Gesellschaft

Was aus einem Kopfschütteln werden kann

Was aus einem Kopfschütteln werden kann

Sollte es tatsächlich kein Frühmittelalter je gegeben haben,...

...wie das einige [Hobby]-Historiker behaupten (manche beteuern gar, die Jahre zwischen 614 bis 911 n. Chr. habe es niemals gegeben), dann, – ja dann wäre es nicht weiter verwunderlich, beim Philosophen Ernst Bloch den Satz zu finden: „Im fünften, sechsten, siebten und achten Jahrhundert gab es in Europa  keine Philosophie.“

Vermutlich beförderte lediglich die fehlende Überlieferung nach dem Untergang der Antike die Vorstellung von den sich anschließenden „dunklen Jahrhunderten.“

Keine Blütezeit gab es demnach und also auch keinen Verfall. Alles nahm einfach nur seinen Gang.

Die Männer hiessen Chlodwig oder Theudebert, trugen knielange Hosen, züchteten Rosen und bestellten Waschschüsseln aus Bronze.

Die Frauen hiessen Fredegunde oder Andofleda, zogen knöchellange, schlitzlose Kleider an, und gewöhnten sich nach und nach an die Gregorianischen Gesänge.

So ward Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Dreihundert, vielleicht sogar vierhundert Jahre lang.

Doch dann erhob sich im neunten Jahrhundert die Philosophie wieder von neuem als wäre nichts gewesen.

Plötzlich fing ein Mensch an, den Kopf zu schütteln, über Fragwürdiges nachzudenken, sich mit den gängigen Antworten nicht zufrieden zu geben, – und es fingen die antiken Quellen (Platon und Aristoteles) wieder an zu sprudeln.

Sein Name: Johannes Scottus Eriugena.

Ein irischer Philosoph, geboren im frühen 9. Jahrhundert, gestorben im späten 9. Jahrhundert.

Mit seiner Art, logisch zu denken, stand er im Gegensatz zu der damals herrschenden, kirchlich kontrollierten Denkart.

Als unverhüllter Realist war er der Überzeugung, die Wahrheit lasse sich zuverlässig wissenschaftlich ermitteln und hernach auch überzeugend einsichtig machen.

Dadurch, dass er sich dem gedankenlosen Nachbeten seiner Zeitgenossen entgegensetzte und der „Folgerichtigkeit der inhaltlichen Argumentation die eigentliche Beweislast aufbürdete“, wurde die blosse Berufung auf Autoritäten als unwissenschaftlich deklariert.

Man nahm es ihm sehr übel, dass er sich anmasste, als Philosoph sich einzumischen in die „Gegenstände des Glaubens“, um z.B. die zentrale Bedeutung des freien Willens zu betonen, wo doch nur die Bibel, die Lehrer der Kirche und die Konzilien letztlich zu entscheiden haben, was wahr und vernünftig ist und was nicht.

Er strebte nach einem System der menschlichen Erkenntnis, die er aus einer einzigen Quelle ableitete: der frei denkenden und forschenden Vernunft.

„Die wahre Philosophie ist die wahre Religion, und die wahre Religion ist die wahre Philosophie“, verkündete er.

Und fügte hinzu: „Doch wenn beide zu verschiedenen Schlüssen führen, dann muss man den Vernunftschluss vorziehen, da nur er sich kontrollieren lässt.“ (*)     

Aus all dem wurde im 12./13. Jh. die einflussreichste theologisch-philosophische Lehre: Die Scholastik.

In jener Epoche versuchte man nachzuweisen, dass der  kirchliche{!} Glaube rational (sprich: vernünftig) erfassbar sei und dass das Vernünftige (die überlieferte Philosophie) mit den kirchlichen Dogmen buchstäblich übereinstimme.

Wie also war das noch mal?

Dreihundert, vielleicht sogar vierhundert Jahre lang gab es – so Ernst Bloch – in Europa keine Philosophie.

Doch dann fing ein Mensch an, den Kopf zu schütteln und schon erhob sie sich wieder [die Philosophie] als sei nichts gewesen.

Da kann man mal sehen, was aus einem Kopfschütteln geworden ist.

In der Geschichte der Philosophie wird die philosophische Leistung des Johannes Scottus Eriugena allerdings unterschiedlich bewertet.

Die einen sehen in ihm einen „bedeutenden Pionier des wissenschaftlichen Denkens“, und das in einer Zeit, als das, was an die Stelle der Philosophie gesetzt worden war, ins Taumeln kam und danach rief, in Ordnung gebracht zu werden.

Und die anderen beklagen, dass er die logischen Gedanken des Aristoteles – übersetzend – mit der christlichen Tradition in Einklang brachte, woraus dann das von den Ideologen der römisch-katholischen Kirche entwickelte bleierne Dogmensystem geworden ist.

 

(*)  Gekürzt  aus: Wilhelm Gottlieb Tennemann (1761–1819): „Grundriss der Geschichte der Philosophie“,  neu aufgelegt 2010 – Nabu Press-Verlag.

 

Kommentare

Bild des Benutzers ulla

Historisch/philosophische Betrachtungen

Warum steht nur mir die Ehre zu, diese Gedanken und philosophisch-historischen Erörterungen zu lesen? Doch Spass beiseite. Jedenfalls habe ich den Text im Senweb vergeblich gesucht. / eine stets neugierige Ulla
Bild des Benutzers Bernhard Schindler

Die Germanen im Frühmittelaletr

Sy sind uf em Bärefäll gläge

Und hänn gsyrpflet ihr Met

Hänn sich glangwylt vo wäge

Will  si niemer me agriffe het.

 

Und hänn nodänggt vom sibte

Bis zum nynte Johrhundert

Was bi däm Honigwy

Jo niemer verwundert..

 

Erscht mit em Reinheitsgebot

Häns das Met gwässeret.

Philosoph sins nie worde

Aber sunscht het vil besseret!

 

Sy häm d Romantik erfunde

Und der Sturm und der Drang

Und s Mittelalter

Gits denn nimme lang.

 

Nur no das tuusig jährig Rich

Hämmer miese iberläbe

Aber uf germanischi Dänker

Warte mer hit no vrgäbe.

 

Bernhard  22.11.2011.