Leben

Die Sehnsucht nach Stille, Ruhe und Entspannung

Die Sehnsucht nach Stille, Ruhe und Entspannung

Eine „Kammer des Nachdenkens“ verbindet Freimaurer, christliche und buddhistische Mönche, mit uns Alltagsmenschen.

 

Unsere heutige Welt ist eine hektische, laute, nervöse, stressige, sich immer rasanter verändernde, und daher eine oft krankmachende Welt. Man spürt das vor allem, wenn man von den Ferien an einem autofreien Ort wie Braunwald nach Hause in den Verkehrslärm und den Stress zurückkehrt. Leider gibt es junge Leute, denen das normale Lärmmass noch keineswegs genügt. Sie frisieren ihre Fahrzeuge auf maximale Lautstärke, und bauen in Autos Lautsprecheranlagen ein, die man selbst bei geschlossenen Fenstern von aussen als Bumbum-Maschinen erlebt.

In den Einkaufszentren würde man es für ungewöhnlich halten, wenn die Lautsprecheransagen und die Musikberieselung ausfallen sollten. Und es gibt Menschen, bei denen läuft das Radio von morgens früh bis abends spät. Die Dezibelbelastung an immer mehr Konzerten, beispielsweise bei Openair-Veranstaltungen, überschreitet schon längst das Verantwortbare. Ohrenärzte stellen fest, dass das Hörvermögen schon bei vielen jungen Menschen stark geschädigt ist.

Man findet allgemein kaum mehr Momente der Ruhe und der Besinnung, sei es bei der Arbeit, aber auch nicht in der Freizeit. Fehlende Ruhepausen, ständiger Lärm und das sich immer mehr verbreitende Multitasking (gleichzeitiges Erledigen verschiedenster Aufgaben), führen zum modernen Burnout-Phänomen (abgebrannt, ausgelaugt sein), unserem zunehmenden Gesellschaftsproblem der Überforderung.

In dieser Situation ist es geboten, zu überlegen, wie wir als Individuen und als Gesellschaft aus dieser Notlage herauskommen, wie wir sie unbeschadet ertragen können.

Es gibt einen Weg. Er wird von Angehörigen einiger Institutionen befolgt, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Es ist in der Tat derselbe meditative Weg, den christliche und buddhistische Mönche, und letztlich sogar die profanen Freimaurer in ähnlicher Form einschlagen, um zur inneren Ruhe und zur Klarheit zu gelangen.

Meditative Praktiken sind ein wesentlicher Bestandteil vieler Religionen. In christlichen Klöstern ist das höchste Ziel der meditativen Praxis das unmittelbare Erfahren des Göttlichen. Meditation als spirituelle Praxis ist dabei in unterschiedliche religiöse, psychologische und ethische Lehrgebäude eingebunden. Die Meditation wird in vielen Kulturen auch als spirituelle Praxis für den Alltag geschätzt. Durch Achtsamkeits- oder Konzentrationsübungen soll sich der Geist beruhigen und sammeln. In östlichen Kulturen gilt sie als eine grundlegende und zentrale bewusstseinserweiternde Übung. Die angestrebten Bewusstseinszustände werden, je nach Tradition, unterschiedlich und oft mit Begriffen wie Stille, Leere, Panorama-Bewusstsein, Eins-Sein, im Hier und Jetzt sein oder frei von Gedanken sein beschrieben.

Verschiedene Klöster im In- und Ausland haben das Zeichen der Zeit erkannt und bieten auch Aussenstehenden Meditationsaufenthalte an, wo wir Laien bei kurzfristigen Klosteraufenthalten im Zusammenleben mit den Mönchen lernen können, ihre Methoden für unseren Alltag zu übernehmen.

