Sonntagabend. Pünktlich hebt der Lufthansa-Airbus A321 ab zum Direktflug Lahr - Roma-Ciampino. An Bord der „Regensburg“ befinden sich der Pontifex Maximus, seine Heiligkeit und der Bischof von Rom. Zusammengefasst besser bekannt als Benedikt XVI. Aussen, neben der Eingangstür vorne, prangt das päpstliche Wappen. Das wird nach der Landung allerdings sofort wieder entfernt.
Wie bei allen Papstflügen wurde die Maschine umgerüstet. Das heisst: Der Papst fliegt First, Kardinäle und Bischöfe Business, und die Journalisten ganz hinten Economy. Da der Papst keine Pilze und keine Krustentiere mag, wird ein deutsch-italienisches Menü angeboten.
Vier Tage lang durften die Deutschen also wieder Papst sein. Vier Tage erlebten sie eine Mischung aus Oktoberfest, Hansi Hinterseer Open Air, Trachtenumzug und Feldgottesdient. Transparente wurden geschwenkt, die Menge jubelte und applaudierte, Mädchen kreischten wie beim Auftritt ihres Popidols, es wurde gelacht und manchmal auch ein bisschen geweint.
Vier Tage lang leierte der Papst mit monotoner, schwacher Stimme Altbekanntes herunter. Ganz nach dem schönen Motto: Am besten nichts Neues. Wenigstens vergass er nicht, seine Landsleute zu ermahnen: "Die Kirche in Deutschland wird für die weltweite katholische Gemeinschaft weiterhin ein Segen sein, wenn sie treu mit den Nachfolgern des heiligen Petrus und der Apostel verbunden bleibt". Nach den heftigen Debatten über den Reformbedarf der katholischen Kirche, beharrte seine Heiligkeit darauf, dass die Katholiken "die Fackel des unverfälschten Glaubens in Einheit mit dem Bischof" hochhalten müssten. Beim Treffen mit dem reformbereiten Zentralkomitee der Deutschen Katholiken sagte er, die Krise der Kirche in Deutschland sei in Wahrheit eine "Krise des Glaubens."
Weltoffenheit. Dieses Wort taucht in seinen Reden immer wieder auf. Die Kirche muss weltoffen sein. Ich frage mich nur, offen für was? Offen für die Ökumene? Ökumene - der gemeinsame Dialog zwischen christlichen Konfessionen. Da hat der Oberpriester aus Rom eine klare Meinung: Ökumene ja, aber doch nicht gleich mit Allen. Beim ökumenischen Gespräch mit Spitzenvertretern der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sagte der 84-jährige: „Vor einer neuen Form von Christentum, die mit einer ungeheuren und in ihren Formen manchmal beängstigenden missionarischen Dynamik sich ausbreitet, stehen die klassischen Konfessionskirchen oft ratlos da.“ Der Papst geht bei dem Treffen nicht auf den Wunsch kirchlicher Reformgruppen und der Evangelischen Kirche ein, gemeinsame Eucharistiefeiern von Katholiken und Protestanten zuzulassen. Stattdessen verweist er darauf, dass der christliche Glaube in Deutschland immer mehr an den Rand gedrängt werde.
Der katholische Theologe Hans Küng kritisierte das Ergebnis des Ökumene-Treffens sowie den „Personenkult“ um den Papst. Es habe sich gezeigt, „dass Joseph Ratzinger seit nunmehr dreissig Jahren als Haupthindernis für die ökumenische Verständigung mit der evangelischen Kirche wirkt“, sagte er der Chemnitzer Freien Presse. Das Treffen sei für die Protestanten ein „beleidigendes Abservieren, vor allem bezüglich der Wünsche für ein gemeinsames Abendmahl“ gewesen.
Weltoffenheit. Was darf der weltoffene Katholik darunter verstehen. Offen für die Leiden der Missbrauchopfer? Offen für die Gleichberechtigung Homosexueller? Offen für die Anliegen der Frauen? Sollten in ferner Zukunft Frauen in den höheren Diensten zugelassen werden, stellt sich die Frage, ob die dann auch die schönen langen Roben tragen dürfen. Oder müssen sie vielleicht, um eine Verwechslung der Geschlechter zu vermeiden, in langen, weiten Hosen auftreten.
Wird der Papst in Deutschland zu Recht kritisiert? In einem Land, das ja nicht nur protestantisch, sondern auch Heimat des Idealismus ist. Hegel lehrt uns, was eine veräusserlichte Religion ist: Sie hüllt sich in goldene Gewänder, aber kennt keine innere Denkbewegung. Sie glänzt ein letztes Mal, bevor sie im Geist erstarrt. Darum opponieren längst nicht mehr nur Linkskatholiken wie Hans Küng, nicht nur Dissidenten wie Eugen Drewermann und Protestantenfreunde wie Gotthold Hasenhüttl, sondern immerhin zwei Drittel aller katholischen Universitätstheologen.
