Wer aber sind Maya L. und Robert T. und woher kennen sie mich? Oder ist es so, dass ich (man) sie kennen müsste? Doch warum wollen die beiden ausgerechnet mich in einen leeren Raum einladen, nur um mir zu zeigen, dass dort die Farbe „Hellblau“ unsichtbar ist?
Wo es doch gar nichts zu zeigen gibt … „In einem leeren Raum wird Hellblau unsichtbar.“
Na und!? Performances heissen halt nun mal so. Oder so ähnlich.
„Performance im Sinne bildender Kunst ist ein offener künstlerischer Prozess in eigener Zeit, der als unmittelbare körperliche Handlung und Präsenz abläuft, und dessen Medium der Performancekünstler selbst ist.“
Das heisst also:
Die Performancekünstler sind nicht austauschbar.
Es finden keine Wiederholungen statt. Alles ist einzigartig.
Alles ist darum so interessant, weil alles erst entsteht.
Eine zeitliche Begrenzung kann/darf es nicht geben.
Oh!! Keine zeitlich Begrenzung?
Das heisst aber auch: Maya L. und Robert T. laden mich nur darum persönlich ein, weil sie mich brauchen.
Mich, den Umstandslosen, der sich auf die von ihnen gewünschten Assoziationswanderungen schicken lässt. Sich in einen „leeren Raum“ begibt, um dort nachzusehen, dass es nichts zu sehen gibt.
Eine verbindliche Definition des Wesens von Performance kann es schon darum nicht geben, weil die Widersprüchlichkeit der Deutungen und Auffassungen wesentliche Bestandteile des Begriffes Performance sind.
Der Begriff selbst entstand vor rund 40 Jahren im englischen Sprachraum für eine aussergewöhnliche Art der Darbietung bildender Künstler und wurde als „Performance“ in unsere Sprache übernommen.
Egal.
Eine persönliche Einladung ist eine persönliche Einladung. Maya L. und Robert T. warteten in der Galerie KCF°, Hollerweg 37, auf mich. Also machte ich mich auf den Weg.
Robert T. begrüsste einen Herrn vom Kulturamt. Er begrüsste auch einen alten Freund, den „glamourösesten Weisen unter uns allen“ und schliesslich die (wie er sagte) „Erschienenen.“
Applaus.
Auf dem Fussboden lagen Unmengen von Brillengläsern und Tempo –Taschentüchern.
Vier Wände. Surreal weiss. Kein Hellblau weit und breit.
War „Hellblau“ etwa noch nicht da? Oder ist es schon da, aber eben unsichtbar?
Die „Erschienenen“ blieben vor den vier weissen Wänden stehen und begannen, sich an die Abwesenheit von Hellblau zu gewöhnen.
Plötzlich machten gefühlte 3000 Watt den weissen Raum noch weisser. Die „Erschienenen“ rückten näher zusammen.
Es blieb dabei: Die Farbe Hellblau ist nach wie vor unsichtbar.
Warum sollte sie sich denn auch zeigen?
Stattdessen zeigte sich jetzt, im weissen Kleid, auch Maya L.
Stumm verteilte sie kleine, weisse Zettelchen, auf denen An-Sehen – Aus-Sehen – Hin-Sehen – Auf-Sehen, Ein-Sehen – Hinein-Sehen und Genauer-Sehen zu lesen war.
Nach (gefühlten) fünfzehn Minuten sammelte Maya L. die weissen Zettelchen wieder ein.
Warum das aus Köln angereiste Duo ihre Performance zum „searchrealyeffect“ oder so ähnlich kurzerhand umbenannte, war für die Erschienenen wenig einsichtig.
Robert T. und Maya L. gingen aufeinander zu, entfernten sich von einander, umkreisten sich wortlos, sprangen nach einer langen Weile auf uns los und schrieen einem jeden mehrmals ins Gesicht: „Hellblau ist kollabiert.“
Schliesslich sollten wir ihnen nachsprechen: „Die Farbe folgte nicht dem Prinzip des hinreichenden Grundes.“
„Bitte wieder und wieder und immer lauter werdend“, wurden wir von Robert T. aufgefordert. Er versicherte uns, total begeistert zu sein.
An einem freundlichen Lächeln liessen es die Erschienenen wiederum nicht fehlen.
Maya L. schrie mit schriller Stimme ihrem Partner Wortfetzen zu: „Hellblau ist kein Aufhel- ler – Farben sind sooooooooo empfindlich - Es gibt nichts mehr zu viiisuuuuuualiiiiisieren- Das Ende jeglicher Reeeegeläääästheeeeeetiiik ist nahe herbei gekoooooooommen“ usw.
Wer hätte das gedacht!
Die beiden Performancekünstler waren nicht mehr aufzuhalten.
Maya L.: „Es gibt keine...“ Robert T.: „ewigen Tatsachen, so wie...“ Maya L.: „...es keine absoluten...“ Robert T.: „Wahrheiten gibt.“ Es folgten endlose Wiederholungen.
Endlich war Schweigen angesagt, doch der Ansage folgte umgehend ein Dementi Roberts, der die Erschienenen bat: „Bitte stellt uns keine Fragen. Wir verweigern so und so die Erklärung.“ Als „Ersatz“ wurde uns eine „Schrei-Performance auf einem Klangteppich“ angekündigt.
Das war zu viel!
*
Zwei Tage später las ich im Feuilletonteil meiner Tageszeitung nur diese Überschrift: „Zwei Aktionskünstler boten aussergewöhnliche Eventkunst.“
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„Aber er hat ja gar nichts an!“ rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser, denn das Volk schien ihm recht zu haben, aber er dachte bei sich: ‚Nun muss ich aushalten.’ Und die Kammerherren gingen und trugen die Schleppe, die gar nicht da war.“
[Christian Andersen, Des Kaisers neue Kleider, erschienen im Jahre 1837]
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Aber er hat ja gar nichts an!
Amusant zu lesen,herrlich beschrieben. Sicher finden sich sogenannte Kunstexperten die uns weismachen, dass nur Kunstbanausen solche Event nicht verstehen!
Herzlich grüsst Manon