Bei den Freimaurern ist das meditative Erleben in der so genannten stillen Kammer des Nachdenkens ein wichtiger Bestandteil des Aufnahmerituals. Der Kandidat wird in einen einfachen, abgesonderten, stillen Raum geführt. Es ist der Ort, in dem die Suchenden erstmals symbolhaft mit der Freimaurerei in Kontakt kommen. Hier soll sich jeder noch einmal innerlich prüfen, ob dieser neue Weg in die Freimaurerei der richtige ist. Es werden ihm alle Dinge abgenommen, ausser Schreibzeug und leeren Papierbögen. Er erhält die Aufgabe, ganz allein und ohne irgendwelche Stützen über drei Themen seiner Weltanschauung vertieft nachzudenken, und das Ergebnis dann niederzuschreiben. Dieses bildet eines der Aufnahmekriterien. Der ganze meditative Vorgang wird zum unauslöschbaren Erlebnis für alle, die es erfahren durften.

Beim Eintritt in ein buddhistisches Kloster wird man auf spezielle Weise mit dem Wesen der buddhistischen Meditation vertraut gemacht.

 Mönch

Dieses von mir gemalte Erinnerungsbild von meinem Meister im Kloster Jiu Hua Shan, China, benütze ich oft als Einstieg in die Meditation

Die vier Stufen der buddhistischen Meditation

  1. Von Sinnesbegierden und Verlangen freies, achtsames Nachdenken und Überlegen, mit dem Gefühl des Wohlmeinens.
  2. Aufhören des Nachdenkens, inneres Stillewerden und geistige Konzentration auf einen Gegenstand, mit dem Gefühl des Wohlmeinens.
  3. Gleichmut, Andacht, Wissensklarheit.
  4. Versiegen jeglicher Glücks- und Leidgefühle und der Erinnerung an sie. Gleichmut und Andacht in höchster Reinheit.

Diese einfachen Regeln bedeuten in Tat und Wahrheit ein sehr schwieriges Unterfangen. Es ist für den Ungewohnten sehr schwer, die einzelnen Stufen wirklich zu erleben und zu verinnerlichen. Mittels besonderer Methoden erlernt man, von der Vielfalt der uns stets beschäftigenden Gedanken abzukommen, in einem kontinuierlichen Prozess immer mehr davon loszulassen, sich allmählich auf einige wenige zu konzentrieren. Das Ideal ist erreicht, wenn man sich auf einen einzigen Gedanken konzentrieren kann. Das ist eine sehr schwierige Aufgabe, die man nicht bei einem einzigen Klosteraufenthalt bewältigen wird.

In den Klöstern der verschiedenen katholischen Orden ist bereits das Erleben des Schweigegebotes etwas beeindruckend Ungewohntes. Viele von uns kennen zudem die Kirchen nur noch von Anlässen wie Taufe, Konfirmation oder Firmung, Hochzeit und den Beerdigungsgottesdiensten. Tage oder sogar Wochen in der einfachen Klosterzelle zu verbringen, bei gleichzeitigem Weglassen des gewohnten hektischen Alltaglebens,  zusammen mit einer kleinen Gemeinschaft von Mönchen zurückzukehren in eine Praxis des mehrfachen täglichen Betens, wird als eindrückliche Läuterung des Geistes empfunden.

 Nächtliche Meditation an der Orgel im Kloster La Tourette, zusammen mit meinem Freund, dem Prieur (Abt) Edmond Caille.

Für mich bedeuten die bei Klosteraufenthalten in Ost und West entstandenen persönlichen Freundschaften mit christlichen Äbten und buddhistischen Meistern einzigartige Werte.

Auch ist es für mich jeweils nach der Rückkehr in den Alltag immer wieder ein besonderes Ereignis, ganz allein in der Stille der St. Galler Kathedrale beim Nachdenken und Meditieren ihre besondere Sphäre zu erfühlen.

Bei uns wird übrigens die Meditation auch unabhängig von religiösen Aspekten oder spirituellen Zielen zur Unterstützung des allgemeinen Wohlbefindens und im Rahmen der Psychotherapie praktiziert. Im älteren deutschen Sprachgebrauch bezeichnet „Meditation“ einfach ein Nachdenken über ein Thema oder die Resultate dieses Denkprozesses.