Gesellschaft

Quo vadis, Euro?

Quo vadis, Euro?

Der nächste Knall steht vor der Tür.

Zum Kampf der Wagen und Gesänge, der auf Korinthus' Landesenge der Griechen Stämme froh vereint, zieht es heute fast keinen mehr hin. Und von wegen „froh vereint“. Höchstens noch vereint im Streik. Streik gegen die Sparmassnahmen. Sparmassnahmen der Regierung. Doch ohne Sparmassnahmen keine Finanzspritze. Ohne Finanzspritze droht Pleite. Also, Streik gegen die Pleite. Streiken kostet Geld. Geld, das die Hellenen nicht haben. Wer nichts hat, kann nichts verlieren. Wer nichts verlieren kann, kann wenigstens streiken. Oder randalieren. Oder vielleicht besser resignieren?

Wo sind die Zeiten, als der weise Landarbeiter und Lebenskünstler Alexis Sorbas noch Sirtaki tanzte. Als ein Mädchen aus Piräus Abend für Abend am Kai auf ein Schiff wartete. Ob Antony Quinn, Melina Mercouri oder Nana Mouskouri, die mit den weissen Rosen aus Athen, sie alle brachten die Lebensfreude der Hellenischen Republikaner auf Leinwände und Bildschirme in der ganzen Welt. Der Onassis mit seiner Callas versinnbildlichte das Portrait des reichen Griechen. Die Touristen brachten Geld ins Land und Mireille Mathieu sang Akropolis, adieu.

Gute drei Jahre sind seit der Riesenpleite der Brüder Lehman vergangen. Im September 2008 musste die Investmentbank im Zuge der Finanzkrise Insolvenz anmelden. Jetzt sieht es so aus, dass ein ganzes Land seine Zahlungsverpflichtungen nicht mehr erfüllen kann. Doch das spielt keine Rolle. Den Griechen kann geholfen werden. Die EU weiss, was sich gehört. Und während sich die Griechen mit Strassenschlachten, Randalen und Streiks die Zeit verkürzen, warten sie so nebenbei auf die immensen Milliarden-Spritzen ihrer Verbündeten.

In Berlin macht sich die gute Angela stark, den gebeutelten Hellenen unter die Arme zu greifen. Und sie schickte ihren Vizekanzler nach Athen. Der wurde denn auch prompt mit liebevollen Demonstrationen empfangen. Mehrere lustige Griechen hatten sich als Nazis kostümiert. Eine als Angela Merkel zurechtgemachte Frau steht neben einem als Adolf Hitler verkleideten Mann – beide miteinander vereint. Hinter ihnen wird eine Hakenkreuzflagge geschwenkt.

Auf Transparenten forderte die kleine Gruppe von Deutschland, noch fällige Reparationsleistungen zu zahlen. Durch die Besatzung im Zweiten Weltkrieg hätten die Deutschen noch Schulden gegenüber Griechenland zu begleichen. Der Filmemacher und Protestorganisator Dimitris Kollatos erklärte: "Deutschland hat die Macht in Griechenland übernommen. Unsere Grossväter und Väter haben gegen die Deutschen gekämpft und jetzt kommen die Deutschen und kaufen Griechenland zu Spottpreisen. Hier geht es nicht um Privatisierung, sondern um den Ausverkauf des Landes, dazu sagen wir Nein."

In Berlin macht sich die gute Angela stark, den gebeutelten Hellenen unter die Arme zu greifen. Ich weiss, ich wiederhole mich. Aber irgendwie passt hier doch einiges nicht zusammen. Da reisst sich die Kanzlerin den werten Hintern auf, um die Griechen aus dem Sumpf zu ziehen, zum Dank machen die sich lustig über sie. Und kommen mit idiotischen Forderungen daher. Soll man unter diesen Umständen den Deutschen noch Ferien in Griechenland empfehlen?

Zugegeben, die Obermacher in Athen haben Fehler gemacht. Riesige Fehler. Jetzt müssen die Griechen für diese Fehler büssen und sparen. Sehr, sehr viel sparen. Ob da Streiks, Randale und Chaos die richtigen Wege zum angestrebten Ziel sind, scheint mir äusserst fraglich. Und Beschimpfung der Helfer bringt auch rein gar nichts. Vielleicht findet sich ja im schönen Hellas doch noch ein weiser Mann, es darf natürlich auch eine weise Frau sein, der seinen Landsleuten erklärt, was ein Nichtsparen für katastrophale Folgen haben könnte. Dass sie mit ihren Streiks und Randalen die Touristen vergraulen. Touristen, die das Land so nötig braucht, oder vielmehr das Geld, das sie bringen.

