Gesellschaft

Immer auf die Kleinen

Immer auf die Kleinen

Ciao Bella Italia

Irgendwie komisch. Im Juni schrieb ich, dass der Silvio in einem Telefon-Gespräch erwähnte, sein Land sei ein Scheissland. Jetzt las ich letzte Woche im Südkurier, dass er während dieses Anrufes ebenfalls sagte, er werde sein Land demnächst verlassen. Dazu noch eine nette fäkale Bemerkung.

Er wird anscheinend permanent abgehört. Nach Informationen der italienischen Tageszeitung La Repubblica hat sich Italiens Regierungschef in von Ermittlern abgehörten Telefonaten über Bundeskanzlerin Angela Merkel lustig gemacht. Mehreren italienischen Blogs zufolge soll sich Berlusconi abfällig über das Aussehen der CDU-Politikerin geäußert haben. Zugegeben, die Angela ist nicht gerade ein Claudia-Schiffer-Typ, aber hier ging der geliftete Silvio doch etwas zu weit.

Politiker seiner Partei, der PdL, befürchteten nun, dass Mitschnitte der Gespräche an die Öffentlichkeit kommen könnten. So etwas können sie jetzt gar nicht brauchen. Jetzt, wo sie sparen müssen. Wo ihr Oberjehudi täglich neue Sparvorschläge ans Licht des Tages bringt. Jetzt, wo Italiens Krisen-Kampf immer irrwitziger wird.

Irrwitzig, aber nicht lustig. Der Volkszorn wächst. Gründe dafür gibt es genug. Da will die Regierung bis Ende 2013 weitere 45 Milliarden Euro einsparen – zusätzlich zu den bereits in einem ersten Sparpaket festgelegten 48 Milliarden. Unter anderem sollen drei staatliche Feiertage künftig auf Sonntage gelegt werden, weil Brückentage schlecht für die Produktivität seien. Selbst der 1. Mai als „Tag der Arbeit“ könnte künftig am ersten Sonntag im Mai begangen werden.

Ganz nebenbei dürfen die Italiener auch noch erfahren, dass sie mit ihren Steuern das Essen der Abgeordneten finanzieren. Mehrere Medien hatten die Speisenkarte des Abgeordneten-Restaurants im Senat veröffentlicht, wo die „Ehrwürdigen" zu Preisen speisen, an die sich im restlichen Italien nur noch Grossmütter erinnern können: Pasta in allen Variationen für 1,60 Euro, Rindersteak 2,68 Euro, Wolfsbarsch mit Mandel-Radicchio 3,34 Euro, Schwertfisch vom Grill 3,55 Euro.

Ein Familienvater empörte sich bei facebook: „Unsereins bekommt für 5 Euro mit Glück einen Toast und ein Glas Wasser.“ Und ein 74-jähriger, also gleichaltriger wie Berlusconi, schimpft: “Ich gebe als Rentner im Supermarkt mehr Geld im Monat aus, als die für ihr Luxus-Essen über die ganze Legislaturperiode“.

Während das Land mitten in der Eurokrise steckt, macht sein Ministerpräsident da weiter, wo er vor der Sommerpause aufgehört hat. Bald steht auch wieder die nächste Runde im "Ruby"-Prozess auf dem Programm. Und zwischendurch muss Berlusconi mal eben so zigmilliardenschwere Sparpakete durchs Parlament bringen. Kein Problem, sagt er in der ihm eigenen Selbstgefälligkeit: "Das ist meine Fähigkeit, die Mannschaft zusammenzuhalten, alle zu respektieren, bei allen gut anzukommen. Dazu kommt meine politische Autorität. Ich bin der Führer der Regierungspartei."

Schön, dass er das wieder einmal erwähnte. In den letzten Wochen, schreibt das Wochenmagazin Espresso, hatte man eher den Eindruck, hier spielt ein Kind mit Bauklötzchen, so schnell hat Berlusconi die eigenen Reformvorschläge wieder umgestossen und aufgebaut. Und für Ex-Ministerpräsident Massimo d’Alema von der oppositionellen Demokratischen Partei hat die Krise einen Namen: Silvio Berlusconi. "Wir dürfen natürlich die Probleme nicht unterschätzen", sagt d'Alema. "Aber Italien schafft das schon. Nur: Jeder Tag, den dieser Herr länger bleibt, ist zu teuer. Er ist das wahre Problem."

In Italien mehren sich die Protestaktionen gegen die Regierung, die im Senat ein milliardenschweres Sparpaket zur Eindämmung der ausufernden Staatsschuld verabschiedet hat. Am Dienstag letzter Woche war es zu einem achtstündigen Generalstreik gegen das Sparpaket gekommen. Hunderte Menschen haben sich dazu am Samstagnachmittag an einer Demonstration gegen Politikerprivilegien in Rom beteiligt. Die Demonstranten zogen durch die Innenstadt vor das Parlamentsgebäude. Angeführt wurde der Protestzug vom italienischen Starkomiker Beppe Grillo, der mit seiner Bürgerbewegung "Fünf Sterne" die Korruption und die Privilegien der italienischen Politiker anprangert. Der Komiker hielt vor der Abgeordnetenkammer eine Ansprache und forderte die Schliessung des Parlaments.

EU-Energiekommissar Günther Oettinger, der mit dem perfekten Englisch, hat das Management der italienischen Regierung in der Schuldenkrise mit scharfen Worten attackiert. „Italien wird miserabel regiert“, sagte er am letzten Dienstagabend auf einem Treffen der deutschen Wirtschaftsverbände in Berlin.

Die Regierung in Rom habe „unverantwortlich gehandelt“, als sie erst ein grosses Sparpaket geschnürt, es aber nach heftigen Protesten teilweise wieder aufgemacht habe. Die Europäische Zentralbank (EZB), die italienische Staatsanleihen zur Stützung der Marktzinsen gekauft hatte, sei „hereingelegt worden“, kritisierte Oettinger.

Jetzt soll die Mehrwertsteuer erhöht und doch eine „Reichen-Steuer“ für Jahreseinkommen von mehr als 500.000 Euro eingeführt werden. Das Spardekret will Berlusconi mit einem Vertrauensvotum beschleunigt durch das Parlament boxen.

Und wen trifft die Mehrwertsteuer-Erhöhung? Richtig – die Kleinen. Aber die sind ja selber schuld. Schliesslich haben sie den Cavaliere 1994 auf den Thron gehoben und ihn, mit einer kurzen Unterbrechung, auch darauf sitzen lassen.

Und dem Silvio kann schlussendlich sein Scheissland scheissegal sein. Schliesslich gehört er mit einem Vermögen von 7,8 Milliarden US-Dollar zu den reichsten Italienern. Er ist sein Hirte, ihm wird nichts mangeln.

 

 

Kommentare

Bild des Benutzers Karin Hartmann

Immer auf die Kleinen

Lieber Kurt
du hast den Nagel wieder einmal auf den Kopf getroffen. Mit deinen Glossen sprichst du mir meistens aus der Seele. Bitte nicht aufhören, ich würde deine Beiträge sehr vermissen.
Karin

Bild des Benutzers jipégé

alles selbstgewähltes Leid !

Die Italiener bekamen, was sie wollten, heisst : was sie wählten, mehrmals, trotz einschlägigen Erfahrungen !

Das Problem ist, dass die anderen Parteien nichts oder nichts Besseres zu bieten haben.

Und das andere Problem ist, dass ganz Europa unter diesem Zustand leiden muss, inkl. der Schweiz, die ja auch in Europa liegt.

Jean-Pierre