Kultur

Sarah Vaughan

Sarah Vaughan

Zum heutigen 21. Todesjahr (3.4.1990) von Sarah Vaughan – Dritte Gründermutter des Jazzgesangs...

1987: Das Konzept des Internationalen Berner Jazz-Festivals war einfach: Nach Bern kam nur, wer Jazzgeschichte machte. So auch die Sängerin Sarah Vaughan, die anlässlich der 13. Gala-Night – nach ihrem letzten Konzert am 10. November 1975 im Basler Stadtcasino – wieder in der Schweiz auftrat. Heute Sonntag jährt sich ihr Todestag zum 21. Mal.

Sarah Vaughan, Bild: William P. Gottlieb, WikimediaIn Bern liess sie sich vom swingenden Trio George Gaffney (piano), Andrew Simpkins (bass) und Harold Jones (drums) begleiten, von der dominierenden und viermal verheirateten Sarah jedoch bewusst in den Schatten gestellt. Sie durchquerte die grosse Bühne im Kursaal mit wogendem Busen unter dem wallenden Kleid und majestätischen Schritten. Kunstvoll frisierter Wuschelkopf, perfektes Make-up, knallrot lackierte Fingernägel; Markenzeichen der damals 63-jährigen.

Auch hier arbeitete „Sassy“ oder „The Divine One“, wie sie genannt wurde, nach ihrem „System“: Aussergewöhnlich ökonomisch, lieferte schnelle Stücke kurz und balladeske Lieder länger ab. Die „Grande Dame des Jazz“ legte Wert auf die Qualität jedes einzelnen Tones. Dafür suchte sie die richtige Distanz des Mikrophon zum Mund. Sensibilität und Präzision gepaart, schien ihr oberstes Gebot, auch da, wo sie improvisierte. Prickelnd erotische Unterströmungen, genussvolles Dehnen der Phrasen, unvermitteltes Improvisieren der Melodiebögen – all dies in einem stimmlichen Umfang, war der Diva eigen. Arienhaftes Pathos, glucksend jubilierender Scat-Gesang, schulmädchenhaftes Piepsen, sublime Brazil-Texturen, trunkene Blues-Intonation; Sarah Vaughan beherrschte die ganze Skala vokalen Ausdrucks, die es für ein Tribut an Jazz braucht. Auch die Liebe für sehr heterogenes Liedmaterial teilte Vaughan mit ihrem Publikum. Sie sang nicht nur Jazzstandards, sondern tummelte sich auch in artfremden Genres wie Musical, Filmmusik, Oper und simplem Pop. Mit ihrer rhythmischen Flexibilität, ihrem jäh sich verändernden Vibrato und einem facettenreichen Timbre erhob sie selbst harmlose Liedchen in den Stand zeitloser Kunst. Auch beim Berner Beispiel „Here`s That Rainy Day“ und Gershwins „Fascinating Rhythm“ fiel – machtvoll pulsierend und dank Vaughans Ausstrahlung – durch die auf das Publikum wirkende Begeisterung und deren Enthusiasmus auf.

Die grosse Dritte des weiblichen Jazzgesangs

Sarah Lois Vaughan, geboren am 27. März 1924 in Newak, New Jersey, starb am 3. April 1990 in Los Angeles. Ihre grösste Leistung war wohl, sich in der Zeit von Billie Holiday und Ella Fitzgerald als eigenständige Sängerin zu etablieren. Sie gilt neben den beiden als eine der bedeutendsten Vokalistinnen des Jazz. Noch mehr als ihre Kolleginnen aus dem Swing verstand sie sich als Instrumentalistin und Partnerin der Improvisatoren, sie arbeitete bewusst an der dunklen kehligen Klangqualität ihrer Stimme und war nicht zufällig auch eine exzellente Pianistin.

Nach anfänglichen Auftritten in zügigen Konzertsälen und raucherfüllten Clubs schaffte es Sarah Vaughan, Einzelkind eines Zimmermanns und einer Wäscherin, und von Earl „Fatha“ Hines an einem Amateur-Wettbewerb 1942 entdeckt, nach mehr als vierig Jahren harter Arbeit an sich selbst, dass ihre Stimme einwandfrei blieb. Mehr noch: Ihr Stimmumfang, der schon immer mehr als dreieinhalb Oktaven umfasste, war mit den Jahren noch grösser geworden. Er reichte bis in die Baritonlage hinunter, um sich dann in schwingende Höhen zu begeben. Billy Eckstine wurde ihr guter Freund, und als er seine eigene Band gründete, kam sie zu ihm und nahm ihre ersten Schallplatten Mitte der 1940er Jahre auf. In Eckstines Orchester spielte sie Dizzy Gillespie und Charlie Parker. Die Sängerin und Pianistin trat mit ihnen auf und hatte seither mit sämtlichen Grössen der Jazz-Aera zwischen Swing und Bebop gearbeitet. Mit den genannten beiden aussergewöhnlichen Musikern startete sie nach dem Zweiten Weltkrieg ihre famose Solokarriere, die sie auf die Stufe als eine der grössten Jazzsängerinnen des 20. Jahrhunderts stellte. Gemeinsam mit Frank Sinatra und Count Basie bestritt sie im November 1975 ein rekordbrechendes Gastspiel im Palladium Theatre in London. 1977 unterzeichnete sie bei Norman Granz, der auch Ella Fitzgeralds Manager war, einen Plattenvertrag bei dessen Label Pablo Records.

Sie war bis zu Beginn ihres Krebsleidens Ende der 1980er Jahre ständig auf Tournee und liess sich verstärkt von Sinfonieorchestern begleiten. Auch das letzte Lebensjahrzehnt brachte ihr Ehrungen: 1982 erhielt sie den „Grammy for the best Vocal Jazz Performance“ und 1989 den „Lifetime Achievement Grammy“, 1985 wurde sie in die Hall Of Fame des Down Beat gewählt. All diese Auszeichnungen würdigten ihren Beitrag zur amerikanischen Musik und ihren Status. Vaughans letztes eigenes Album war „Brazilian Romance“, produziert und komponiert von Sergio Mendes, anfangs 1987 in New York und Detroit entstanden.

Eine erste grosse Hommage an Sarah Vaughan, der verstorbenen Primadonna des Jazz, wurde anlässlich ihres Geburtstagsmonats – soweit ich mich erinnern mag – im März 2002 im Wiener Konzerthaus mit Dianne Reeves, der neuen Diva des Jazzgesangs, präsentiert…

„April in Paris“ mit Sarah Vaughan (youtube)