Gesellschaft

Wittgenstein ins Gerede gebracht

Wittgenstein ins Gerede gebracht

„Wenn ein Mensch plötzlich versteht, geschieht gar nichts, ausser dass er versteht…“

Das könnte ein Philosoph gesagt haben, der sich fragt, was eigentlich geschieht, wenn er seine Gedanken öffentlich zur Sprache bringt.

Wittgenstein zum Beispiel.

Aber Wittgenstein war wirklich ein Philosoph, und darum sagt er den Satz vom Verstehen so: „Verstehen nennen wir ein psychisches Phänomen, das speziell mit den Erscheinungen des Lernens und Gebrauchs unserer, der menschlichen, Wortsprache verbunden ist.“

Ludwig Wittgenstein halt.

Er kann auch anders.

„Was sich überhaupt sagen lässt, das kann man klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“

Andere halten Wittgenstein für einen eitlen Selbstdarsteller

Er ist für die einen der  Philosoph, gewissermassen der Platon des vorigen Jahrhunderts.

Für andere ist er einer, mit dem man Eindruck schinden kann, wenn man ihn zitiert und wie nebenbei hinzufügt, es nicht verstehen zu können, dass es Leute gebe, die sich schwer tun, Wittgenstein zu verstehen.

Für die erklärten Wittgensteins-Fans ist er der „dunkelste Philosoph des vorigen Jahrhunderts“, einer, der so tief gedacht hat, dass man noch weitere Jahrzehnten brauche, um zu entziffern, was er mit jedem Wort in seinen Werken gemeint habe.

Andere wiederum halten Ludwig Wittgenstein für einen eitlen Selbstdarsteller, der sich mit Philosophie beschäftigte, ohne sich allerdings Gedanken darüber zu machen, worum es denn da überhaupt gehe.

Und schliesslich die Ehrlichen, die zugeben, nicht zu verstehen, was er angeblich so klar und verständlich zu sagen hatte.

Sie denken sich ihren Teil, wenn sie in seinem «Tractatus logico - philosophicus» lesen: „Ein Wort verstehen kann heissen: Wissen, wie es gebraucht wird; es anwenden können.“

Nun denn.   

Es heisst, er habe ständig sein Umfeld genervt

Über Wittgenstein gibt es mehr zu lesen als von ihm selbst.

Auch mehr zu reden.

Es heisst, er sei als Person ziemlich unerträglich gewesen, habe ständig sein Umfeld genervt,  schon als kleines Kind zu Hause in Wien, später dann als Student in Berlin, Manchester und Cambridge, als Soldat im 1. Weltkrieg, als Volksschullehrer in Österreich.

Im Jahre 1939 findet man Ludwig Wittgenstein als exzentrischen Professor der Philosophie in Cambridge.

Rund acht Jahre später gab er seine akademische Laufbahn zurück, und suchte – wie auch schon Jahre zuvor – die Einsamkeit, nunmehr in Irland.

Gestorben ist Wittgenstein im Jahre 1951.

Ludwig Wittgenstein, der Sprachphilosoph

Seine Philosophie besteht aus Sätzen, Wörtern und Begriffen, die in der Alltagssprache auch wirklich vorkommen. Das will was heissen!

Allerdings besteht seine Philosophie aus Sätzen, Wörtern und Begriffen, die zwar in der Alltagssprache vorkommen, doch haben sie bei ihm oft eine ganz andere, verzwickte, eine knifflige Bedeutung.

Sicher, „die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“

Oder:   „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“, so Wittgenstein, der unter „Sprachphilosoph“ firmiert.

Da versteht man zumindest das, was da steht und man kommt umgehend ins Sinnieren.

Oder: „Jedes Wort hat eine Bedeutung. […] Sie ist der Gegenstand, für welchen das Wort steht.“

Oder:   „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“ 

Oder:   „Einen Satz verstehen, heisst, wissen was der Fall ist, wenn er wahr ist.“

Das klingt gut, ist klar, geht ein, doch man weiss nicht so genau, was die Sätze letztlich besagen, was sie möglicherweise bedeuten, wohin sie einem führen wollen.

Ist alle Philosophie Sprachkritik?

Da fragt man doch am besten einen Autor (C. Bezzel), der – wie unzählige andere Autoren auch – ein Buch über die Person und die Philosophie des österreichisch-englischen Philosophen Ludwig Wittgenstein geschrieben hat.

Dazu eine Produktbeschreibung {Reclam Taschenbuch Bd. 20318}:

„Diese Einführung stellt Wittgenstein als einen Zeichendenker, einen semiotischen Philosophen und Ästhetiker vor, der den Begriff „Sprache“ sowohl im Sinne der Alltagsprache als auch metaphorisch reflektiert: als zeichenhaftes Handeln. Für Wittgenstein ist alle Philosophie Sprachkritik.“ [!]

Wissen, was der Fall ist

Gut und schön.

Wie aber ist zum Beispiel so ein Satz im Sinne Wittgensteins zu verstehen: „Einen Satz verstehen, heisst, wissen was der Fall ist, wenn er wahr ist“ – ?

Ich probiere es mal mit dieser Antwort.

Eine Frau war in den letzten drei Monaten zweimal im Spital. Jetzt ist sie wieder zu Hause, liegt Tag und Nacht im Bett.

Sie hat grosse Angst vor dem Angewiesensein auf Hilfe und Pflege, vor dem Nachlassen ihrer Kräfte, vor dem Altwerden, vor dem Alleinsein.

Eine schlimme Angst, die sie nach einer schlaflosen Nacht am Morgen ihrem Mann anvertraut.

Der hört ihr zu, unterbricht sie an keiner Stelle. Dann greift er nach ihrer Hand und sagt mit fester Stimme: „Ich bleibe bei dir.“

Es ist dasselbe wie „Ich liebe dich.“ Dennoch ist es mehr.

Die Sprache – Wittgenstein hat Recht – ist etwas Wunderbares.

 

Kommentare

Bild des Benutzers Fritz Vollenweider

Wittgenstein

- oft und manchmal lange habe ich mich mit ihm beschäftigt. Dabei hat es mich nur ganz im Anfang gestört, dass ich beim Lesen nicht allen seinen Gedankengängen habe folgen können. Ich begann, über mir sperrig vorkommende Passagen zu meditieren; das half. Darum denke ich, dass Wittgenstein ein echter Philosoph ist, weil er nicht Lebensweisheiten verkündet, sondern, wie Platon auch, in Gleichnissen spricht. Allerdings nicht in herkömmlichen, bildhaften Gleichnissen, sondern, wie ich es benennen möchte, in "semiotischen und semantischen Gleichnissen". Wittgenstein hat mir manches Rätsel der Sprache und des Sprachgebrauchs erschlossen!

Zu dieser Kolumne kann ich nur gratulieren!