Leben

Jeder will es werden – aber keiner will es sein

Jeder will es werden – aber keiner will es sein

Diese Weisheit - wem ist sie nicht bekannt - wird mehreren zugeschrieben.

Unter anderem den Schauspielern Gustav Knuth (gest. 1987), Martin Held (gest. 1992), dem österreichischen Schauspieler und Dramatiker Johann Nestroy (gest. 1862).

Doch schon weit vor ihnen formulierte der Anglo-Irische Schriftsteller Jonathan Swift (verst. 1745) in seiner Sprache „Every man desires to live long; but no man would be old.“

Jonathan Swift also war der ‚Erfinder’? – Auch er nicht!

Sondern weit, weit vor ihnen allen machte sich der Römer Marcus Tullius Cicero [106 v. Chr. – 43 v. Chr.] seine Gedanken über das Alter und kommt zu der gleichen Erkenntnis.

Cicero war nicht nur ein glänzender Jurist, Philosoph und Schriftsteller, – sondern auch ein hervorragender Politiker und grandioser Redner.

Seine Abhandlung «De Senectute» (deutsche Übersetzung «Über das Alter»), ist nach wie vor äusserst lesens- und bedenkenswert.

Von ihm stammt der Satz: „Jedermann wünscht es zu erreichen, und hat man es erreicht, so klagt man doch darüber.“

Zu den Wehklagern will Cicero nicht gehören.

Er will auch keinen Trost spenden etwa nach Art der unzähligen „Erbauungsliteratur.“ Als gelernter Anwalt hält er – auf hohem Niveau – ein Plädoyer für ein positives Urteil.

Cicero ruft dazu nicht nur einige Zeitzeugen auf, aber auch Philosophen, Dramatiker, Historiker und Politiker, z.B. Platon, Sophokles oder Cato. 

Er beginnt: „Wer in sich selbst keine Mittel zu einem guten und glücklichen Leben findet, für den ist jedes Lebensalter beschwerlich.“

Das nennt man bis zum heutigen Tag eine rhetorisch-exakte Gliederung mit den einleitenden Worten: “Das Nachdenken führt mich auf vier Gründe, aus denen man das Alter für unglücklich hält:

  1. weil es uns von der Tätigkeit abziehe
  2. weil es den Körper entkräfte
  3. weil es uns von allen Sinnenfreuden abhalte
  4. weil es nicht mehr weit vom Tod entfernt sei.

Wie gewichtig und wie gerecht jeder dieser Gründe sei, wollen wir nun, wenn es gefällig ist, untersuchen.“

Cicero deckt diese angeblichen Nachteile des Alters als nichts anderes als Vorurteile auf, die er mit trefflichen Argumenten und Geschichten aus seinem Umfeld widerlegt.

Zu 1.: „Nicht immer ist es die körperliche Stärke oder Schnelligkeit oder Lebhaftigkeit, die grosse Dinge ausführt, sondern die Klugheit, das persönliche Ansehen, das Gewicht der Stimme – Eigenschaften, die man im Alter nicht nur nicht verliert, sondern sogar im zunehmendem Mass gewinnt.“

Zu 2.: „Einem jeden Abschnitt des Lebens ist seine eigene zeitliche Bestimmung gesetzt. So ist auch die Reife des höheren Alters etwas Naturgemässes. Man zwingt uns nicht zu dem, was wir nicht zu tun vermögen, ja noch nicht einmal das zu tun, was wir mit unseren Kräften leisten können....“

„Und wenn ich auch Geschäfte dieser Art nicht mehr ausüben kann, so würde mich doch auf meinem Ruhebett schon der Gedanke an das erfreuen, was ich jetzt nicht mehr zu tun imstande bin.

Das aber, was ich jetzt immer noch tun kann, verdanke ich meinem früheren Leben. Wer nämlich in solchen (gedanklichen) Beschäftigungen weiter lebt, bemerkt gar nicht, wenn das Alter sich bei ihm anschleicht.“

Zu 3.: „Die Natur oder die Gottheit hat dem Menschen nichts Edleres verliehen als die Vernunft. Der grösste Feind dieses göttlichen Gnadengeschenks ist aber Sinnlichkeit..., denn es gibt kein Verbrechen, zu dem die sinnlichen Begierden nicht die Antriebe dazu gaben.“

„Darum höchstes Lob für das Alter, wenn es kein Verlangen mehr nach einem sinnlichen Vergnügen hegt.

