Wir sehen die Bilder jeden Tag in der Tagesschau: Ein grosses Gebäude erscheint auf dem Bildschirm, im Hintergrund ein riesiger Komplex aus Glas und Beton in irgendeinem Land dieser Welt. Davor – meistens in der Anfahrt – weht ein Fahnenmeer, steht Fahnenmast an Fahnenmast. Die Flaggen der Nationen wiegen sich im Wind, genau so viele Fahnen wie Delegationen auch teilnehmen an der grossen Konferenz zum Klimaschutz, zum Artenschutz, zur Abrüstungsverhandlung, jetzt vor allem zum Bändigen der Wirtschafts-, Finanz- und Eurokrise. Schwarze Limousinen fahren vor, gut gekleidete Delegationsleiter und -mitglieder – meist Männer, umrahmt von wenigen Frauen – steigen routiniert aus, schreiten mit wiegenden Schritten am Spalier der Kameraleute und Journalisten aus aller Welt vorbei, wollen sich partout nicht in Gespräche einwickeln lassen, wollen ungestört zu ihrer Arbeit schreiten, sie wollen meistens in irgendeiner Form die Welt retten. All die Bilder sollen zeigen: Da machen sich die wichtigsten Player dieser Welt daran, die grossen Probleme der Welt auch zu lösen, unsere Probleme. Alle wollen, dass möglichst viele Länder daran teilnehmen, dass alle zur Lösung beitragen. Die Organisationen sind jeweils stolz, wenn die wichtigsten Player der Welt mit von der Partie sind, wenn sie möglichst viele Flaggen aufziehen können, wenn die Konferenz so farbig wie nur möglich ist.
Am letzten Freitag bin ich an drei Schulhäusern in meinem Wohnquartier, im Zürcher Seefeld, vorbeigekommen. Bei zweien sah ich einen farbigen, einen lockeren, aber geordneten Betrieb auf dem Schulhof. Alle Klassen waren auf dem Pausenplatz versammelt, sie bildeten einen grossen Kreis, eine grosse Konferenz. Die jungen Menschen, die jungen Schüler von der 1. bis zur 6. Klasse, hatten sich noch einmal vor den grossen Ferien zur Schlussfeier ihrer Projektwoche versammelt, wohl um eine Bilanz ihrer Arbeit zu ziehen. So wie die Grossen in dieser Welt, die jeweils vor Abschluss ihrer Konferenz sich noch einmal im Plenarsaal versammeln, um eine möglichst ausgewogene Schlusserklärung zu verabschieden. Die Parallelen waren augenscheinlich, auch auf dem Schulhof waren 24 Nationalitäten versammelt: schwarze, dunklere und hellere junge Menschen. Niemanden störte dies. Im Gegenteil. Und ich fragte mich, warum wehen nicht 24 Flaggen vor dem Schulhaus, warum ist man in den Schulhäusern nicht stolz auf die Vielzahl, nicht stolz, dass so viele Nationalitäten jeweils an der Projektwoche teilnehmen, dass dabei so unterschiedliche Sichtweisen, unterschiedliche Mentalitäten aus unterschiedlichen Kulturen und unterschiedlichen Familien zum Ausdruck kommen? Warum werden aber gerade diese Schulhäuser mit besonderer Aufmerksamkeit beobachtet und nach Möglichkeit auch gemieden? Weil sie zu multikulturell aufgestellt sind?
Wohl schlicht deshalb, weil sie zu international, zu wenig schweizerisch sind, weil in ihnen nicht unbeirrt gelernt werden kann, was schweizerische Norm ist. Richtig: Nicht alle lassen sich so leicht auf die schweizerischen Normen wie Sauberkeit, Zuverlässigkeit, Strebsamkeit trimmen. Nicht alle lassen sich in ihrer Kreativität, in ihrer Ausdruckskraft, auch in ihrer Unbekümmertheit einschränken. Nicht immer ist es konfliktfrei, oft geht es nicht ohne Aggressionen. Die Lehrer haben, wie die Lenker, die Moderatoren, die Präsidenten der grossen Konferenzen, zu steuern, haben die Konflikte zu bändigen, in die richtigen Bahnen, hin auf das gemeinsame Projektziel zu lenken. In den Schulen auf die Lernziele.
