Ein weiterer Gedankenpfad beginnt mit einer provokativen Feststellung. Sie entstand bei einem Besuch der Kunstausstellung ART in Basel, die für viele Liebhaber den jeweiligen Höhepunkt ihres Kunsterlebens darstellt, von einigen wenigen aber als Horror-Ausstellung empfunden wird.
Über den Geschmack liess sich bekanntlich schon zu allen Zeiten herrlich streiten. In der Kunst, in der Literatur, in der Mode, in der Musik, oder auch über die so genannten weiblichen Schönheitsideale. Bei den Letzteren reicht die Skala je nach Epoche von Rubens zu Karl Lagerfeld, also von mollig bis zu spindeldürr.
Und zu allen Zeiten wurde die Bestimmung des so genannten „guten Stils und Kunstverstandes“ von der jeweils in der Gesellschaft dominierenden Schicht für sich in Anspruch genommen. Erinnern wir uns an die seinerzeitige Madame de Meuron aus der Berner Schickeria. Ihr Diener durfte das Auto überall stehen lassen; dem anwesenden Polizisten erklärte sie: „Me laht das da!“ – Das Berner Tram benutzte sie stets ohne Billet, denn: „I bi vor em Tram da gsi!“ – Unbekannte Personen fragte sie direkt: „Syt der öpper oder nämet der Lohn?“ – Als ein Bauer sich auf den Kirchenstuhl der Familie Frisching in der Kirche Thurnen setzen wollte, belehrte sie ihn: „Im Himmel obe sy mer mynetwäge alli glych, aber hie unde wei mer einschtwyle no Ornig ha!“ Noch jetzt kann doch nur jemand aus der arbeitenden Unterschicht über sie spötteln.
Wer aber dominiert uns heute? Es ist das verfluchte Geld, und zwar das schnelle Geld. Es sind die Abzocker, die Millionen-Boni-Empfänger, die Grossfinanz der Börsianer, die Millionen-Honorar-Bezüger. Wobei „Honorar“ heute mit dem ursprünglichen Begriff von honorig, ehrenhaft, überhaupt nichts mehr zu tun hat. Und auch der Begriff „Verdienst“ hat seinen früheren Zusammenhang mit „dienen“ verloren.
Sogar in der einmal zu Recht hoch geachteten Oberschicht der akademisch Gebildeten haben sich neue Sitten eingebürgert. Was man früher in der Sprache der unteren Bürgerschicht einen „Plagöri“, einen Angeber, nannte, das ist heute ausgerechnet in der akademischen Oberschicht der „Doktor oder Professor Plagiatus“.
Deshalb sei nochmals provokativ gefragt: Müssen wir uns unser Kunstverständnis in der Malerei, in der Musik oder sonst wo, von diesen „Kreisen“ vorschreiben lassen?
Als früherer Werkstudent war ich sehr stolz darauf und dankbar dafür, mit meinem selbst und sauer verdienten Geld an den akademischen Hochburgen, den Universitäten, auch ohne das finanziell nicht mögliche Ziel eines Doktorats doch Stein um Stein ein umfangreiches akademisches Wissen erwerben und später in der Praxis anwenden zu dürfen.
Auch gehörte ich während Jahrzehnten den Wandergesellen der Hobby-Malerzunft an, die die ganze Welt mit Skizzenblock und Staffelei bereisen, um damit einige Eindrücke optisch festzuhalten.
Das hatte immer seinen Grund darin, dass ich mit der grössten Künstlerin aller Zeiten eng befreundet war. Sie heisst Mutter Natur, war immer mein Vorbild, mit dem sich niemand aus der Szene auch nur ansatzweise vergleichen konnte. Wer zum Beispiel behauptet, ein einfaches Brennesselblatt mit seiner wunderschönen Rispenzeichnung herstellen zu können, macht sich einfach lächerlich.
Und die mystische Lichtstimmung, die ich gestern Abend nach einem Gewitter draussen in der Natur zu sehen bekam, übertrifft alles menschliche Darstellungsvermögen.
Altmeister Wolfgang Goethe hat dasselbe erlebt, und versucht, es in seinem umfangreichsten Werk (wussten Sie das?), nämlich der Farbenlehre, irgendwie aufzunehmen und zu beschreiben.

