Kultur

Entscheidend:

Entscheidend:

Der erste Blick, der erste Satz?

In der Liebe, sagt man, sei der erste Blick entscheidend, – in der Literatur der erste Satz. Sie entscheiden, angeblich oder wirklich, ob wir uns in einen Menschen verlieben und mit ihm eine Geschichte beginnen bzw. ob ein erster Satz es fertig bringt, uns zu öffnen für die ihm nachfolgenden Sätze, und wir uns aufs Weiterlesen z. B. einer Geschichte, eines Romans einlassen, – oder auch nicht.

Ob das aber auch wirklich stimmt?

Für mich kann ich sagen, bezogen auf die Literatur, dass ich bisweilen über manchen  blassen ersten Satz schnöde hinweg gelesen habe, mich also mit dem Buch  bis etwa Seite dreißig abquälte, um dann zu sagen: „Nicht mit mir.“

Stunden, Tage, Jahre später nahm ich das gleiche Buch doch wieder in die Hand und las es mit grossem Interesse zu Ende. Bis zum letzten Satz.

Das aber war die Ausnahme.

Im Grunde habe ich nämlich die Erfahrung gemacht: Es ist „was dran“ mit dem ersten Satz in der Literatur, ob es sich dabei um eine Kurzgeschichte handelt, eine Erzählung, eine Novelle, ein Essay, einen Roman.

Erste Sätze, die neugierig machen auf den zweiten, den dritten, den vierten, auf die nächsten Sätze und immer so weiter.

Der Leser ist durch sie aufmerksam und erwartungsvoll geworden, wissbegierig, hellhörig, begierig: Was fängt da an, wie geht das weiter und wie wird’s enden?

Machen wir die Probe.

„Schon mit den ersten Worten, die er an sie richtete, wollte er sie darauf aufmerksam machen, dass er nicht die Absicht habe, das Risiko einer ernstlichen Liebesbeziehung einzugehen.“
[ Italo Svevo «Ein Mann wird älter» ]

„Nur die Dinge verdienen aufgeschrieben zu werden, über die man sich mit keinem Menschen zu reden getraue.“
[ Adolf Muschg «Der Turmhahn» ]

„Ich schreibe, um dich nicht zu vergessen, damit du dich nicht noch mehr von mir entfernst.“
[ Maria Barbal «Emma» ]

„Als sie zum ersten Mal vor Doktor Josef stand, als Zwölfjährige, nackt, spürte sie sein Entzücken.“
[ Zyta Rudzka «Doktor Josefs Schönste» ]

„Eines Tages las ich ein Buch, und mein ganzes Leben veränderte sich.“
[ Orhan Pamuk «Das neue Leben» ]

„Helfen Sie. Mir! Glauben Sie: Ich würde niemanden.“
[ Thomas Lehr «Frühling» ]

„Onkel Sven war Ingenieur im Labor der Hüttenwerke und wohnte in einer der Villen oben auf dem Hügel.“
[ Lars Gustafsson «Erzählungen von glücklichen Menschen» ]

Die Konzentration auf die Anfangssätze bringt uns weitgehend ungewollt hin zu der Frage, die man sich angesichts des Ranges der Autoren sonsthin verbieten würde: Mit welchem ersten Satz würden wir mit dem Lesen beginnen?

Mal angenommen, Sie gehören zu denen, die – mit Blick zurück auf das Leben – behaupten, sie könnten einen Roman schreiben. Wie würde dann Ihr erster Satz lauten?

Aus den grossen Romanen und Erzählungen unserer Klassiker kann man ersehen, wie wichtig es ihnen gewesen ist, den ersten Satz zum Gelingen zu bringen.

„In M…, einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, liess die verwitwete Marquise von O…, eine Dame von vortrefflichem Ruf und Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern durch die Zeitungen bekannt machen: dass sie, ohne ihr Wissen, in andere Umstände gekommen sei, dass der Vater zu diesem Kinde, das sie gebären würde, sich melden solle, und dass sie, aus Familienrücksichten, entschlossen wäre, ihn zu heiraten.“
[ Heinrich v. Kleist «Die Marquise von O…» ]

„Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; jede unglückliche Familie ist auf ihre Weise unglücklich.“
[ Lew Tolstoi «Anna Karenina» ]

„Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“
[ Franz Kafka «Der Prozess» ]

Erste Sätze sind verräterisch.

