Die Idee Europas als Garant des Friedens auf dem Kontinent hat längst an Wichtigkeit verloren. Weil eine politische Einheit bis heute nicht möglich schien, beschränkten sich die europäischen Politiker auf eine zusammenarbeitende europäische Wirtschaft und schufen die Einheitswährung Euro. Dabei überliessen sie die jeweiligen Volkswirtschaften den einzelnen Ländern. Und wundern sich heute, dass sich diese nicht alle nach dem gleichen Rezept vorwärts entwickelt haben.
Heute ist Griechenland der böse Bube, der in die Ecke gestellt gehört, weil er mit seinem Sackgeld nicht ausgekommen ist und Schulden gemacht hat. Tatsächlich haben das alle anderen europäischen Schüler ebenfalls getan – ganz besonders der etwas frivole Musterschüler Italien – aber Griechenland als entfernte Randregion eignete sich halt besonders gut zum Sündenbock.
Natürlich sollten sich alle europäischen Regierungen ob ihrer Schuldenpolitik betroffen fühlen. Da aber ein einstimmiges „mea culpa“ ums Verworgen nicht zu hören ist, müssen sich die beiden letzten nur halbwegs verschuldeten Europäer, Deutschland und die „Grande Nation“, eines alten Rezepts erinnern, wie der überlastete Esel zum Weiterstolpern zu bringen ist: Man haut den Sack und meint den Esel. Der begreift die Logik dieses unlogischen Tuns und macht vor Angst noch ein paar Schritte, bis er zusammenbricht.
Es ist ein Irrtum, zu glauben, die in den letzten zwei Jahrzehnten aus dem Ruder gelaufenen Volkswirtschaften Europas (aber auch jene Südamerikas, der Vereinigten Staaten und wohl bald auch einiger asiatischer Oekonomien) seien mit Umschuldungen, Schuldenstreichungen oder Pleite eines Landes zu retten. Europa kann sich nur retten, wenn es sich an den Familienvater besinnt, der nur genau so viel Geld ausgeben kann, wie er verdient.
Natürlich ist das schneller gesagt als getan. Aber einmal ehrlich: Braucht es den Ausbau des Frankfurter Flughafens ausgerechnet jetzt? Braucht es den Bahnhof Stuttgart 21? Braucht es in allen europäischen Staaten (inklusive der in Europa gelegenen Schweiz, die zum jetzigen Zeitpunkt bestimmt keine neue Flugzeuge benötigt) immer neue Prestige-Investitionen? Haben wir nichts aus der Atomenergie-Krise gelernt, die doch gezeigt hat, dass nicht immer das spektakulärste Werk, die wahnwitzigste Idee die grössten Erfolge bringt?
... müssen endlich sparen lernen. Wir haben in ganz Europa einen noch vor vierzig Jahren unvorstellbaren Luxus geschaffen, der hauptsächlich im Zentrum Europas funktioniert, während die Konjunkturmaschine im Süden, im Osten und im Norden manchmal noch stottert. Jetzt heisst es, einen Zwischenhalt einlegen. Der Zeitpunkt ist günstig: Die Zeit der grossen Kellen beim Anrichten immer neuer Monumentalwerke ist vorbei. Wir brauchen keine Milliardeninvestitionen in neue Kernkraft, sondern überall kleine und kleinste Investitionen zur Erzeugung einer natürlichen Ersatzenergie. Wir müssen sparen lernen und vielleicht auch den Gürtel enger schnallen.
Es sind nicht die Banken (allein), die uns die jüngsten Wirtschaftskrisen eingebrockt haben. Es ist nicht der Kapitalismus, der dem Wohlstand der Massen ein Ende setzt. Vielmehr sind es Spekulanten und Spieler, welche den Geldkreislauf ins Stocken bringen. Wer gegen den Franken wettet, muss sich nicht wundern, wenn dieser immer stärker wird. Wer lieber die Produkte der Konkurrenz benützt statt die selber hergestellten, soll nicht klagen, wenn er seine Stelle verliert.
Nein, ich bin längst kein Finanzexperte und auch meine Kenntnisse der einzelnen Volkswirtschaften haben seit meiner Pensionierung gewaltig abgenommen. Aber ich weiss immer noch, dass es in jeder Beziehung zwischen Menschen und Völkern, zwischen Firmen, zwischen Volkswirtschaften, geschriebene und ungeschriebene Gesetze gibt, die man nicht ungestraft verletzen darf.
Europa hat – zum ersten Mal seit dem römischen Weltreich und dem Versuch Karls des Grossen, dieses wieder zu beleben, die Chance, unser europäisch-jüdisch-griechisch-römisch-christliches Kulturgut zu verschmelzen und aus den gemeinsam gemachten Fehlern zu lernen, um unseren Nachkommen weiterhin ein freies, friedliches und sozial hochstehendes Europa zu hinterlassen. Mit samt den dazu gehörenden Ressourcen, die wir nicht verbrauchen wollen, bevor sie tatsächlich benötigt werden.
Europa darf nicht zu Ende sein! Aber die Menschen sollten ihr Schicksal wieder vermehrt in die eigenen Hände nehmen. Nicht, (wie schon Kennedy mahnte) was der Staat jedem einzelnen bringen kann, sollte uns bewegen, sondern einzig das, was wir als Individuen für die Gemeinde, den Kanton, das Land, für Europa und die Welt tun können.
Im Dezember tritt ein neues Parlament zusammen. Wir haben es vor wenigen Wochen gewählt. Hoffen wir, dass dieses neue Parlament sich wieder vermehrt auf den Gemeinsinn der Eidgenossenschaft besinnt. Als verantwortliche Staatsbürger gebührt es uns, genau zu verfolgen, was in „Bern“ läuft.
Europa, auch wenn wir nicht dazu gehören (wollen) findet auch hier statt. In Bern und Basel und Zürich und Hintertupflingen und Kölliken.
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Europa ist nicht EU
Die niedergeschriebenen Gedanken von Bernhard Schindler "frisch von der Leber weg" sind meines Erachtens hervorragend der Realität entsprechend ausgedrückt. Einzig im letzten Abschnitt ist ihm ein kleiner Fehler unterlaufen, wenn er schreibt: "Europa, auch wenn wir nicht dazu gehören (wollen) findet auch hier statt." Die Schweiz gehört zu Europa, ob wir wollen oder nicht. Dass die Schweiz aber nicht zur Europäischen Union EU gehören will, hat sich bis heute als (vorhersehbaren) Glücksfall erwiesen.