Ich zitiere aus dem 1104 Seiten umfassenden ersten Band: „Denn eigentlich unternehmen wir umsonst, das Wesen eines Dinges auszudrücken. … Die Farben sind Taten des Lichts, Taten und Leiden… Farben und Licht stehen untereinander im genauesten Verhältnis, aber wir müssen uns beide als der ganzen Natur angehörig denken: denn sie ist es ganz, die sich dadurch dem Sinne des Auges besonders offenbaren will“
Und aus dem 1366 Seiten umfassenden zweiten Band: „Es ist meinen Freunden und einem Teil des Publici nicht unbekannt, dass ich seit mehreren Jahren verschiedene Teile der Naturwissenschaft mit anhaltender Liebhaberei studiere, und ich habe deswegen manchen freundlichen Vorwurf erdulden müssen, dass ich aus dem Felde der Dichtkunst, wohin uns so gern jedermann folgt, in ein anderes hinüber gehe, in das uns nur wenige begleiten mögen. Durch den kleinen Versuch, die Metamorphose der Pflanzen zu erklären, haben sich diese Beschwerden eher vermehrt, als vermindert; denn indem ich mit demselben Kennern der Botanik von meinen Bemühungen Rechenschaft geben wollte, so musste diese Schrift blossen Liebhabern beinahe unlesbar werden“.
Ein komplizierter Gedankengang einer supergescheiten und weltweit anerkannten Persönlichkeit, nicht wahr. Im Gedenken an seine Beschreibungen, Erklärungen und Darstellungen zur Natur habe ich mir ausgerechnet beim erwähnten Art-Besuch die Empfindungen Goethes zu den dortigen abstrakten „Installationen“ und Interpretationen vorzustellen versucht. Denn ich war halt schon immer ein Banause in Sachen moderner Kunst.
So beispielsweise vor dreissig Jahren, als ich unter dem gleichen Titel wie heute für mein Buch „Erinnerungen und Begegnungen“ folgendes geschrieben habe:
„Die heutige Begegnung findet in einem ostschweizerischen ehemaligen Kartäuserkloster statt, das mit viel Aufwand, Geld, Können und Geschmack zu einer Stätte der kulturellen Begegnung umgestaltet wurde, um darin in Zukunft auch Kunst- und Bilder-Ausstellungen durchzuführen. Zusammen mit einigen Malerkollegen will ich heute eine Ausstellung von Unifikaten und modernen Bildern besichtigen.
Bei der Führung halte ich mich absichtlich etwas im Hintergrund, mache mir im beeindruckend schönen, grossen Kellergewölbe des alten Klosters aber so meine eigenen Gedanken über die verschiedenen Exponate. Da tritt der Ausstellungsleiter vor versammeltem Publikum herausfordernd auf mich zu, frägt "Sehen Sie die Grossartigkeit dieser diagonalen Strichführung, vom linken Feld der Vergangenheit in dasjenige der rechten Zukunft - einfach genial, nicht wahr!?"
Worauf ich mich bedauerlicherweise nicht beherrschen kann. "Ach ja? Jetzt habe ich tatsächlich geglaubt, jemand habe sich einen Scherz erlaubt und auf der schönen Farbfläche einen Richtungspfeil zum Ausgang nach oben angebracht. – Dabei weist dieser doch effektiv in die Zukunft, wie Sie mir soeben erklärt haben."
Er ist richtiggehend sprachlos, versteinert, entsetzt, während dem einige meiner Kollegen voll herausplatzen. Also muss ich den armen Mann doch erlösen. "Wissen Sie, ich bin halt ein Banause in der Kartause. Nichts für ungut." Damit suche ich das Weite, sehe nur noch, wie er aufgeregt gestikuliert und auf meine zurückbleibenden Kollegen einspricht.
Als ich mich eben anschicke, oben auf der Treppe die wiedergewonnene Ruhe still zu geniessen, tritt ein sympathisch aussehender Mann neben mich. Er mag so an die zehn bis fünfzehn Jahre jünger sein als ich. "Dem haben Sie es aber gegeben – es war eine reine Freude" schmunzelt er übers ganze Gesicht.
