Gesellschaft

Der Papst kommt

Der Papst kommt

Ich weiss nicht, wie soll ich das deuten

Seit Deutschland Papst ist, hat sich einiges getan. Die Enthusiasten sind etwas weniger enthusiastisch, die Kritiker dafür etwas kritischer geworden. Wenn dero Heiligkeit, Benedikt XVI, nun der alten Heimat seine Aufwartung abstattet, herrscht nicht überall eitel Freude. Vieles ist anders als beim ersten Besuch.

Rund 4000 Journalisten haben sich akkreditiert, die Sicherheitsvorkehrungen sind enorm. Enorm ist auch das Riesenposter, oder wie immer man das Ding nennen will, das der Axel Springer-Verlag zu Ehren des Pontifex Maximus auf beiden Seiten seines Neubauflügels aufgehängt hat. In einer Grösse von 45 mal 64 Metern können die Berliner die Bild-Titelseite „Wir sind Papst“ vom 20. April 2005 noch einmal bewundern. Die zwei Planen wiegen je 1235 Kilogramm.

Bewundern und staunen dürfen die Berliner. Dafür ist Winken verboten. Wenn der Oberpriester ins Berliner Olympiastadion fährt, darf nicht aus Fenstern gewinkt werden. Die Fenster von Wohnungen entlang der gesperrten Strecke müssen geschlossen bleiben. „Aus Sicherheitsgründen“, sagte ein Sprecher der Berliner Polizei. „Sollten Fenster offen stehen, werden wir hingehen und bitten, sie zu schließen.“ Die Berliner Polizei sei mit einem Grossaufgebot in der Hauptstadt im Einsatz.

Zahlreiche Bundestagsabgeordnete haben einen Boykott der Bundestagsrede Benedikts angekündigt. Der Vatikan hat mit Unverständnis reagiert: „Die Abgeordneten müssen sich der Wirkung dieser Art von Protest im Ausland bewusst sein“, sagte der deutsche Kurienkardinal Walter Brandmüller der „Bild-Zeitung. „Sie verstärken dadurch das Bild vom „hässlichen Deutschen“, das leider immer noch existiert.“ Zuvor hatten bereits mehrere deutsche Bischöfe den von etwa 100 Oppositionsabgeordneten geplanten Boykott der Papstrede im Parlament als ungehörig und blamabel kritisiert.

Nun kann man sich natürlich fragen, was hat der Klerus im Parlament überhaupt verloren. Kirche und Staat sind ja bekanntlich getrennt. Doch der Papst ist halt auch ein Staatsmann. Staatsoberhaupt vom Vatikan-Staat. Also wird er auch keine Predigt halten, sondern eine staatsmännische Rede. Oder von jedem etwas. Mir kann’s egal sein, ich bin ja nicht dabei und meine Fenster bleiben offen.

Der Papst kommt - und nicht alle freuen sich darüber. In ganz Deutschland haben sich Initiativen gebildet, die den Pontifex mit Protesten empfangen wollen. Die Gegner des Papstbesuches sind sich einig: "Der Papst steht für eine menschenfeindliche Geschlechter- und Sexualpolitik". In Veranstaltungen diskutierten sie über „Benedikts Kreuzzug“, in dem er „die Moderne bekämpft“. Sie regen sich auf über den „heiligen Schein“, hinter dem sich der Vatikan in der Debatte um den Umgang mit Homosexuellen verstecke. Und sie kritisieren auch die katholische Haltung zur Gleichstellung von Frauen und zur "Kondompolitik".

Auch im Südwesten formierte sich ein Bündnis mit dem schönen Namen „Freiburg ohne Papst“ gegen Benedikts Ausflug in die Heimat. Mathias Falk, einer der Organisatoren des Protests, teilt mit, das Bündnis habe mehr als 3500 Unterschriften, unter anderem von zehn Freiburger Stadträten, gegen den geplanten Eintrag des Papsts in das Goldene Buch der Stadt gesammelt, die dem grünen Oberbürgermeister Dieter Salomon am Freitag übergeben wurden.

"Die katholische Kirche verurteilt alles, was von ihrer Norm abweicht, und hat dabei weltweit einen allumfassenden Anspruch", kritisiert Falk. „Man muss dem Papst genau so widersprechen wie Repräsentanten totalitärer Staaten, wenn sie sich gegen Homosexuellen- oder Frauenrechte positionieren“. Er geht noch etwas weiter und fordert: „So jemanden muss man doch in die Schranken weisen“.

