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Schweizer - ein Volk von Mietern

Schweizer - ein Volk von Mietern

Bausparinitiativen und Steuerbegünstigung für die Erstellung von Eigenheimen haben in der Schweiz kaum Erfolg.

Wir Schweizer sind ein Volk von Mietern. Nur knapp ein Drittel aller Einwohnerinnen und Einwohner leben in einem Eigenheim, in einem eigenen Haus oder einer Eigentumswohnung. Im Gegensatz zur Bundesrepublik Deutschland, wo nach dem Krieg unzählige zerstörte Häuser wieder aufgebaut und neuer Wohnraum geschaffen werden musste, gab es in der Schweiz kaum je wesentliche Anreize zum Bausparen. Auch wurde der immer knapper werdenden Raum für neue Häuser immer teurer, so dass sich nur die Reichen und der gehobene Mittelstand bereits in jungen Jahren einen eigenen Wohnraum leisten können. Zwar zahlt man in der Schweiz in der Regel seine Hypothekarschulden nicht oder so spät wie möglich ab (weil Schulden von der Steuer abgezogen werden können), aber gerade jene Schicht qualifizierter Leute, die sich ein eigenes Haus mit Hilfe der Bank leisten könnten, wissen nicht, wie lange sie in der gleichen Stelle verbleiben oder ob ein Karrieresprung nur durch Wechseln des Wohnsitzes möglich wird.

Besitzende sind bessere Staatsbürger

Insbesondere in bürgerlichen Kreisen sieht man es gern, wenn sich ein Staatsbürger Wohneigentum schafft. Wer Besitz aufweist, wird diesen nicht so gern wieder verschleudern, bleibt als Staatsbürger seinem Land und der dazu gehörigen Armee treuer erhalten als Mieter, die als Nomaden einfach weiterziehen können.

Diese Ansicht war zu Beginn der diesjährigen Sommersession im Nationarat wiederholt zu hören: Besitzende sind zuverlässiger,  heimatverbundener als Mieter, die nichts zu verlieren haben und je nach Bedarf von der Stadt ins Dorf oder vom Land in urbane Zentren oder sogar von der Schweiz ins Ausland wechseln können.

Wieder einmal nur für die Reichen

Dem gegenüber argumentierte die Linke, sowohl die beiden vorhandenen Bauspar-Vorlagen wie auch der als Gegenvorschlag vorgesehene Steuerabzug von 10 000 Franken im Jahr seien nicht geeignet, insbesondere junge, in der Ausbildung stehende Fachleute zum Bausparen anzuregen. Denn wer könne es sich heute schon leisten, jedes Jahr für einen irgendwann einmal möglichen Hausbau 10 000 Franken auf die hohe Kante zu legen?

Der Nationalrat hat dem steuerbegünstigten Bausparen zugestimmt, wie zuvor schon als Erstrat der Ständerat, dieser allerdings nur mit hauchdünner Mehrheit. Sollte die Kleine Kammer bei der Schlussabstimmung nochmals darauf zurückkommen und anders entscheiden, ist die ganze Frage einer vermehrten Wohneigentums-Förderung für lange Zeit vom Tisch. Sollten aber beide Räte zustimmen, dann wird nur ein Referendum zur Volksabstimmung führen, weil dieses Traktandum der fakultativen Abstimmung untersteht.

Wir bleiben ein Volk der Mieter

Wie auch immer die beiden Räte in der Schlussabstimmung entscheiden werden, die Schweizer bleiben ein Volk der Mieter. Nirgends auf der Welt gibt es so schönen, komfortablen und problemlosen Wohnraum zu mieten. Natürlich kumulieren sich die monatlichen Zinsen im Lauf der Zeit zu Summen, mit denen man problemlos Eigentümer/in von Wohnraum werden könnte. Aber das dann zum meist nicht vorausberechenbaren Aufpreis, für alle Reparaturen selber verantwortlich zu sein. Als Mieter kann ich dem Besitzer einer Wohnung anrufen und ihn darauf aufmerksam machen, dass das Dach rinnt, die Fenster nicht richtig schliessen oder die Wasserleitung tröpfelt. Der Vermieter ist verpflichtet, solche Schäden innert nützlicher Frist zu beheben. Passiert das nicht, kann der Mieter, die Mieterin sich auf Kosten des Hausbesitzers im Hotel einquartieren, bis das Ungemach beseitigt ist.

Folgekosten auch berechnen

Auch rechnen manche Leute, die sich eine eigene Liegenschaft wünschen, nicht damit, dass viele günstige Häuser, die innert weniger Wochen von Billigfirmen hochgezogen worden sind, nicht richtig auslüften konnten und Kondenswasser speichern. Wer weiss schon bei Baubeginn, dass Waschmaschinen, Backherde und andere eingebaute Geräte keine unendliche Lebenszeit haben und in der Regel spätestens nach 15 bis 20 Jahren ersetzt werden müssen? Dass alle Reparaturen auf Kosten des Hausbesitzers gehen und dass man insbesondere in verdichteten Wohngegenden mit Eigentumswohnungen oder viel zu nah aufeinander sitzenden Einfamilienhäuschen bald einmal auf Nachbarn treffen kann, auf deren Anwesenheit man liebend gern verzichten würde?

Die Schweizer Mieter haben sich ihre Rechte redlich erstritten, nicht zuletzt, weil sie ihre Vertretungen in allen eidgenössischen, kantonalen und gemeindeeigenen Behörden haben. Sie werden kaum ein grosses Interesse haben, noch mehr freie Wiesen mit Einfamilienhäuschen verbauen zu lassen.

Wir Schweizer sind stolz auf die Errungenschaften, die uns heute einen weit herum bewunderten Wohlstand beschert haben. Ich meine, dieser Stolz sollte durchaus genügen, uns als Staatsbürger mit Rechten und Pflichten auseinander zu setzen. Wir brauchen keine „Besitzer“ der Schweiz!