"Oh – dabei wollte ich eigentlich vermeiden, öffentlich Zeugnis meines deplatzierten altmodischen Unverstands abzulegen"versuche ich mich zu entschuldigen.
Darauf er "gehe ich richtig in der Annahme, dass wir zwei gegenständlich darstellen?". Und meine überraschte Reaktion: "Aber das gibt's doch nicht – gleich zwei reaktionäre Naturalisten an einem einzigen Tag, an dieser heiligen, hochsubventionierten Stätte der modernen Kunst! Das muss sicher am mittelalterlichen Kellergewölbe liegen."
Als wir darauf unisono und lauthals lachen, recken sich unwillig einige Hälse der in andächtiger Beschaulichkeit versunkenen anderen Besucher.
"Kommen Sie, wir lachen anderswo"raunt mir der neue Bekannte zu. Zusammen verlassen wir den grossen Raum, setzen die Besichtigung im kleineren Nebengewölbe fort.
Dort frägt er mich, ob ich die ausgestellten Unifikate schon betrachtet hätte. Ich verneine. "Dann muss ich Ihnen unbedingt einige repräsentative Muster vorstellen". Das Zucken um seine Mundwinkel erscheint mir verdächtig, aber ich folge ihm.
"Mögen Sie Schwartenmagen?"frägt er, während dem wir die enge Treppe zu einem weiteren Gewölbekeller hinuntersteigen. "Wie meinen Sie das?"
(Für die nicht aus der Deutschschweiz stammenden Leser ist zu erklären, dass es sich beim sogenannten Schwartenmagen um etwas Wurst-ähnliches handelt, nämlich um in Sulzmasse eingebettete Schweinefleischstückchen, das Ganze eingefüllt in eine ziemlich grosse Hülle aus weissem, pergamentähnlichem Papier, an beiden Enden ebenfalls wie eine Wurst verschnürt. Die einen bezeichnen Schwartenmagen als eine Art Leibspeise – anderen wiederum vermag er den Appetit zu verderben).
Mein Begleiter deutet auf ein unter einer Glasglocke ausgestelltes Exponat. "Wahrhaftig, das ist ja ein Schwartenmagen" entfährt es mir. "Nobis – achten Sie bitte auf die Beschriftung".
Ich rücke meine Brille zurecht, lese auf dem kleinen Papierschildchen "Literatur-Wurst".
Soll ich lachen – soll ich weinen? Meine Gedanken bewegen sich in Richtung geistiger Zurechnungsfähigkeit des "Künstlers" und des für die Ausstellung Verantwortlichen.
Mein Begleiter grinst wie Tarzan's Affe, führt mich zum nächsten markanten Beispiel: An der schön restaurierten Gewölbewand ist ein Metallrahmen mit fünf abgegriffenen Telefonbüchern aus einer schweizerischen Telefonkabine angebracht worden. Den Titel dieses "Kunstwerkes" mag ich gar nicht mehr lesen. Mein neuer Freund aber drängt mich weiter zum dritten Exponat.
Es wird ebenfalls unter einer Glasglocke präsentiert. Ich muss zweimal hinschauen, bevor ich meinen Augen traue. Das sind doch wirkliche, gebrauchte Fliegenfänger, wie sie vor allem früher in alten Bauernhäusern und in Viehställen verwendet wurden. Aus stark klebendem Material, das spiralförmig aus einem kleinen Kartonzylinder von der Decke herunterhängt, an dem die Fliegen kleben bleiben und elendiglich zugrunde gehen. Auch an diesem Exponat kleben noch die toten Fliegen.
Mein Bedarf ist gedeckt. Ich will auch gar nichts mehr dazulernen in Sachen modernen Kunstverständnisses. Diese Art von Kunst überfordert mich restlos. Und ich lasse es mir nicht nehmen, am sogenannten Kunstverstand der vom Staat hochbezahlten Leute zu zweifeln, die unsere mühsam erarbeiteten Steuergelder mit einem derartigen Unsinn verschleudern. Wäre es nicht endlich an der Zeit, dass wir Banausen, wir Anhänger der Mutter Natur, die in Theorie und Praxis von diesen Modernen kaputt gemacht und verschandelt wird, zu einer Demonstration aufstehen ?! Um denen zu zeigen, dass wir uns nicht zu schämen brauchen, auch in der Kunst nicht, wenn wir uns zur Achtung der Natur und jeglicher Kreatur bekennen?
