Gesellschaft

10 Sommertage im Oktober

10 Sommertage im Oktober

Und eine Woche vor den eidgenössischen Wahlen

Die Sonne scheint jeden Tag. Ein stahlblauer Himmel über uns, die Temperaturen steigen bis auf 27 Grad, ein verlängerter Sommer in Italien. Die Weinberge sind abgeerntet, die Wälder beginnen sich zu färben.  Es ist also trotz des wunderbaren Wetters doch Herbst.

Es ist auch Wahlherbst. Am nächsten Sonntag wird das Schweizer Volk ein neues Parlament bestellt haben. Am nächsten Sonntag-Abend wird sich langsam abzuzeichnen beginnen, ob sich überhaupt etwas verändern wird. Während Jahrzehnten war ich an vorderster Front mit dabei. 1967 erlebte ich als junger Journalist „meine“ ersten eidgenössischen Wahlen. Ab 1975 stand ich jeweils im Studio des Schweizer Fernsehens, harrte der Dinge, die da kommen sollten. Informierte über die ersten Resultate, holte Analysen und Kommentare ein, schaltete in die Aussenstudios, erlebte den Aufstieg der Schweizerischen Volkspartei SVP, kommentierte die Erfolge der SP, den Eintritt der Grünen in die politische Arena, den Krebsgang des Landesrings, den Erosionsprozess der Mitteparteien.

1995 wechselte ich die Front, wollte es selbst wissen, wagte mich in den Wahlkampf, entschied mich für die Partei, die meinem liberalen Grundverständnis am nächsten stand: den Landesring. Die sozialliberale Partei, die für eine starke Wirtschaft eintrat, aber auch auf einen starken, sozialen Staat setzte, schien mir die richtige politische Heimat zu sein. Motiviert durch Jules Kyburz, den damaligen Migros-Chef, sollte ich mithelfen, die einst stolze Partei neu zu beleben. So fieberte auch ich 1995, diesmal auf der andern Seite, dem Ergebnis entgegen, rückte in der Folge im Nationalrat nach, wirkte in der Finanz- und in der Wirtschafts- und Abgabekommission WAK mit, kämpfte mich durch meterhohe Dossiers, versuchte mir ein Bild von der anderen Seite zu machen, über die ich bis dahin nur berichtete hatte. Ich musste feststellen, dass ein Nationalratsmandat Arbeit, viel Arbeit mit sich bringt, will man dossierfest sein, will man in den Kommissionen mitreden, vor allem ernst genommen werden.

Aber just der Landesring wurde das erste Opfer der zunehmenden Polarisierung, ging in der Mitte unter; der Erosionsprozess hatte die Dutti-Partei als erste gnadenlos erfasst.

Erfasst es diesmal die einst staatstragende Partei, die FDP? Fällt sie in der Wählgunst hinter die CVP zurück, so muss sie wohl in der Folge ihren zweiten Bundesratssitz abgeben. Die Freisinnigen, die im 19. Jahrhundert die ganze Regierung stellten, könnten so gar zum neuen Juniorpartner im Bundesrat mutieren? Und ganz gespannt wird die politische Schweiz auf das Abschneiden der SVP warten. Wird die Partei um Christoph Blocher weiter zulegen, wird sie den anvisierten 30%-Wähleranteil erreichen und wird ihr gross angekündigter Sturm ins Stöckli, in den Ständerat erfolgreich verlaufen? Genauer: Wird alt Bundesrat Christoph Blocher künftig als Zürcher Standesherr in der kleinen Kammer sitzen? Das Schweizer Fernsehen wird am nächsten Sonntagabend die Antworten frei Haus liefern.

Der Wahlkampf verlief seltsam ruhig. Selbst die SVP blieb ungewohnt zahm, wetterte zwar auf ihren Plakaten gegen die Zuwanderung, dominierte in den Bahnhofhallen und auf den Plakatwänden, machte offensichtlich, dass Geld ihr grösstes Potential darstellt. Wenn sie aber Ständeratssitze erobern will, muss sie mehrheitsfähig sein, muss sie mehr als 30 Prozent der Wählerschaft hinter ihre Kandidaten für den Ständerat zu scharen in der Lage sein. Und das ist mit einer reinen Oppositionshaltung nicht zu haben. Unser System erfordert Konsensfähigkeit, selbst oder gerade bei den Wahlen. Das hat auch die SVP verstanden. Und das ist gut so.

Ich habe die letzten  10 Tage des Wahlkampf aus der Ferne betrachtet, habe keine Wahlarena direkt verfolgt, war abseits und seltsamerweise nicht schlechter informiert, obwohl oder gerade deshalb, weil ich nicht mitten drin war.