Ich bin bestimmt kein Gazzari, kein Ketzer, aber ich frage mich, warum Rom die klerikalfaschistischen Piusbrüder umarmte, aber die Reformkatholiken jetzt als reformatorische Abweichler dastehen lässt. Die haben einen Papst, der den Auftrag Jesu Christi an Petrus nachlebt: „Weide meine Schafe“. Leider vergisst er dabei, dass Menschen keine Schafe sind. Er ist ein Hirte alter Schule. Er muss den Zaun befestigen. So kann er die Diskriminierung der Schwulen so wenig aufheben wie die Ungleichberechtigung der Frauen. Aus diesem Grunde kann er auch die Vertuschung des Kindesmissbrauchs nicht aufklären. Sonst müsste er sich ja über die eigene Macht aufklären.
Als Joseph Ratzinger noch Chef der Glaubenskongregation war, erklärte er, warum Rom keine innerbetriebliche Demokratisierung braucht: „Wir wissen ja, dass die Demokratie selbst ein gewagter Versuch ist, dass das Entscheiden nach dem Mehrheitsprinzip nur einen bestimmten Rahmen menschlicher Dinge regulieren kann. Es wird zum Unding, wenn es auf Fragen der Wahrheit, des Guten selbst ausgedehnt würde.“ Was wahr und gut ist, ist nicht diskutierbar?
Ist das der Grundgedanke der despotischen Theologie? Ich bin kein Theologe, trotzdem kann ich verstehen, warum sich der Vatikan unter Benedikts Ägide nicht vorwärts bewegen kann. Benedikt fürchtet die Demokratie. Seine Kirche soll so autokratisch werden, wie sie angeblich immer war. Er tut so, als hätte es den ewigen innerkatholischen Streit um das Wesen des Papsttums und die Weisungsbefugnisse Roms nie gegeben. Er ignoriert, dass zu dogmatischsten Zeiten der Theologe Ignaz von Döllinger sagte: „Uns ist die katholische Kirche keineswegs identisch mit dem Papsttum.“
Der Papst war da. Allein die Sicherheit für seine Heiligkeit, also für einen einzelnen Menschen, kostet den deutschen Steuerzahler 50 Millionen Euro. In München wurden für alle Bauten, Versorgungseinrichtungen und für die Beschallung auf dem Gelände ca. sechs Millionen Euro veranschlagt. Was der Besuch genau kostete, bleibt ein Geheimnis. Doch wenn man bedenkt, dass der Weltjugendtag in Köln 122 Millionen Euro verschlang, dürfte auch hier ein hübsches Sümmchen zusammen kommen.
Ein junger Mann aus Freiburg, der sich zwar über den Papstbesuch freute, brachte es meines Erachtens auf den Punkt: „Mit dem Geld, das diese Reise kostete, hätte man vielen hungernden Menschen helfen können.“
Der Papst ist wieder im Vatikan. Die Kritiker sind verstummt, die Gläubigen glücklich. Der Alltag hat uns eingeholt. Wir können uns wieder anderen Themen widmen. Zum Beispiel der Euro-Krise.
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Die Glosse erscheint künftig in unregelmässigen Abständen.
Kurt Myltz
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wie Recht hat der junge Mann aus Freiburg... Das allerdings wissen wir ja schon lange und ändern tut sich trotzdem nichts.
Danke Kurt, du sprichst mal wieder was Wahres an!
Gruss, iloma
* * * Flügelt ein kleiner blauer Falter vom Wind geweht, sah ich das Glück mir winken, glitzern, flimmern, vergehn. Hermann Hesse * * * *
Warum?
Zuerst ganz herzlichen Dank für Deine wie immer erfreulich erfrischende Glosse zum Papstbesuch. Weisst Du übrigens, dass mit mir viele Oldies unter den Seniorweblern es immer sehr schätzen, dank Deinen wöchentlichen Texten jene oft geheim gehaltenen Senioreigenschaften in Gebrauch zu setzen, die da heissen „heimliche, diebische Schadenfreude, Schmunzeln bis zum Geht-nicht-mehr, schallendes Lachen, das Gefühl jetzt-hat-er-es-ihnen-wieder-gegeben und wie-Recht-er-hat“?
Das sind gute Momente, um eine oft aufgezwungene Verklemmung abzulegen, und unsere Gedankenfreiheit zu geniessen. Deshalb möchten mit mir sicher viele wissen, warum denn um Himmelswillen Deine Glosse künftig nur noch in unregelmässigen Abständen erscheinen soll.
Bleib wie Du bist und vor allem, bleib uns erhalten, lieber Kurt.