Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Vielleicht auch die Ära Berlusconi. Doch mit dem Ende ist es halt so eine Sache. Sicher ist die mit dem Jahr. Die mit dem Silvio ist möglicherweise nur der Wunschgedanke vieler Italiener.
In der Mailänder Oper, der Scala, stehen im Januar „Les Contes d'Hoffmann“, Hoffmanns Erzählungen, auf dem Spielplan. In Rom wird man dann wahrscheinlich immer noch Berlusconis Erzählungen lauschen. Der fünfundsiebzigjährige Ministerpräsident schaffte es zum 51. Mal, in Worten einundfünfzig, die Vertrauensfrage zu stellen. Und er wurde, wenn auch ganz knapp, wieder einmal bestätigt. Eigentlich müsste er mit dieser Meisterleistung schon längst im Guinness-Buch der Rekorde stehen.
Obwohl er die Vertrauensabstimmung gewonnen hat, bröckelt seine Mitte-Rechts-Koalition weiter ab. Vier Parlamentarier aus seinen Reihen kehrten ihm den Rücken. Zu ihnen zählt auch der Abgeordnete Santo Versace, Präsident der gleichnamigen Modegruppe, der vor zwei Wochen aus Protest gegen den Führungsstil des Premiers aus Berlusconis Partei "Volk der Freiheit" ausgetreten war. Versace und die weiteren drei abtrünnigen Berlusconi-Parlamentarier nahmen an der Vertrauensabstimmung nicht teil.
Die gewonnene Abstimmung verschafft dem Cavaliere allerdings nur eine kure Atempause. Die schlechte Wirtschaftslage und die hohe Verschuldung seines Landes setzen ihn weiter unter massiven Druck. Experten erwarten daher bald eine nächste Regierungskrise – und in absehbarer Zeit Neuwahlen. Dem Chef-Clown der Politbühne droht noch weiteres Ungemach. Er steht in vier Betrugs- und Sexprozessen vor Gericht. Pikante Enthüllungen über neue "Bunga-Bunga"-Orgien sollen schon bald veröffentlicht werden. Wegen seiner sexuellen Eskapaden komme er kaum noch zum Regieren, konnte man aus heimlich mitgeschnittenen Telefongesprächen erfahren. Da stellt sich mir die Frage, hat der überhaupt schon einmal regiert. Der reisst doch nur seine grosse Klappe auf und lässt regieren. Statt sich um seine Staatsgeschäfte zu kümmern, blamiert er sich lieber.
Am 17. Oktober veröffentlichte die regierungskritische Tageszeitung „La Repubblica“ Protokolle der abgehörten Telefongespräche zwischen Berlusconi und einem skandalumwitterten Journalisten, der ihn erpresst haben soll. In einem dieser Protokolle darf der geschockte Italiener lesen: "Wir sind in den Händen linksorientierter Richter. Ich habe auch gedacht, eine Revolution zu führen, aber eine wahre Revolution. Wir bringen Millionen von Menschen auf die Straße, wir zerstören den Mailänder Justizpalast, wir belagern „La Repubblica“. Wir müssen so etwas machen, es gibt keine Alternative". Solches Gefasel kann doch nur einem kranken Hirn entstammen.„Il premier è una persona disperata che fa tutto in funzione della sua impunità“, schreibt die Zeitung. Frei übersetzt bedeutet das, der Ministerpräsident ist ein verzweifelter Mensch, der sich aber, weil er Straflosigkeit geniesst, absolut frei fühlt in seinem Tun.
Sind die Italiener wirklich so blöd, dass sie ihrem Obermogul trotzdem immer wieder vertrauen. Oder haben sie sein geliftetes Lächeln eventuell doch durchschaut. Sein wahres Gesicht hat der nämlich schon längst beim Schönheitschirurgen gelassen, das kann er leider nicht mehr zeigen. Das neue ist zwar nicht besser, doch er kann sich gut dahinter verstecken. Schade, dass es beim Onkel Doktor noch kein Hirnlifting gibt. Doch wo nichts ist, könnte man ja sowieso nichts liften.
Nun scheint es allerdings so, dass die Italiener langsam aber sicher die Schnauze voll haben. Sie gehen auf die Strasse. Sie protestieren gegen die in Agonie verfallene Regierung, gegen die servilen Ja-Sager, die an ihren gut dotierten Parlaments- oder Ministersessel kleben. Die Regierungsgegner verbünden sich mit den Kapitalismuskritikern, Ausschreitungen in Rom zeugen vom Unmut der Bevölkerung.
Den Herrn mit dem schönsten Nebenjob der Welt, Ministerpräsident, scheint das nicht zu stören. Der Mann, der sich in keinem anderen EU-Land halten könnte, dem kein italienischer Vater seine Tochter anvertrauen würde, der Mann, der Skandale und Prozesse sammelt wie andere Untertassen oder Krawatten, dieser Mann steht dem Ganzen gelassen gegenüber. Selbst die massiven Krawalle, vor zehn Tagen in Rom, nahm er mit seinem stereotypen Lächeln zu Kenntnis. Doch er kritisierte wenigstens das „unglaubliche Niveau der Gewalt“. Vielleicht hat er sogar begriffen, dass diese Vorkommnisse irgendwie etwas mit seiner Person zu tun haben könnten. Ganz sicher bin ich mir da nicht.
Sicher aber ist, dass er noch weitere fünfzig Mal die Vertrauensfrage stellen könnte, er würde immer wieder gewinnen. Doch der Premier glaubt selbst nicht mehr daran, seine Koalition bis zum Ende der Legislaturperiode 2013 retten zu können. Man liest sogar, dass er nur noch bis Weihnachten regieren wolle. Und im Frühjahr soll es dann Neuwahlen geben. Es mag absurd klingen, aber Neuwahlen können sich Italien und Europa in der Schuldenkrise gar nicht leisten. Die Auflösung des Parlaments und der nachfolgende Wahlkampf würden für mindestens zwei Monate ein politisches Vakuum schaffen. Und dass am Ende eine neue, stabile Mehrheit der linken Mitte gewählt würde, ist mehr als fraglich. Die Italiener haben nach 17 Jahren Berlusconi das Vertrauen in ihre Politiker, egal welcher Partei sie angehören, verloren.
Warum gibt es immer wieder Staatsoberhäupter, die nur wegen ihrem finanziellen Hintergrund die Macht an sich reissen können. Ich will da keine Namen, wie etwa George Dabelju Bush, nennen, das verbietet mir meine Höflichkeit. Es scheint so, dass Geld und Geist in der Politik halt nicht unbedingt zusammen gehören müssen.
Oder hat der Silvio vielleicht doch Geist. Als er vom Tode seines ehemaligen Freundes Gaddafis hörte, sagte er spontan: „Sic transit gloria mundi“ – so vergeht der Ruhm der Welt. Mit etwas gutem Willen kann man diesen Ausspruch doch als leicht irritierenden Geistesblitz bezeichnen.
Es darf also munter weitergehen mit der Farce des Cavaliere. Das Premierendatum der Opera buffa steht zwar noch nicht fest, der Vorverkauf hat aber schon längst begonnen.
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Einmal mehr
Einmal mehr eine gut recherchierte Glosse. Pointiert und doch humorvoll.
Martin H. Bader