Gesellschaft

Die griechische Tragödie

Die griechische Tragödie

Nicht geeignet für die direkte Demokratie

 

Was wird uns da für ein Schauspiel vorgeführt: eine griechische Tragödie, für die es weder eine Vorlage, noch ein Manuskript, noch ein Drehbuch gibt und braucht. Sie spielt sich ab vor unseren Augen, übermittelt durch Nachrichten und Nachrichtenbilder, Reportagen, live und frei Haus geliefert von den Newskanälen dieser Welt. Krisenerfahrene Journalistinnen und Journalisten berichten mit weit aufgerissenen Augen und ernsten Gesichtern vom Krisengipfel in Cannes der G20-Staaten, stehen vor dem Parlamentsgebäude in Athen, werweissen, spekulieren: Was ist nun der nächste Schritt des griechischen Ministerpräsidenten, der alle in Atem hält, der plötzlich in der vergangenen Woche sein Volk ins Spiel brachte?

Er wollte in direkter Demokratie machen, wollte sein Volk abstimmen lassen. Nur, über was genau abzustimmen gewesen wäre, war nicht so klar. Wie hätte die Abstimmungsfrage konkret gelautet: Soll Griechenland in der Europäischen Währungsunion bleiben, stimmen sie, die griechischen Stimmbürger den drastischen Sparmassnahmen zu, um im EURO-Raum bleiben zu können, bleiben zu dürfen? Zur Klärung kam es schon gar nicht: Papandreou hat es sich über Nacht anders überlegt. Er stellte sich vorerst der Vertrauensabstimmung, die er schliesslich in der Nacht auf letzten Samstag überstand. Am Sonntag lenkte er ein, er will zurücktreten, einem Technokraten Platz machen, der einer grossen Koalitionsregierung vorstehen soll.

Man reibt sich die Augen, vor allem wir als Schweizer sind erstaunt. Für uns sind Volksabstimmungen ein gewohntes Recht, das sollen, das dürfen doch die Griechen auch für sich beanspruchen. Es geht ja schliesslich um ihr eigenes Schicksal. Aber eben nicht allein. In die griechische Tragödie sind nämlich auch andere eingebunden. In diesem Schauspiel treten auch andere aus andern Ländern auf: Banker beispielsweise. So haben auch andere viel zu verlieren. Es sind vor allem Banker französischer Banken. Aber nicht nur:  Es sind Bankinstitute in fast allen europäischen Ländern, die am bereits beschlossenen Schuldenerlass partizipieren, die 50 % Prozent der Schulden zu erlassen haben. Und es sind letztlich die Länder, die ihren dadurch möglicherweise klamm gewordenen Banken beispringen müssen. Und das mit Geld der Steuerzahler.

Mit der eigenen Entscheidung in Griechenland, mit der Volksabstimmung, wäre ein gigantisches Vertragswerk ins Wanken geraten, ein Vertragswerk, dass die EU mühsam mit der griechischen Regierung gebastelt hatte. Falls dieses Vertragswerk in sich zusammenbricht, bringt es den ganzen EURO-Raum ins Wanken. Ein Dominostein nach dem anderen käme zu Fall: Italien, Portugal, Spanien wären die nächsten Kandidaten.

So sitzen sie fast täglich zusammen, die Regierenden dieser Welt, vor allem die Regierenden Europas: Angela Merkel und Nicolas Sarkozy begrüssen und küssen sich fast ununterbrochen auf den Fernsehschirmen. Es sind Gesten, die belegen sollen, dass sie bestimmen, dass es anschliessend ans Begrüssungsritual unter ihrer Ägide zur Sache geht. Und es stellt sich die Frage: Warum bilden sie nicht schon lange eine europäische Zentralregierung mit einer Doppelspitze, mit einer Frau und einem Mann aus den beiden Ländern in Europa, die vor 57 Jahren Frieden schlossen? Und sich gegenseitig versprachen: nie wieder Krieg in Europa, sich nie mehr zu bekriegen.

Sie halten Europa (noch) zusammen. Sie sind beseelt von der Überzeugung, dass das, was mit dem Friedensschluss begründet wurde, auch zu Ende geführt werden muss: ein einiges, ein friedliches Europa. Ein Europa, von dem auch wir profitieren. Ist doch die Europäische Union unsere wichtigste Handelspartnerin in dieser Welt. So kann es auch uns nicht gleichgültig sein, was im EURO-Raum vor sich geht. Im Gegenteil: Wir Direktdemokraten sollten für die griechische Tragödie nicht nur Unverständnis, gar Spott übrig haben, sondern auch ein wohlwollendes Mass an Interesse, gar die Bereitschaft aufbringen, an der Lösung mitzuwirken, sei es auch nur, dass wir der Tragödie nicht ohne bezahlte Eintrittskarte zuschauen. Und so den Beitrag an den Internationalen Währungsfonds IWF ohne Murren leisten.

 

Kommentare

Bild des Benutzers Bernhard Schindler

Lysistrata Angela

Wie wäre es mit Lysistrata?

 

Lysistrata ist eines von drei Lustspielen von Aristophanes, mit welchem er gegen den zwanzigjährigen peloponnesischen Krieg ankämpfte: Die Athenerinnen haben genug von ihren Männern, die ohnehin immer in Sparta kämpfen, wenn man sie zu Hause am Pyräus brauchen könnte.. Und weil die Männer nicht lassen können vom Krieg, verweigern sich die Frauen ihren Männern!

Frauenstreik, wie ihn sich nicht einmal Alice Schwarzer schwärzer hätte ausdenken können.

Wie wäre es, wenn denn nun einmal die heutigen Griechinnen ihren Männern nicht mehr zur Verfügung stünden, bis die eine tragfähige, zum Schuldenabbau bereite, aber auch die Reichen schröpfende Regierung bilden würden?

Oder spielt, was eine Farce war, heute bereits als Tragödie? Die europäischen Nationen lassen die Griechen nicht mehr an ihre Konti heran, verweigern ihnen das bisschen Luft zum Atmen, um sie in die Knie zu zwingen?

Frau Merkel als Lysistrata?

Nun ja, ich kann mir Lustigeres vorstellen, aber wir müssen eben konsumieren, was auf der Weltbühne aufgeführt wird.

Eine Schmierenkomödie sondergleichen. Mit einem Arlequino in Rom und zwei sich bekämpfenden Familien à la Romeo und Julia in Athen.

Heilige Antike, here heile Welt des Goldenen Zeitalters. Pallas Athene, Göttin der Weisheit, wo stromerst Du herum?

 

Mein Lateinlehrer wird sich im Grab umdrehen,