Der Leser beginnt zu lesen, ohne zu wissen, was hernach zur Sprache kommen wird. Noch ist er gewillt, sich verführen zu lassen. 

Er liebt das Einfache, Eindeutige. Das Verführerische.

Ein guter erster Satz entscheidet in der Regel darüber, ob sich der Leser angesprochen fühlt, sich etwas vom dem verspricht, was er sich zu lesen vorgenommen hat und ob er sich – neugierig gemacht – auf das Versprechen des Buch-Titels einlassen soll.

Er ist ja gerne – und sei’s auch nur für Minuten, Stunden, Tage – mit Thomas Mann in Venedig oder mit Gottfried Keller unterwegs nach Seldwyla; lässt sich von Joseph Roth nach Zuchnow mitnehmen oder von Botho Strauß in ein leeres Zimmer in Berlin; geht mit Robert Walser spazieren hin zu den „bekannten Steinbrüchen“ oder trifft in Hamra zusammen mit Nicolas Born Ariane; erlebt mit, wie Emilio mit seiner „wahnsinnigen Eifersucht“ fertig zu werden versucht oder lässt sich von Peter Handke die Geschichte eines müssiggängerischen Schauspielers erzählen.

Der Leser ist gerne geneigt - und sei’s auch nur für Minuten, Stunden, Tage - , sich ins Buch einwechseln zu lassen, - dann, wenn er sich in dieser oder jener Person wieder erkennt, oder sich an diese oder jene gleichähnliche Situation erinnert. Er an sich selbst eine bisher unbekannte Seite entdeckt, mit einer ihm ganz fremden Person zittert, sich an den Kopf fasst und so weiter, weil ihm beim Lesen mit einem Male aufgegangen ist: Mensch! Da ist ja von mir die Rede.

„Ich bin wie jener“, sagt er sich, „und jene ist wie ich.“

Und so kommen wir miteinander ins Gespräch.

Denn immer gleicht der Mensch dem Menschen.

Und wenn nicht alles täuscht, war schon vor vielen Jahrhunderten den Menschen bekannt: Der erste Blick! Der erste Satz!

Nicht nur in der Liebe, sondern auch in einem Gespräch, wenn wir es sind.

 

Kommentare

Bild des Benutzers Bernhard Schindler

De erste Satz

Es gibt Bücher, bei denen man sich überwinden muss, nicht nur den ersten Satz, das erste Kapitel zu lesen - sondern siogar ganze Landschaftsschildrungen, wie bei Karl May, dessen Wildwestromane ich immer erst ab Seite 100 gelesen habe. Was vorher über Amerika geschildert wurde, interessierte mich in meiner Jugend nicht.

Nun habe ich einen Doktor der Jurisprudenz gefunden, der im hohen Alter von 75 Jahren wieder damit begonnen hat, sämtliche May-Romane zu lesen. Und er behauptet, gerade die oft langfädigen Schilderungen von Landschaft, Leuten und der Geschichte - die Karl May ja nie hautnah erlebt hat - seien wesentlich interessanter als alle Abenteuer von Old Shatterhand, Winnetou oder Old Death.

Vielleicht finde ich einmal Musse, mir meine alten Karl-May-Romane nochmals vorzuknüpfen. Tatsächlich weiss ich nichts von Amerika, auch nichts vom wilden Kurdistan, weil ich die Bücher zwar gelesen, aber selektiv nur die Handlung wahrgenommen habe.

 

Das mit dem ersten Blick allerdings, ja das stimmt!

Bild des Benutzers ulla

Erster Blick, erster Satz...

Wieder einmal voll einverstanden! Wie oft sitze ich in Buchandlungen, um diesen magischen ersten Satz zu erwischen.... (Manchmal schaue ich mir auch den letzten an.) Auch der erste Blick erwies sich meist als richtig.
Gruss Ulla