Immer interessiert am Geschehen in unserer Welt, mit einer grossen Portion Toleranz ausgestattet und mit der festen Überzeugung, dass jede Generation das Recht hat, ihre eigenen Fehler zu machen. Beste Voraussetzung also für ein reibungsloses Zusammenleben in einer Vier-Generationen- Familie.
Diese Eigenschaften sind für heute einmal ausser Betrieb gesetzt. Rosa steht in der Abteilung für Kinderbekleidung eines Grossverteilers und schimpft wie ein Rohrspatz. Wie ist das möglich?
Auslöser ist der bevorstehende Geburtstag ihrer sechsjährigen Enkelin, genauer gesagt das passende Geschenk. Da Rosa nicht alle Vorlieben, Interessen und die ständig wechselnden Konfektionsgrössen kennen kann, kauft sie das Geschenk jeweils nach Angaben ihrer Enkelin, also der Mutter der Urenkelin ein. So auch heute. Auf ihrem Einkaufszettel steht die genaue Artikelbezeichnung und Grösse, und den reicht sie der Verkäuferin. Die dann auch umgehend das Gewünschte bringt.
„Was soll denn das? Das ist ja ein Büstenhalter! Wozu braucht ein sechsjähriges Mädchen einen Büstenhalter?“, fragt Rosa entsetzt.
„Das ist aber der Artikel, den Sie gewünscht haben, so steht er auf ihrem Zettel, eine Mädchengarnitur, und dazu gehört nun mal ein Büstenhalter“, verteidigt sich die Verkäuferin.
„Aber ein sechsjähriges Mädchen braucht doch keinen Büstenhalter, weil sie noch keine Brust hat!“, ruft Rosa so laut, dass auch der Abteilungsleiter hinzu gekommen ist. Eine schimpfende Kundin ist immer unangenehm. Er erklärt der empörten Rosa, dass dieser Artikel offenbar gewünscht wird, sonst würde man ihn ja nicht führen, und dass sie selbst, von wem auch immer, diesen Wunsch erhalten habe.
Ja, dieser „wem auch immer“ ist ihre Enkelin, und die würde einiges zu hören bekommen. Aber jetzt hat sie erst einmal eine Riesenwut auf dieses Geschäft. Sie beschimpft die unschuldige Verkäuferin, den Abteilungsleiter und das gesamte Management. Schliesslich sagt sie zum Abteilungsleiter:
„Sie können diesen Mist ja selbst anziehen!“, was natürlich unhöflich und rein anatomisch nicht möglich ist. Dann verlässt sie den Laden, geht in ein Spielwarengeschäft und wünscht mit der an ihr gewohnten höflichen Stimme ein sinnvolles Geschenk für ein kleines Mädchen von sechs Jahren.
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Liebe Renate Gerlach
Mir scheint, Deiner lustigen Story über die Uroma Rosa fehlt die Pointe. Was hälst Du davon, wenn ich Deine Geschichte mit einem Erlebnis der Ur-Oma meiner Enkelin ergänze, die mir eben diese, als sie noch „nur“ meine Mutter war, erzählt hat. Sie hatte eine neumodische Grosstante, die sich für eine Feministin hielt, in Hosen herum lief – quel horreur!!! – und streng darauf achtete, ihre Grossnichte mit zeitgemässen Geschenken zu versehen. Da wünschte sich doch tatsächlich dieses Heidi mir dreizehn Jahren – Weihnachten 1912 – ein „Poesiealbum“, wie das alle ihre Schulkameradinnen auch hatten. Und eben diese Grosstante sollte ihr dieses unter den Weihnachtsbaum legen.
Wie erwähnt, besagte Grosstante war „modern“ und hielt nichts von romantischem Unsinn wie Poesiealben, zeitgemässer Lyrik à la Rilke oder Hesse. Sie besorgte ihrer
Enkelin zu Weihnachten ein Aufklärungsbuch – resp. das, was man vor dem ersten Weltkrieg dafür hielt.
Irgend wann bekam sie aber dann doch Gewissensbisse und schickte eine Nachbarin – um nicht selber in Erscheinung treten zu müssen – in die nahe Buchhandlung. Und liess ein Poesiealbum kaufen.
Meine Mama hat dieses ein Leben lang in Ehren gehalten. Das Aufklärungsbuch, das sich ohnehin spätestens in der Dada-Zeit als hoffnungslos altmodisch erwies, ist schon lange verschwunden, während das Poesiealbum heute noch von meiner Enkelin in Chur gern gelesen wird.
Sie findet darin Gedichte von Kästner, Hesse, Rilke und Tagore, die ihr auch heute noch viel bedeuten. Ein ganz herziges Gedicht ist leider anonym (stammt es von einem heimlichen Verehrer meiner Mutter?)
Es Vögeli pickt mer ans Feister
En Fink, en subere Matz
I draihe de Chopf am Schribtisch
„Was wotsch, du herzige Schatz?
Er streckt si und lueget dur d Schybe
Denn schmätt’ret er er hell und froh
„Chum use, chum use, chum use –
De Früehlig, de Früehlig isch cho!
Die Wünsche kleiner Mädchen sind unberechenbar
Schön, wenn man die Wünsche der Kinder berücksichtigen kann. So ist das Poesiealbum o.k., auch der BH für die 6-Jährige, falls sie ihn tatsächlich wünscht. Falls unerwünscht, so liegt er genau so daneben wie das Aufklärungsbuch, das ich von meiner Grossmutter ebenso gehasst und als Einmischung in meine Privatsphäre empfunden hätte, wie den BH, den sie mir im Alter von 13 Jahren ungefragt unter den Christbaum legte.
Übrigens - meine 3 1/2 jährige Enkelin hat sich auf letzte Weihnachten ein Pissoir gewünscht, das fand sie total lässig. Sie sah eines, weil sie dringend mal austreten musste und ihr Vater sie aus ihrer Not erlöste. Mit dem Wunsch erntete sie einen grossen Heiterkeitserfolg. Bekommen hat sie es allerdings nicht ...