Für Star-Ökonom Maurice Obstfeld ist eine Pleite Griechenlands allerdings unausweichlich. Der Welt am Sonntag sagte er: „Griechenland braucht eine Insolvenz. Es ist offensichtlich, dass Sparprogramme für Griechenland nicht reichen. Die Sparmassnahmen dämpfen das Wachstum, und Athen verfehlt alle Haushaltsziele. Die Schulden wachsen deshalb weiter, bis sie 160 Prozent oder sogar 170 Prozent der Wirtschaftsleistung entsprechen. Griechenland wird seine Schulden niemals bezahlen können.

Neben der Griechenland-Krise muss sich die gute Angela zusätzlich mit der vielleicht sogar noch schlimmeren Euro-Krise auseinandersetzen. Da hat sie einen schön schweren Stand. Sogar Weltbank-Präsident Robert Zoellick wirft der Bundesregierung eine mangelnde Führungsrolle bei der Bewältigung der Euro-Krise vor. Eine Zukunftsvision fehle völlig. Auch SPD und Linke attackierten das Krisenmanagement der Bundesregierung.

IG-Metall-Chef Berthold Huber hat vor den Folgen einer erneuten Bankenkrise gewarnt. „Wenn ich mir die Entwicklung an den Finanzmärkten anschaue, dann halte ich es für möglich, dass wir schon wieder kurz vor dem Abgrund stehen“, sagte Huber der Berliner Zeitung. „Eine Bankenkrise könnte schnell auf die Realwirtschaft übergreifen. Das haben wir ja 2008 erlebt.“ Zu befürchten sei, dass Unternehmen nicht mehr ausreichend mit Krediten versorgt werden können.

Doch neben Euro und Griechenland kriseln auch Spanien, Portugal, Irland und jetzt auch noch Italien. Italien ist die drittgrösste Volkswirtschaft der Euro-Zone und sitzt auf einem gigantischen Schuldenberg von rund 1,9 Billionen Euro. Zusätzliche Sorgen verursacht das extrem niedrige Wirtschaftswachstum. Vor zwei Wochen hatte die Ratingagentur Moody's wie zuvor auch S&P die Kreditwürdigkeit Italiens auf «A2» gesenkt.

Die Angst vor dem nächsten grossen Knall macht sich breit und breiter. Wenn Hans Muster oder Lieschen Müller ihre Schulden nicht bezahlen, steht der Betreibungsbeamte vor der Tür. Doch die Länder und Banken können immer weiterwursteln. Da häufen sich Billionen-Schuldenberge an, werden Finanzspritzen angefordert, sogar die USA, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, steht immer wieder kurz vor dem Bankrott.

Keine Angst, der kleine Mann von der Strasse wird natürlich trotz dem Trubel nicht vergessen. Er darf mit höheren Steuern und schnell erfundenen neuen Abgaben seinen Beitrag zum Schuldenabbau leisten. Auch wenn er genau weiss, dass keiner von uns die Tilgung je erleben wird, freudig zahlt er seinen Obolus.

Der 1521 verstorbene Sebastian Brant sagte: "Mundus vult decipi, ergo decipiatur."  In Staastmänner-Deutsch übersetzt heisst das: Die Welt will betrogen sein, also soll sie betrogen werden.

 

Kommentare

Bild des Benutzers Almut Papkalla

Wiederum ein Beitrag

lieber Kurt, der eindrücklich die momentane Szene widergibt. Kein anderer Autor kann das Wesentliche dermassen hervorheben, wie Du! Dafür ein riesengrosses MERCI.

Bild des Benutzers schlosser

Auf den Punkt

 

Die Glosse bringts mit Humor auf den Punkt.

Bernhards Schlagerkommentar passt gut dazu.

erizos Kommentar finde ich einfallslos. Kann man doch den genau gleichen Text auch im Arena-Thread Griechenland, Irland etc. lesen.

Danke Kurt für Deine Glossen

 

Martin H. Bader

Bild des Benutzers erizo

seltsam

 

Guter Beitrag,doch sollte auch alles dazu geschrieben werden

Z.B die Meldungen welche in der Sendung von Report Mainz gesendet wurden.

Um ihr Geld in Sicherheit zu bringen, investieren Griechen in deutsche Immobilien

 Sendung vom Dienstag, 11.10.2011 | 21.45 Uhr | Das Erste

Dieser Beitrag ist auch heute noch im Internet zu sehen-

erizo 13.10.2011

 

 

 

Bild des Benutzers Bernhard Schindler

Hits der Schlager-Kunst

Verwelkte Rosen aus Athen - Europa wird kommen und mir bringen die Euros - Angela und Berlusconi adiöööööö!

 

Bernhard