Leben

Gustis Sehnsucht

Gustis Sehnsucht

„Wir müssen Gusti wieder einmal runter lassen, es ist ja nicht mehr mit anzusehen, wie er leidet.“

„Was hat er denn?“

„Das wissen wir eben nicht, er redet ja nicht mehr.“

„Gut, in meinem Namen, dann gebt ihm Dispens.“

Natürlich konnte Gusti nicht über den Grund seiner Traurigkeit reden, denn der war so frugal, dass ihn keiner verstanden hätte. Er wünschte sich nichts sehnli­cher, als wieder einmal in einen Fleischkäse vom Metzger Huber zu beis­sen. Der war immer dienstags und freitags frisch zubereitet worden und Gusti hatte ihn bereits am Bahnhof riechen können, wenn er von der Ar­beit nach Hause kam. Meistens ass er schon ein Stück auf dem Weg, zu­sammen mit einem knusprigen Büürli vom Buchmann. Manchmal machte Maria, seine Frau, einen Kartoffelsalat dazu. Das waren Ge­nüsse!

Nicht dass er mit dem Essen hier oben unzufrieden wäre, es war eine gute Kost. Aber eben, Hubers Fleischkäse liess ihn nicht mehr los, ja er träumte sogar schon davon. Und so war er überglücklich, als ihm ein paar Tage unten gewährt wurden.

Den Weg fand er sofort, er hätte ihn auch in der Dunkelheit gefunden, nur die Metzgerei Huber gab es nicht mehr. An ihrem Platz stand ein Super­markt. Vor der Eingangstüre war ein Stand, an dem Kebab angebo­ten wurde. Kebab hatte er noch nie gegessen, aber Akgün, mit dem er sich oft unterhielt, schwärmte mit strahlenden Augen davon.

Gusti ging im Laden gleich an die Wursttheke und fragte nach heissem Fleischkäse.

„Nein, heissen haben wir nicht“, sagte die Verkäuferin. „Aber in der Kühl­truhe finden sie eingepackten, sie können ihn ja selbst heiss ma­chen.“ Gusti nahm ein Päckchen aus der Truhe. Darauf war ein leuch­tend farbiger Aufkleber, auf dem stand:
E-Nummern-reduziert.

„Was heisst das?“, fragte er die Verkäuferin.

„Da sind weniger Zusatzstoffe drin“.

„Warum?“

„Weil weniger Zusatzstoffe besser für die Gesundheit sind.“

„Warum lassen Sie sie denn nicht ganz weg, wenn sie nicht gut für die Gesundheit sind?“

„Zusatzstoffe braucht man eben.“

„Dann müssen Sie das doch nicht extra drauf schreiben.“

„Das müssen wir aber, bei jedem Produkt muss der Inhalt genau aufge­führt werden. Wir haben eine Deklarationspflicht.“

„Nun muss Gusti herzhaft lachen, er stellt sich vor, was Metzger Huber gemacht hätte, falls man ihn nach den genauen Zutaten in seinem Fleisch­käse gefragt hätte. Wahrscheinlich hätte er einem eine Schweins­haxe um die Ohren gehauen. Lachend geht er aus dem Laden, ohne den E-Nummern-reduzierten Fleischkäse gekauft zu haben. Aber er hat Hunger und der Geruch am Kebab-Stand macht ihn neugierig. Schliess­lich kauft er sich den ersten Kebab seines Lebens.

Das Brot schmeckt so wie es aussieht, nach nichts, aber das Fleisch schmeckt wirklich gut, und er isst den Kebab mit grossem Genuss.

Dann geht er nochmals an den Stand zurück und kauft noch einen. Den wird er Akgün vorbei bringen, der drei Wolken weiter wohnt. Und so war der Ausflug dann doch nicht ganz umsonst.