Rund um uns herum ist Ferienzeit ausgebrochen. Der Nachbar links lüftet im Garten sein Doppelzelt. Der Nachbar rechts putzt sein Wohnmobil, das die ganzen Arbeitsmonate hindurch irgendwo in einer überdachten Abstellhalle von Ferien im Süden träumte. Der Dorfverkehr hat deutlich abgenommen. Die Staumeldungen vom Gotthard nehmen wir schon gar nicht mehr wahr.
Ferien, Urlaub nehmen, sich er-lauben, Ferien zu machen – das muss ein in die Steinzeit der Menschen zurückführendes archaisches Bedürfnis sein: Der Mann will für einmal nicht mehr jagen und nur noch Met saufen wie die Germanen und auf einem Bärenfell am Meer sonnenbraten. Und die Frau überlässt ihre Kinder den Pfadfindern oder der Kirche und geniesst das Nichtstun. Die Steinzeitfrau hat sich ein Glanz- und Gloria-Heftchen in deutschen Runen gekauft und träumt von Märchenprinzen und Drachenjägern.
Gehen wir dem Wort „Urlaub“ auf den Grund. Es ist eindeutig germanisch-gotischen Ursprungs: Ur-„laub“ und „Leaves“ haben die Blätter des Baumes im Visier: Der Deutsche geht in Urlaub, der Engländer „leaves“, haut ab und verliert so seine „Blätter“. - Die Alemannen, von denen wir Deutschschweizer abstammen, mussten Häusle bauen und hatten weder Ferien noch Urlaub.
In der Eiszeit gab es keine Laubbäume, nur Tannen und niedriges Gewächs. Also muss die Idee, irgendwo Ferien zu machen, erst nach der letzten Eiszeit entstanden sein. Als die Bäume Laub entwickelten, das so genannte Ur-Laub, das dann in den Novemberstürmen dahin gefegt wurde. So manches Erdmannli wird sich beim letzten Blick aus der Höhle, bevor es den Stein davor rollte, gesagt haben: So wie das Laub der Bäume möchte ich es auch einmal haben. Einfach ab in den Süden.
Und das taten ja dann alle germanischen Völker, die Goten, die Franken, die Burgunder, die Hamburger, die Kölner, die Hannoveraner. Und ihnen nach machten es die Hunnen und drüben in Israel die Israeliten, die vom Reisebüro Moses & Co vierzig Jahre in der Wüste herumgeführt wurden, bevor sie das Land fanden, wo Milch und Honig fliesst. (Nach vierzig Jahren ungesalzenem Manna würde ich wohl auch übertreiben).
Die Völkerwanderung machte dem Römischen Reich den Garaus. Friedrich Barbarossa später dem Papst. Die Wandalen waren gar nicht so, wie sich unsere Schüler heute oft mit öffentlichem Gut benehmen. Die letzten Völkerwanderer waren Napoleon der Erste und Hitler der Letzte. Sie wanderten nicht in den Süden, sondern in den Osten und waren schneller zurück in Paris oder Berlin als sie gebraucht hatten, Moskau zu belagern.
Ferien – ab in den Osten, den Westen, den Süden. Nur weg vom kalten Norden. Überall ist’s schöner als zu Hause. Nirgends stechen die Mücken bissiger als in Südfrankreich, nirgends verdirbt man sich den Magen so heftig wie in Ägypten. Und nirgends wird so deutsch gegessen wie am Gardasee.
Zwar ist das Hotel einen Kilometer vom Strand entfernt und der Balkon zeigt gegen die Berge. Der Kaffee am Morgen ist kein köstlicher Espresso sondern eine dunkle Brühe, die entfernt nach Tee und Suppe riecht.
Aber der Urlaub packt uns. Wir lüften unsere schweizerisch verstaubte Seele am schmutzigen Meeresstrand (von Baumeln kann längst keine Rede mehr sein). Wir verlieren die Kreditkarte und bald den Kredit. Wir begegnen den Müllers und den Hubers und den Meiers und sehen mehr Kölliker als je zu Hause im Bärentatzendorf.
Bekanntlich haben allerdings Kinder und Grosseltern keine Ferien. Kinder gehen noch nicht zur Schule und wir Grosseltern dürfen nicht mehr ins Geschäft. Wir hüten die Enkel, derweil deren Eltern den Himalaja besteigen oder per Frachter nach New York schiffen. Und die Kleinkinder krabbeln im Aargau ohnehin sicherer als auf griechischen Felsen.
Urlaub, dieses archaische Bedürfnis, sich einmal selber davon laufen zu können, das kennen nur noch die Berufstätigen, die nach drei Wochen braun gebrannt und etliche Wertsachen leichter wieder zurückkommen und erzählen, wen sie alles in Rimini, in Paris oder in der Normandie getroffen haben.
Zwei Wochen später sind dann die Urlauber wieder weiss wie eh und je. In der Schweiz ärgern sie sich über die am Sonntag am Stewi-Ständer aufgehängte frische Wäsche, derweil sie in Neapel die prallvollen Wäscheleinen quer über die Strasse und den Müll von vor zwei Wochen so romantisch gefunden haben.
Und dann, sind die Eltern endlich wieder zu Hause, dann feiern Grosi und Opa ihre Ferien: Ferien vom Hund der Tochter und der Katze des Sohnes und den Kindern aller beider.
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Danke . . .
lieber Bernhard, ich habe mich lange und ganz köstlich amüsiert. Albert Hahn, wieder in der Schweiz zurück oder so.