Am Dienstag war es Jörg Kachelmann, am Mittwoch Sepp Blatter. Beide standen im Scheinwerferlicht der Weltmedien, immer wieder ist ihre Herkunft betont worden: der Schweizer Wettermoderator, der sexuell unersättliche TV-Star, der listige, der mit allen Wassern gewaschene Schweizer FIFA-Präsident. Bei Blatter ab und zu mit dem Zusatz: der Walliser. Walliser als Synonym für Verschlagenheit, gewitzigt gemischt mit angeborener Bauernschläue, die unseren Wallisern eigen sei. Blatter habe und werde alle über den Tisch ziehen, so die weit verbreitete Meinung in der Medienwelt. Eine britische Boulevardzeitung setzte Blatter am Vortag seiner glanzvollen Wiederwahl in der Karikatur auf der Titelseite gar neben Gaddafi, ein Monster, wie der Diktator in Triopolis, das nicht zu beherrschen sei.
Mit stoischer Ruhe, im Fokus der Öffentlichkeit, im überfüllten Gerichtsaal, vor den akkreditierten Journalisten, stellvertretende für die Öffentlichkeit, nahm Jörg Kachelmann am letzten Dienstag entgegen, was er sich erhofft hatte: den Freispruch. Er als mutmasslicher Vergewaltiger, die Nebenklägerin als mutmassliches Opfer mussten vom Gericht aber auch zur Kenntnis nehmen, dass nicht erwiesen sei, dass Kachelmann nicht doch ein Täter, und die Nebenklägerin musste anhören, dass nicht erwiesen sei, dass sie nicht doch eine Lügnerin sei. Die Medien hatten schnell die Bezeichnung für das Urteil zur Hand: ein Freispruch zweiter Klasse. Einzelne griffen gar noch tiefer: ein Urteil dritter Klasse. Und was nun? Ist Freispruch nicht Freispruch?
Es scheint, als wollte es das Gericht allen Recht machen: dem Angeklagten, dem die Tat nicht bewiesen werden konnte, der Nebenklägerin, die nicht zweifelsfrei darlegen konnte, dass sie nicht doch einen Racheakt vollzogen hatte, den Anklägern, dem Staatsanwalt, dass sie doch nicht so unrecht hatten mit ihrem Strafantrag, den Verteidigern des mutmasslichen Täters, die aggressiv und vor allem fintenreich die Anklage zerpflückten und wohl nicht zuletzt den Medien, die im Vorfeld, in zwei Lager geteilt, eine Vorverurteilung beziehungsweise einen Freispruch vorweg nahmen. Auf der einen Seite die seriöse Wochenzeitung „Die Zeit“ und das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, die auf der Seite des Angeklagten agierten und die Springer- und die Burda-Presse auf der anderen Seite, die engagiert die Position des mutmasslichen Opfers ergriffen. Aber auch den Medien zeigte das Gericht die gelbe Karte, auch die Medien bekamen in der Urteilsbegründung ihr Fett ab. Sie hätten unzulässig mit ihren Publikationen in den Prozess eingegriffen, die Öffentlichkeit mit unzulässigen Vermutungen, Halbwahrheiten bedient, mit grossen Geldbeträgen Storys und Interviews von Prozessbeteiligten, vornehmlich von verflossenen Geliebten des Angeklagten, gekauft und publiziert.
Und am Mittwoch: Blatter bewältigte die stundenlange Generalversammlung der FIFA, die mit ihren Traktanden an eine Vereins-GV schweizerischer Observanz erinnerte, unaufgeregt, gar gelassen, obwohl immer die Kameras der Weltmedien auf ihn gerichtet waren. Er regte grundsätzliche Erneuerungen an, setzte sich mit allen Anträgen durch, vor allem mit dem Antrag, dass künftig die Vollversammlung der rund 210 Länder, die in der FIFA zusammengeschlossen sind, die Vergabe der Fussball-WM bestimmen soll. Er stellte sich im Traktandum 14 zur Wiederwahl, verliess den Saal, wie das auch in Vereinversammlungen üblich ist. Von den 203 Ländervertretern erhielt er 186 Stimmen. Wahrlich ein Glanzresultat. Die Medienleute waren erstaunt, einige entsetzt. Hatte nun Blatter alle über den Tisch gezogen, oder haben die Vertreter der 203 Länder ihm einfach grossmehrheitlich das Vertrauen ausgesprochen? Sind die alle korrupt, sind die alle von allen guten Geistern verlassen? Oder hatten sich die Journalisten, die Kritiker einfach getäuscht? Ist Blatter nicht doch ein guter FIFA-Präsident, der dem Weltfussball viel gegeben hat? Hat er nicht Afrika mit der WM in Südafrika in den Schoss der Weltgemeinschaft geholt, hat er die FIFA nicht auch reich, einflussreich gemacht, dem Sport als schönste Nebenbeschäftigungen gar ein neues Glanzlicht aufgesetzt?