Nachdenklich gestimmt lese ich zu Hause fertig, was mich seit Tagen umtreibt: das Buch «Interkultur» von Mark Terkessidis. Integration lässt sich nicht erzwingen, schreibt der deutsch-griechische Publizist in seinem Buch. Er plädiert für mehr Rationalität in der Ausländerdebatte, und er wirbt für einen neuen Begriff: Interkultur statt Integration. Wir sollen von den internationalen Konzernen lernen, die multikulturelle Task Forces, internationale Projektgruppen einsetzen, um neue Produkte zu entwickeln, die auf dem internationalen Markt weit besser ankommen und so auch weit besser vermarktet werden können. Er setzt auf das Wissen aller, und nur in der Vielfalt komme zustande, was die vielfältige Gesellschaft auch brauche: Produkte und Dienstleistungen, die auf unterschiedliche Mentalitäten Rücksicht nehmen.
In unseren Schulhäusern arbeiten gleichsam bereits heute internationale Projektgruppen, die davon profitieren, weil sie so unterschiedlich zusammengesetzt sind, weil auf Interkultur und nicht auf Integration gesetzt wird, mehr als wir gemeinhin annehmen.
Und immer dann, wenn es uns gelingt, solide, schweizerische Präzisionsarbeit mit innovativer Kreativität zu verbinden, sind wir erfolgreich auf dem Weltmarkt. Erinnert sei an ein Produkt mit einem Namen: Swatch. Warum soll nicht in der Schule beginnen...?
|
|
Twittern |
... und um auch eine Innenansicht und damit sogar einen Blick auf die Realität zu erhalten, gibt's z.B. das Projekt win3 von Pro Senectute.
Ich bin in einer 5.Klasse engagiert und beneide die Lehrerin wirklich nicht. Nebst dem ganzen Schulstoff muss sie versuchen, die banalsten Erziehungsregeln von Grund auf rüberzubringen, wie z.B. halbwegs stillsitzen, der Lehrerin nicht ins Wort fallen, usw. Die meisten Schüler und Schülerinnen kennen diese Regeln nicht, da sie zuhause nicht gelehrt und praktiziert werden, von Eltern, die keine Zeit haben und sich überhaupt nicht um Kind und Schule kümmern. Und dazu kommen weitere Erschwernisse, wie die Integration von "auffälligen" Kindern, den täglichen Kampf mit einer kleinen Zelle von Jugendlichen mit jugendkrimineller Laufbahn, den administrativen Anforderungen der Bürokratie.
Die Lehrerin wäre glücklich, ein bisschen weniger Interkultur erleben zu müssen. Und ich kann Senioren nur auffordern, sich an solchen Projekten zu beteiligen, auch wenn's manchmal an die Nieren geht, statt die vermeintliche Realität aus sicherer Distanz zu bestaunen und schöne Worte zu formulieren.
Jean-Pierre
...die «Knochenarbeit» geschieht intern, in jedem einzelnen Klassenzimmer.
Man sollte sich nicht blenden lassen. Es ist nicht immer leicht, die Bedürfnisse aller Beteiligten zu befriedigen. Forderungen stellen nicht nur internationale und interkulturelle Gruppen, sondern jedes einzelne Schulkind, ungeachtet seiner Herkunft und seines familiären und kulturellen Hintergrundes.
Die Lehrkräfte sind keineswegs zu beneiden, wenn sie neben dem «traditionellen» Unterrichten auch noch den verschiedenen nationalen und kulturellen Hintergründen gerecht werden wollen. Das ist übrigens nichts Neues, sondern war schon immer Forderung und Herausforderung derer, die an der Front tätig waren oder es immer noch sind.
Diese Gedanken und der Artikel selber gefallen mir als Projektbetreuer von 'Generationen im Dialog' natürlich ganz besonders - Herzlichen Dank !
Hannes Kohler
Warum ...
... soll eigentlich je länger je mehr zusammengebracht werden, was verschieden ist, ja verschiedener nicht sein kann? Ich frage ja nur.
Reicht es nicht, andere Kulturen, andere Mentalitäten als Realität an zu erkennen - gegenseitig - und Toleranz zu zeigen dem Andersartigen gegenüber? Reicht es nicht, die uns fremde Kultur, die fremde soziale Mentalität dort zu achten, zu respektieren und sie nicht zu stören, wo sie beheimatet und gewachsen ist?
Darf man anderseits nicht erwarten, dass unserer Kultur und unserer Mentalität gegenüber genau das Gleiche entgegengebracht wird?
Ich frage ja nur.
Ohren können das Gute hören, Augen das Schöne sehen, wenn das Hirn dies zulässt