Um das Lachen wiederzuerlangen, begeben wir zwei uns nochmals zu den "Personendarstellungen". Wo die Augen sich zwischen den Stiefeln befinden, die sogenannten Gesichter auf den ganzen Raum als abstrakte Segmentteile verteilt sind.
Spiegelbilder der ver-rückten zeitungenössischen Künstler? Vielleicht wird der eine oder andere Leser denken, in dieser Erzählung sei die sogenannte schriftstellerische Phantasie im Spiel gewesen. Mitnichten, jede der geschilderten Einzelheiten entspricht den wahren Umständen.
Ein Banause erlebte die Kartause. Man muss darüber lachen können, nicht wahr?“
Auch dreissig Jahre später, an der Art in Basel. Aber zur Übernahme des modernen Kunstverständnisses lasse ich mich immer noch nicht zwingen.
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Es ist nicht anzunehmen, dass ein Schwartenmagen, ein alter Fliegenfänger unter Glasglocke oder auch ein grosser Teil der in Basel ausgestellten Kunst ein Jahrhundert überdauern wird.
Liebe Maja
Man spricht so oft von der so genannten Altersweisheit und von einem abnehmenden Toleranzvermögen im Alter. Beides kann man nicht verallgemeinern, weil beides eine individuelle Entwicklungsstufe darstellt. Ich sähe es einfach gerne, wenn die Jüngeren so tolerant wären, uns Alten eine vielleicht abwegige oder manchmal sogar absurde eigene Meinung zuzugestehen, sofern wie in meiner Kolumne auch der Humor noch seinen wichtigen Platz hat. So lange wie wir über etwas schmunzeln oder herzhaft lachen können, leben auch wir Alten noch. Das ist übrigens eine Kunstform des Lebens.
Ruedi
Ob alt oder jung, jeder hat das Recht, ein Kunstwerk zu mögen oder eben nicht, und sich dazu zu äussern. Senioren erlauben sich manchmal Urteile aus ihrer gewichtigen Lebenserfahrung. Dabei sollten sie nicht vergessen, dass es sich vielleicht lohnt, schon bei den Entscheidungen, was man tun oder lassen will, diesen reichen Erfahrungsschatz zu berücksichtigen.
Wer Mühe hat, sich mit aktueller Kunst auseinanderzusetzen, sollte vielleicht die – sehr auf Kommerz (Verkauf) ausgerichtete – Art Basel gar nicht besuchen! Zu sagen, überall wäre darauf hingewiesen worden, ist wohl kein Argument. Für wieviel Sinnloses sehen wir heute Reklame!
Und was das Unansehnliche, Ärger Erregende der zeitgenössischen Kunst betrifft, möchte ich an den Pariser Salon, DER Kunstausstellung par excellence, erinnern, der eine sehr konservative und rigorose Bildauswahl betrieb. 1863 liess Napoléon III. als Gegensatz den Salon des Refusés veranstalten und zeigte dort inzwischen so berühmte Werke wie James McNeill Whistlers "Mädchen in Weiß" und Édouard Manets "Frühstück im Grünen".
Oder ein anderes Beispiel, auch aus ebenso lang vergangenen Zeiten: Als Max Liebermann mit dem Bild "Die Gänserupferinnen" 1872 an der Hamburger Kunstausstellung teilnahm, weckte sein ungewöhnliches Sujet vor allem Abscheu und schockierte Ablehnung.
Gehört zur Altersweisheit nicht auch wachsende Toleranz vor den Taten und Werken anderer Menschen?
Dauerhaft
Kunst muss nicht auf Haltbarkeit geprüft werden, sonst wären Musik- oder Theaterdarbietungen auch keine. Der Eindruck beim Konsumierenden ist wichtig, ob angenehm oder abstossend ist vielleicht nebensächlich.