Und wir? Müssen wir uns für ihn schämen, oder können wir stolz auf ihn sein?
Müssen wir uns für Jörg Kachelmann schämen, hat er mit seiner Sexgier, die in allen Facetten an die Öffentlichkeit gezerrt worden ist, das Ansehen der Schweiz beschädigt?
Sepp Blatter ist ein polyglotter Schweizer, der mit seiner Erfahrung, seiner Walliser Herkunft, viel, sehr viel erreicht hat. Blatter, ist ein Mann, der auch in der Schweiz Neider hat. Er führt die FIFA durch stürmische Gewässer; wo viel Geld im Spiel ist, ist die Korruption nicht weit. In einem Weltverband kommen eben alle Mentalitäten, alle Gepflogenheit, alle Usanzen in dieser Welt zusammen. Ein Weltverband ist keine Sonntagsschule, ein Weltverband ist gleichsam ein Spiegelbild der Verfasstheit dieser Welt. Blatter führt den Verband auf dem hohen Seil, er hat die Balance zu halten, er hat die unterschiedlichsten Ansprüche auszugleichen. Er tut dies wie ein Schweizer Vereinspräsident, mit Traktandenliste, Anträgen, Abstimmungen, zumindest der Rahmen ist urdemokratisch, schweizerisch. Und das ist so schlecht nicht. Auf jeden Fall dürfen wir stolz drauf sein, dass unser Land grosse internationale Organisationen beherbergen darf, dass grosse internationale Organisationen unser Land als geeignet erachten, von hier aus weltweit zu agieren. Auch wenn sie keine Steuern zahlen, so ist doch die Wertschöpfung für unser Land gewaltig. Sepp Blatter hat als 75-jähriger, weit im Pensionsalter fortgeschritten, das Vertrauen von 186 Länder erhalten, so schlecht ist auch das nicht.
Bei Jörg Kachelmann ist es anders. Er ist nicht verantwortlich für einen Verband, eine Institution, für die Reputation der Schweiz, obwohl er als Schweizer die Hoheit über die Wetterprognosen in unserem nördlichen Nachbarland erreicht hatte, ein Exportgut der Schweiz geworden war und deshalb so sehr im Fokus der Medien stand und weiterhin stehen wird. Er ist trotzdem nur sich selbst gegenüber verantwortlich. Nur er selber weiss, ob er sich schuldig gemacht hat oder nicht. Für ihn können wir nicht in Sippenhaft genommen werden.
|
|
Twittern |
Beifügen könnte man vielleicht noch, dass sich auch die Tagesschau von SFDRS freudig und impertinent regelmässig, an der Miesmachkampagne gegen Blatter beteiligt hat. Und dann wundert man sich dort noch, wieso die Einschaltquoten im tiefer sinken und vorallem die Jungen dieses Programm immer mehr meiden.
Zweimal fast das gleiche Thema an einem Tag. Einmal als Glosse und einmal als Kolumne.
Bahnt sich da ein Kräftemessen an, Schaller vs. Myltz. Oder ist es einfach Zufall. Ich finde beide Beiträge gut.
Martin H. Bader
Blatter
Blatter ist der Kopf einer korrupten Organisation. Und der Fisch beginnt bekanntlich am Kopf zu stinken. Blatter hätte acht Jahre Zeit gehabt, diesen Stall auszumisten. Ob er selber korrupt ist oder nicht, ist dabei nicht von Bedeutung.
"Wenn Du nicht Teil der Lösung bist, dann bist Du Teil des Problems"
Meine Website
Carpe diem