seinem Hauptthema des heutigen Abends erschien, und mit einem geschickten Schwenk brachte er das Gespräch auf sein Thema - meinetwegen diesmal die Würste, und brillierte  mit seinem Wissen um die bayrische, dänische, schlesische oder Emmentaler Wurstkunst.

Heute besitzt man kein Lexikon mehr, sondern einen Computer. Damals musste man nur das ABC beherrschen, um alles zu finden, was es zu einem besonderen Thema zu lesen gab. (Es sei denn, die Reihe der Lexikon-Bände war noch nicht vollständig ausgeliefert, dann blieb man mitten in der Recherche über das Deutsche Drama des 20. Jahrhunderts bei Zuckmeyer stecken, weil der letzte Band des Lexikons fehlte.)

Das kann einem heute nicht mehr passieren. Im Internet ist alles zu finden, die Wahrheit, die Lüge, die Halbwahrheit und das Gerücht. Und so kann heue auch jeder Deutschlehrer selbst über den modernsten deutschen Literaten etwas schreiben, denn im Internet befindet sich bestimmt schon etwas ähnliches.

Verzeih mir, dass ich diesen Riesen-Schwenker machen musste (eben, so wie etwa mein Lexikonfreund), um auf mein Thema zu sprechen zu kommen: Auf die Seelenlosigkeit der Materie. Zum mindesten die vom Menschen geschaffenen Materie. Ein Ross, ein Leu, ein Mensch, ein Gummibaum oder sogar ein Bergkristall haben eine Seele. Man kann sie fühlen, sie lässt den Baum, das Tier, den Wurm, den Cro Magnon, den Neandertaler denken oder mindestens handeln.

Ein Computer hat keine Seele. Auch das Internet ist gefühls- und seelenlos. Es besteht auch nicht aus Intelligenz, sondern bestenfalls aus Wissen - und dieses wiederum nur entlehnt von jemandem, der meint, er habe etwas Wichtiges dazu zu sagen.

Liebes Söpheli, nun liegt wohl Schnee in Frutigen, seelenvoller Schnee. Drum mach Dich auf, stell den Bildschirm ab, pack Dich warm ein und hole Deinen Göttergatten. Auch er soll mal etwas Beseeltes sehen. Geht hinaus in die verschneite Bergwelt, wo es (aus den Geschäften) bereits weihnächtlich hallelujaht. Und lasst den seelenlosen Computer im Dunkeln sitzen. Ärgern wird er sich bestimmt nicht, denn das würde eine eigene Intelligenz voraussetzen. Aber erholen kann er sich vom ständigen Gebrauch.

Frohe Adventstage

Aus Kölliken Bernhard, 19.11.10