„Heute interessierte er sich für Westsamoa, letzte Woche war es das Taj-Mahal, davor waren es die Dolomiten“.
Sie unterhalten sich über den Kunden, der mit einer Mappe voller Prospekte gerade das Büro verlässt. Er kommt oft vorbei und fragt immer gezielt nach bestimmten Destinationen. Gebucht hat er bis jetzt noch nichts, obwohl er fast wöchentlich kommt.
„Betreibt er vielleich Geschäftsspionage? Oder ist das eine neue Masche unserer Geschäftsleitung, um unsere Verkaufsbereitschaft zu testen? Wir sollten ihn einfach mal fragen, wozu er diese vielen Prospekte braucht.“
Und das tun sie bei seinem nächsten Besuch, der schon nach einer Woche stattfindet. Dieses Mal wünscht der potentielle Kunde Informationen über die Karibik, speziell die Insel Antigua.
„Kann ich Ihnen bei der Auswahl Ihrer Destination behilflich sein?“, fragt die Angestellte freundlich. „Ich helfe Ihnen gerne, die genau für Sie richtige Reise herauszufinden.“
„Ich will doch gar nicht verreisen! Ich kann Veränderungen nicht ausstehen. Ich hasse Reisen!“
„Aber wozu brauchen Sie die Prospekte über Antigua, wenn Sie nicht dahin reisen möchten?“
„Ich bin heute Abend bei Freunden eingeladen, die letzte Woche von Antigua zurückgekommen sind.“
„Ach so, ich verstehe! Sie möchten die Erzählungen Ihrer Freunde besser verstehen, wenn Sie sich vorher informiert haben.“
„Sie verstehen gar nichts. Ich will genau das Gegenteil.“
„Das verstehe ich tatsächlich nicht“, sagt die Angestellte.
Der Mann scheint zu überlegen, ob er das Gespräch weiter führen soll, dann entschliesst er sich zu einer Erklärung.
„Sehen Sie, ich hasse Reisen, wie ich schon erwähnte, noch mehr aber hasse ich es, einen ganzen Abend lang Ferienerzählungen über mich ergehen zu lassen, die für mich völlig uninteressant und nichts sagend sind, begleitet von endlosen Videos. Ja, und da habe ich mich zu einer kleinen List entschlossen, meiner Erzählstopper-Strategie.
Ich informiere mich jeweils über das Feriendomizil meiner Freunde, und unterbreche ihre Erzählungen mit Fragen, die sie so gut wie nie beantworten können, zum Beispiel nach Zeitzonen, Staatsformen, Einwohnerzahlen, Landesspezialitäten. Manchmal kennen sie ja noch nicht einmal den Namen des Meeres, an dessen Strand sie gebadet haben.
Die Menschen haben es nicht gerne, wenn ihr Erzählfluss immer wieder unterbrochen wird und nach mehrmaligen Unterbrechungen (nach meiner persönlichen Statistik durchschnittlich drei) stellen meine Gastgeber plötzlich fest, dass es Zeit für das Dessert ist oder wir unbedingt noch einen guten Tropfen probieren müssen, und der Abend ist gerettet“
„Aber wenn nun einmal einer wirklich gut informiert ist, was machen Sie dann?“
„Auch dann ist der Abend gerettet, denn dann erfahre ich das wirklich Interessante.“
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Ich nicht...
…und doch hat mir Deine erfrischende und herzhafte Geschichte sehr gefallen. Es ist ja ganz natürlich, dass bei Einladungen im Freundeskreis auch Ferienerlebnisse erzählt werden. Nur sollte der Erzählende keine endlosen Monologe halten. Die anderen wollen doch auch etwas über ihre Reisen oder auch nur Alltagserlebnisse erzählen. Besonders anstrengend empfinde ich die modernen „Kreuzfahrer“, die zwar weit in der Welt herumkommen, dann aber nur das „schöne Leben“ an Bord beschreiben: die kulinarische all-inklusive-Verpflegung, die gigantischen Deckaufbauten, Wellness-Bereiche, Bars und Restaurants, Events, etc. - und dennoch, wie heisst es so schön: Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen!
Dieter Bürle