Die Krone des Alters ist das Ansehen, die Weisheit und die unerschütterliche Gelassenheit.“

Zu 4.: Jedes Leben hat „auch seine Sättigung, sein Mass und Ziel. Ich habe so gelebt, dass ich glaube, nicht umsonst geboren worden zu sein.“

Cicero setzt sich mit den beiden – damals herrschenden philosophischen Auffassungen – auseinander, wonach das Bewusstsein (der Geist) mit dem Tod entweder ausgelöscht werde oder aber an einem anderen Ort ewig weiter lebe.

Er schreibt: „Wenn ich in meinem Glauben an die Unsterblichkeit der Seele mich irre, so irre ich mich gern, und ich mag mir diesen Irrtum, an dem ich Vergnügen finde, nicht mit Gewalt entreissen lassen...

„Wenn nach dem Tod, wie etliche unbedeutende Philosophen glauben, mein Bewusstsein aufhören sollte, so habe ich doch nichts zu befürchten. Entweder ist das Bewusstsein nach dem Tod etwas Wünschenswertes oder es hört ganz auf.

Cicero: „Allein darauf müssen wir uns von Jugend an durch Nachdenken vorbereiten, damit wir den Tod mit gleichmütiger Gelassenheit betrachten lernen.“

 

Kommentare

Bild des Benutzers Bernhard Schindler

Wann begann im Altertum "das Alter"?

Einer der Grossen der Geschichte, Kaiser Tiberius, ist 95 Jahre alt geworden. Seine Zeitgenossen, aber auch frühere Geisteskapazitäten und Ferldherren sind viel früher gestorben: Cicero mit 62, Crassus mit 61, Caesar mit 54, Antonius mit 50, Kleopatra mit 39, der grosse Zauderer und Feldherr Quintus Fabius Maximus Cunctator mit 72, Pompeius mit 58, Alexander der Grosse bereits mit 33, Brutus mit 43, Oktavian/Augustus mit 51 und Nero mit 31.

Natürlich starben lange nicht alle eines natürlichen Todes. Entweder wurden sie in de Schlacht getötet, oder von den eigenen Verwandten gemeuchelt. Auch befahl die Stoa dem Verlierer einer Schlacht, sich ins Schwert zu stürzen.

Was ich damit sagen will: Altersgebrechen, wie wir sie kennen, dürfte nur der grausame Tiberius gehabt haben, der sich in seinem Palast auf den Höhen Capris von den Bresten des Lebens erholte. Alzheimer, Demenz, Parkinson oder andere Altersleiden gab es bei den 50-60jährigen wohl noch nicht. Wohl aber Gicht, Arthritis und andere Krankheiten, die vom ungesunden Leben herrühren.

Da kann ein Cicero mit 62 weise und wohl auch schon etwas gebrechlich, schon vom Alter schwärmen. (Die wenig Begüterten, die Sklaven und die Landarbeiter starben wahrscheinlich noch viel früher.

Alter ist eben nicht nur eine Ansichtssache, sondern auch eine Sache des Lebensalters.

Ich persönlich wollte nie alt werden (genau so wenig wie ich je erwachsen werden wollte). Ich wurde dennoch zuerst erwachsen. Und dann irgend wann alt. Von Weisheit habe ich nicht viel gespürt. Allenfalls von etwas mehr Toleranz, aber auch Mimosenhaftigkeit.

Ich bin stolz darauf, mit 75 noch ziemlich beieinander zu sein. Aber leider wächst bei mir die Vergesslichkeit. Ich kann auf den Tag genau sagen, wann ich konfirmiert wurde, wann ich heiratete, wann ich in Norwegen war. Das Langzeitgedächtnis funktioniert. Aber wie ist es mit der Kurzzeit-Erinnerung? Gestern habe ich, habe ich, was habe ich?

Sorry, ich hab's vergessen!

 

Bernhard