Die Grande Dame der Papstkritiker, Ute Ranke-Heinemann, sah sich am Samstag, zusammen mit der Spiegel-Journalistin Barbara Hans, das Wort zum Sonntag ihres ehemaligen Studienkollegen Joseph Ratzinger an. Über den Mann auf dem Bildschirm sagte sie der Journalistin: „Er war der Irrtum meines Lebens. Ich Doofe!" Die Sexualmoral der Kirche sei der Inbegriff der Verlogenheit, Kondome ja, aber nur unter bestimmten Voraussetzungen: "Seit er diese Kondomtheologie vertritt, regt er mich nur noch auf", sagt die Frau, die ihr Leben mit dem Studium der christlichen Theologie verbrachte. "Der Faden ist gerissen. Schluss!" Einen Irrtum könnte sie verzeihen, keine Frage. Aber der Papst gilt in Glaubensfragen als unfehlbar. Viel Verlogenheit hat sie erlebt. Eine Kirche, in der es die Erbsünde gibt, Fegefeuer, Hölle, das volle Programm. Ein Glaube, der den Menschen Angst macht, um sie zum Gehorsam zu nötigen. 

Hätte sie nicht Päpstin werden können? Vatikan statt Wohnzimmer, weisses Gewand statt türkisfarbener Lederjacke, Kreuz um den Hals statt Lesebrille, Heiliger Stuhl statt Fernsehsessel? Ute Ranke-Heinemann: "Ich lauf doch nicht mit so einer Tüte auf dem Kopf rum und erzähl Einschläferndes und Märchen!" 

Tüte, nein, Chapeau, Frau Ranke-Heinemann.

Die fröhliche Wallfahrt ist also von Gewitterwolken leicht überschattet. Doch auch im verwaisten Vatikan braut sich etwas zusammen. Wenige Tage vor dem Deutschland-Besuch wurden Forderungen nach Konsequenzen aus den Missbrauchsfällen in katholischen Einrichtungen lauter. Das Netzwerk "Survivors Network of those Abused by Priests" (SNAP) reicht vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag eine Klage gegen Papst und Vatikan wegen des systematischen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen ein.

In der Klageschrift werden Papst Benedikt XVI. und drei weitere Verantwortliche des Vatikans der Tolerierung und Ermöglichung der systematischen und weit verbreiteten Vertuschung von Vergewaltigung und Sexualverbrechen an Kindern durch Bischöfe, Priester, Diakonen und Nonnen beschuldigt.

Papa ante iudicium. Unvorstellbar. Und bestimmt auch sinnlos. Der Klerus wird’s schon richten. Und sicher bald wird es heissen: Roma locuta, causa finita, Rom hat gesprochen, die Sache ist erledigt.

 

 

Kommentare

Bild des Benutzers kaninchen

Was wäre, wenn

...der Papst ein Amerikaner wäre ? Übrigens, auch dann blieben die Fenster geschlossen !!!!!!!!!!!!!!!!!

Bild des Benutzers Rosy

Der Papst kommt

Kurt, Du verfügst über ein umfassendes Wissen, mit der Begabung. dasselbe schön verpackt weiter zu geben.

Ich danke Dir !

Rosy

Bild des Benutzers etna

@jipégé

Lt. der Prophezeihung von Malachias soll der jetzige Papst der 266igste sein und zugleich der vorletzte der ganzen Reihe! Und dann folgt das AUS für die katholische Kirche. Also dauert die Kontroverse und der Ärger nicht mehr so lange, das tröstet doch, oder? Und Benedikt soll, dieser Schrift zufolge, auch eine sehr kurze Amtszeit haben.

 Die beste Art, sich zu wehren, ist sich nicht angleichen. (Marc Aurel)

Bild des Benutzers jipégé

Affentheater !!

ein ARMER ALTER Mann !

Und dabei heisst's doch immer : "Selig sind die armen Alten, denn ihnen gehört das Himmelreich" - wenn er doch nur .... Aber der Folgende wird leider und mit Garantie nicht minder alt und arm !

Aber letztendlich, was kümmert MICH das ?

 

Jean-Pierre

Bild des Benutzers Almut Papkalla

Wieder viel gelernt!

Danke, lieber Kurt, für Deine – wie immer höchst interessante – Kolumne!

Herzliche Grüsse,

Almut