Leben

Nichts sollte für uns unerwartet sein

Nichts sollte für uns unerwartet sein

„Wie lange ich lebe, hängt nicht von mir ab.

Ob ich aber wirklich lebe, so lange ich lebe, das hängt von mir ab.“

Diese, wie andere philosophische Weisheiten, haben wir Seneca zu verdanken, der in einer Zeit [4. v. Chr. bis 65 n. Chr.] ständiger finanzieller und politischer Umwälzungen in Rom lebte. Der Philosoph war einer der Erzieher des Kaisers Nero.

Was ist der Mensch?
„Ein Gefäss, das die leichteste Erschütterung,
der leichteste Stoss zerbrechen kann.“

Seneca ging es weniger um die so genannten klassischen Themen der Philosophie, also etwa um Kosmologie, Ontologie, Metaphysik usw., - sondern im wesentlichen um die Probleme des Lebens und der Lebensführung. Um Lebenskunst.

Seine populärphilosophischen Schriften beziehen sich auf die Fragen der praktischen Ethik und zeigen Seneca als gemässigten Stoiker.

Mit seinen gewonnenen Erkenntnissen wendet er sich nie an ein grosses Publikum, sondern an den einzelnen  Menschen, - berücksichtigt dabei dessen Verhältnisse, Entwicklungen, Umstände, Beziehungen, Erfahrungen.

„Die Philosophie“, schreibt er, „ist ein guter Rat, doch einen Rat erteilt man nicht mit Schreien. Und wo es darum geht, dass einer lernen wolle, so hat man sich einer gelassenen Sprache zu bedienen. Sie geht leichter ein und haftet besser, denn man braucht nicht viele, aber wirksame Worte.
Man streue sie aus wie Samenkörner. So klein diese auch sind, sie entwickeln dennoch ihre Kräfte, wenn sie auf einen geeigneten Boden treffen, - und entfalten mit ihrer kleinsten Grösse das grösste Wachstum.“

Sein Leben lang reflektiert der Philosoph bis ins hohe Alter über die „Dinge des Lebens.“

In einem Brief an den etwa zehn Jahre jüngeren Lucilius, der gerade Prokurator in Sizilien geworden war, schreibt er:

 „Wohin ich mich auch wende, finde ich Beweise meines Alters. Ich war auf mein Landgut gekommen und beklagte mich über die hohen Kosten des baufälligen Gebäudes. Mein Verwalter versicherte, die Schuld liege nicht an einer Vernachlässigung seinerseits; er tue alles. Allein das Gebäude sei alt. - Und dieses Haus war unter meinen Händen errichtet worden.  Worauf muss ich mich gefasst machen, wenn Mauersteine, so alt wie ich, schon mürbe werden?“

Die Wahrheit wahrnehmen. Einsehen, sie sich bewusst werden lassen. Auch Steine haben uns etwas zu sagen.

Seneca schreibt:

„So verdanke ich es meinem Landgut, dass es mir mein hohes Alter unter die Augen gestellt hat. Heissen wir es willkommen, dieses Alter, und halten wir es wohl und lieb.
Es ist reich an Genuss, wenn wir es zu nutzen wissen.
Die Früchte schmecken am süssesten, wenn sie zu Ende gehen.
Das Lieblichste, das jede Lust in sich hat, spart sie auf das Ende. Das angenehmste Lebensalter ist das …, das auf der letzten Stufe steht, denn es hat – dünkt mich – auch seine Genüsse; oder es tritt an deren Stelle eben das, keiner Genüsse mehr zu bedürfen.
Wie wohltuend, seine Begierden müde gemacht und hinter sich gelassen zu haben.“

„Wir werden stückweise weniger“

Der Philosoph zitiert in diesem Brief an Lucilius auch seine Kollegen, die sich ebenfalls ihre Gedanken machten über die Lebenszeit, die „von der Geburtsstunde bis zum letzten Tag“ aus Teilen und Kreisen besteht, aus Bewegung und Stillstand, aus Höhen, Tiefen und Sprüngen  und gibt dann diesen Rat:

 „Man richte also jeden Tag so ein, als ob er die Reihe schlösse, die Summe der Lebenstage voll mache.“

An Seneca erinnern heisst, Ruhe zu bewahren und sich vor einem bösen, verletzenden Überraschtwerden zu schützen.

„Ihr sagt, ‚ich hätte nicht gedacht, dass das geschehen würde’. Ja denkt ihr denn, es gäbe auch nur irgendwas, das nicht geschehen wird, da ihr doch wisst, dass es möglich ist, dass es geschieht; obwohl ihr doch seht, dass es bereits geschah?“

„Auch der Verzageste spricht oft in kühner Rede“

Seneca bringt sodann die Rede auf „Pacuvius, der Syrer“. Man solle sich an ihm ein Beispiel nehmen.

Dieser Pacuvius führte mehrere Jahre die Amtsgeschäfte eines römischen Statthalters in Syrien, das er sich selbst – schreibt Seneca – „durch langen Missbrauch zu seinem Eigentum gemacht hatte.“

Er liess sich, wenn er beim Zechgelage oder bei einem üppigen Schmaus sich selbst sozusagen das Todesopfer gebracht hatte, von der Tafel in das Schlafzimmer tragen, während unter dem Applaus der Kumpane seiner Gelüste zur Musik gesungen wurde:
‚Es ist ausgelebt! Es ist ausgelebt!’
Und jeden Tag ‚begrub’ er sich so.“

„Ich habe gelebt“

Seneca aber wäre nicht Seneca gewesen, hätte er nicht auch daraus eine weise Erkenntnis gewonnen.

„Was dieser Pacuvius bei bösem Gewissen tat, das wollen wir bei gutem tun, schlafen gehen und froh und freudig sagen: Ja. Ich lebe! Und vollbrachte den Lauf, vom Geschicke beschieden.
Fügt Gott den morgigen Tag noch hinzu, so wollen wir ihn fröhlich annehmen.
Der ist der glücklichste, sorgenfreieste Eigentümer seiner selbst, der den Morgen ohne Unruhe erwartet.

Wer sagen kann: „Ich habe gelebt“, steht täglich zum Gewinn auf.“

 

Kommentare

Seneca

Vielen Dank, lieber Dieter, für Deine tiefgründigen Betrachtungen zu Seneca. Es ist sehr wertvoll, sich Gedanken über seine philosophischen Erkenntnisse anzustellen. Leider sind die Menschen unserer Zeit sehr oberflächlich geworden, wie uns das Tagesgeschehen immer wieder beweist. Ich glaube, wir beide "leben" in Senecas Sinn.

Herzliche Grüsse

Ruedi