Gesellschaft

Wir warten auf neue Impulse für Europa

Wir warten auf neue Impulse für Europa

Und profitieren vom starken Schweizer Franken

Wieder einmal in Italien. Siena besucht. Im Strom der Touristen auf dem Campo haben wir die wunderbare Architektur bestaunt, wieder von Neuem. Einmal mehr sind wir verwundert darüber, was die Italiener im Mittelalter zustande brachten. Jedes Haus ein Solitär, ein Unikat, zusammen ein grossartiges Bild von Einheit in dieser wohl gewollten, geplanten Vielfalt. Erstaunt auch über die Preise in den Restaurants am Campo. Ein kleines Bier kostet 6 EUR, ein Kaffee fünf. Doch die Rechnung fällt umgerechnet tiefer aus als vor einem Jahr: das Bier umgerechnet noch 7.60 CHF, im Vergleich mit einer bekannten Bar in Zürich doch teuer; vor einer Woche zahlte ich im Toto, einer bekannten Zürcher Bar im Seefeld, 4.90 CHF. 

Doch die Preise an der Touristenfront täuschen. Italien ist für uns merklich billiger geworden. Der etwa gleiche Einkaufskorb, für den wir vor einem Jahr umgerechnet noch etwa 130 CHF zahlten, ist jetzt für etwa 100 CHF zu haben. 

Von der Krise ist aber nichts zu spüren. Dass Italien am Abgrund steht, dass sich das Land möglicherweise bald unter den Rettungsschirm der EU begeben muss, lässt sich nicht erahnen. Alles geht den gewohnten, den italienischen Lauf. Die Post kommt, wenn sie kommt. Das Essen in den meisten Restaurants ist nach wie vor vorzüglich. Die Versorgungslage ist alles andere als angespannt. Im Gegenteil: Die Auslagen in den Läden sind randvoll. Die Kleider in den eleganten Läden sind immer noch in allen Grössen zu haben, auch die Qualität lässt nichts zu wünschen übrig. Die Italiener parkieren ihre Autos immer noch dort, wo es am bequemsten ist. Die Strassen zwischen und in den Dörfern sind oft sanierungsbedürftig wie eh und je. Normalität ist angesagt, auch wenn Silvio Berlusconi, Regierungschef und mächtiger Medienzar, wohl bald aus dem letzten Loch pfeift. Italien ist ein Schwergewicht, aber auch Spitzenreiter bei den Ländern, die sich über Gebühr verschuldet haben. Während das leidgeprüfte Griechenland eine Schuldenlast von gegen 400 Mia. EUR zu tragen hat, schieben die Italiener Schulden von über 1800 Mia. EUR vor sich her. Zugegeben, Italien ist die weit stärkere Wirtschaftsnation als Griechenland, die privaten Vermögen in Italien wiegen diese Schuldenlast weit besser auf als anderswo. Und dennoch, „das schönste Land der Welt“, wie der Spiegel in seiner letzten Ausgabe schrieb, steht vor seinem „Niedergang“, er titelte: „Ciao Bella“. 

Aber was wäre Europa ohne Italien, was wäre Europa ohne Griechenland, was wäre Europa ohne die Einigung zum Staatenbund, ohne das Friedensprojekt? Als sich die ehemaligen Feinde anschickten, dem Krieg in Europa ein friedliches Miteinander entgegenzusetzen und sich schworen, nie mehr übereinander herzufallen, nie mehr Waffen gegeneinander zu richten, war begründet, was jetzt wieder zur Diskussion steht: ein Vereinigtes Europa. 

Noch sind keine 70 Jahre verflossen, seit auch in Italien Krieg geführt wurde, noch sind keine 70 Jahre verflossen, seit die Amerikaner Italien von den Faschisten im eigenen Land und von den verbündeten Deutschen befreiten. Kurz vor Florenz zeugt noch heute ein grosser amerikanischer Soldatenfriedhof von den Opfern, die die Befreier aus den USA zu bringen hatten. 

Noch sind es keine 70 Jahre her, und wir befinden uns in der schwersten Krise in Europa seit dem Ende des 2. Weltkrieges. Der EUR, die einst stolze Währung des Staatenbundes, ist in Gefahr. Sehr wahrscheinlich geht er nicht jetzt, auch nicht bis Ende Jahr unter. Doch der EUR ist angeschlagen, die Glaubwürdigkeit der Währung hat stark gelitten.

Jetzt brauchte es neue Impulse für Europa. Die neue Generation müsste anknüpfen an den Ideen der Gründerväter; sie schufen ein Friedensprojekt als Grundlage zu einem vereinigten Europa. Jetzt braucht es zur logischen Weiterentwicklung dieses Europas das Projekt „Bundesstaat“. Die EU muss aus der Sackgasse des Geldverteilens von den reichen Staaten im Norden zu den Armen im Süden und im Osten zu einem gemeinsamen Projekt des Lastenausgleichs kommen. Dazu braucht es insbesondere eine gemeinsame Währungs-, Wirtschafts- und Sozialpolitik. Die Schweiz, unser Land, könnte dafür Vorbild sein. Wir haben eine gemeinsame Währungspolitik, in die auch das Fürstentum Liechtenstein – ein EWR-Land – eingebunden ist. Wir leisten uns einen Föderalismus, in dem die Kleinen so viel zu sagen haben wie die Grossen. Wir leisten uns den neuen, aber armen Kanton Jura. Wir gleichen die Lasten aus, stützen die kleinen, aber auch die Grossen. Niemanden käme es in der Schweiz in den Sinn, den grossen, aber armen Kanton Bern auszugrenzen, ihn wegen seiner schlechten Finanzpolitik öffentlich an den Pranger zu stellen. Im Gegenteil: Wir mögen die Berner trotz alledem. 

Nur: Als Schweizer sitzen wir als Ratgeber, als Berater, nicht in der ersten Reihe. Zu sehr sind wir an uns selber interessiert, als dass wir uns aufschwingen könnten, um mitzugestalten, was notwendig wäre: ein Bundesstaat Europa. Wir sitzen auf der Zuschauerbank, obwohl uns Europa mehr angeht als alle anderen Nationen und Staatengebilde. Und profitieren schliesslich gar vom starken Schweizer Franken, wenn wir in Italien weilen.

 

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Und wenn wir Italien verlassen haben und zu Hause sind,dürfen wir pro Woche 2 Stunden mehr, gratis arbeiten um im nächsten Urlaub wieder mit dem starken Franken in Italien Ferien zu machen.