Gesellschaft

Die irische Beichte

Die irische Beichte

Erika und die Absolution

Meine Nachbarin, die gute Erika, wuchs in einem wohlfundierten christlichen Haushalt auf. Sie bezeichnet sich selber als Kind einer Mischehe. Der Vater war protestantisch, die Mutter katholisch, das Mädchen dementsprechend zwiespältig. Diese Ambivalenz war allerdings nur von ganz kurzer Dauer. Sie wurde katholisch getauft, ging freudig in die Unterweisung und las eifrig im Katechismus.

Erika empfing an einem weissen Sonntag ihre Erstkommunion, ging weiterhin brav in die Kirche und genau so brav zur Beichte. Sie wurde zu einer Stütze der katholischen Gemeinde in unserer Stadt. Zweimal durfte sie sogar dem Bischof den Ring an seiner behandschuhten Hand küssen. Erika glaubt sich zu erinnern, dass bei ihrer Firmung auch ein Bischof seine Hand im Spiel, respektive auf ihrer Wange hatte. Der sogenannte Backenstreich.

Sie liebt den sonntäglichen Gang zur Kirche, noch mehr liebt sie den Gang zum Stuhl. Nicht zum heiligen, zu dem für die Beichte bestimmten. Schon als kleines Mädchen war sie fasziniert vom Beichtgeheimnis. Man konnte dem geistlichen Herrn alle „Übeltaten“ aufzählen und er musste sie für sich behalten, nicht einmal ihrer Mutter durfte er etwas sagen. Sie ging sogar so weit, dass sie absichtlich „sündigte“, nur um den Pfarrer sagen zu hören: „Et ego te absolvo a peccatis tuis in nomine Patris, et Filii, et Spiritus Sancti. Amen“. Auch wenn sie nicht verstand, was er sagte, sie wusste, ihre Sünden waren ihr vergeben.

Und urplötzlich, aus heiterem Himmel, gerät diese wunderbare Einrichtung in Gefahr. Das Beichtgeheimnis soll abgeschafft werden. Das Signal kommt aus Irland. Ausgerechnet aus einem Land, in dem sich 87% der Bevölkerung zum römisch-katholischen Glauben bekennen. Aussenminister Eamon Gilmore hat die Nase voll von der Vertuschung sexueller Missbräuche durch den Klerus. Unmissverständlich stellt er fest: „Nachdem die katholische Kirche einmal mehr gezeigt hat, dass sie mit den Missbrauchsfällen nicht angemessen umgeht, sieht sich die Regierung gezwungen, Gesetze zu verabschieden, nach denen es strafbar ist, Informationen über Kindesmissbrauch zurückzuhalten."

Die Dubliner Ministerin für Kinder- und Jugendangelegenheiten, Frances Fitzgerald, stellt einen Gesetzesentwurf vor, die "Children First Bill", wonach es künftig unter Strafe steht, Hinweise auf Kindesmissbrauch nicht umgehend der Polizei zu melden. Diese Meldepflicht gilt ausdrücklich für alle Organisationen und Individuen, die mit Kindern als Schutzbefohlenen zu tun haben: Sprich, auch für die Kirche und ihre Geistlichen. Also auch für die Beichte abnehmende Priester.

Gegen dieses ungeheure Ansinnen läuft die Kirche nun Gott sei Dank Sturm. Geistliche wie Father PJ Madden von der Association of Catholic Priests fühlen sich nicht an die weltliche Gesetzgebung gebunden. "Das Beichtgeheimnis ist Teil des heiligen Busssakraments, das weit über das Thema Kindesmissbrauch hinausgeht. Wer in den Beichtstuhl kommt, der kommt nicht als Krimineller, sondern als reumütiger Sünder, der Vergebung sucht vor Gott."

Recht hat er. Wo kämen wir hin, wenn Mörder und Missbraucher ihre Absolution nicht mehr von der Kirche erhalten dürfen. Unsere Gerichte sind sowieso hoffnungslos überlastet. Nach der Beichte ist ein Sünder durch das „So spreche ich dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ von seinen letzten Sündenfolgen aus der zeitlichen Existenz durch seine Reue geläutert. Er ist also wieder ein reines Mitglied unserer Gesellschaft.

Zudem sagen Experten, dass Kinderschänder schlicht nicht mehr zur Beichte gehen werden, wenn sie wissen, dass die Priester sie anzeigen. Momentan gäbe es immerhin noch die Chance, sie zur Selbstanzeige zu überreden. Doch die Regierung in Dublin will sich von ihrem Gesetzesvorhaben nicht abbringen lassen.

Recht hat sie. Wer glaubt schon an Selbstanzeigen. Dublin ist im einundzwanzigsten Jahrhundert angekommen. Wer weiss, vielleicht sind die Iren so fortschrittlich und schaffen auch noch das Zölibat ab.

Wobei wir nicht vergessen dürfen, auch die Kirche verschliesst sich dem Fortschritt nicht. Auf Beichthaus.com kann man seine Sünden auch via Internet loswerden. Sogar mit so etwas wie Ranking und Top 100. Einfach so, vom Schreibtisch aus. Beim Kaffee trinken. Zwischen E-Banking und facebook. Es soll sogar ein Streetmobil  zum Beichten geben.

Erika wird weiter ihren Stuhl aufsuchen. Meine letzte Beichte liegt weit in der Vergangenheit. Eine Nächste, das kann ich mit gutem Gewissen behaupten, wird es nicht geben. Mit meinen kleinen Sünden komme ich ganz gut alleine klar.