Gesellschaft

Im Gemüseladen

Im Gemüseladen

Von den Bankern abgeguckte Geschäftspraktiken.

Ich betrete den Gemüseladen an der Ecke und staune: Der Laden ist praktisch ausverkauft. Ausser einigen dreckigen Rüebli und verschrumpelten Kartoffeln in einer Kiste ist das Geschäft leer.

Doch da kommt Hände reibend der Händler. „Was darf’s denn sein, bitteschön?“ fragt er mich, seinen Kunden.

„Sie haben ja gar keine Vorräte  -?“

Das macht nichts. Ich kann an der Gemüsebörse ordern was sie wollen, und zwei Stunden später können Sie Ihre Bestellung hier abholen!“

„Nun gut“, sage ich, ich brauche zwei Kilo Kartoffeln, ein Kilo Tomaten und wenn es geht noch zwei Kilo Äpfel, Granny Smith!“

Der Händler schreibt alles auf, geht zur Kasse und tippt mehrere Beträge ein. „Macht 15 Franken zwanzig, bitte!“

Entrüstet sage ich: „Aber ich kaufe doch keine Katze im Sack!“

„Hier können Sie auch kein Fleisch kaufen“,sagt der Händler humorlos. „Da drüben ist die Metzgerei“

„Sie verstehen mich falsch. Ich möchte die Ware sehen, bevor ich mich zum Kauf entscheide.“

„Hören Sie, lieber Mann, Wenn ich Ware kaufe, bevor ich sie verkauft habe, bleibe ich möglicherweise auf einem Teil davon sitzen. Das verteuert die Äpfel, die Kartoffeln und erst recht die Tomaten, weil die nämlich am schnellsten kaputt gehen! – Aber ich mache Ihnen einen besonders guten Preis und Sie zahlen jetzt und geniessen später!“

Nicht miteinander ins Geschäft gekommen

Nein, ich habe nicht bezahlt, ich habe meine Bestellung storniert und bin in den Grossverteiler zwei Strassen weiter gegangen. Doch das Gebaren des Gemüsehändlers ging mir nicht aus dem Sinn: Was bezweckte er mit seiner Verkaufsstrategie?

Ich bin aber erst drauf gekommen, als ich in den Nachrichten davon hörte, dass Italien und Frankreich jetzt „Leerverkäufe von Aktien“ verbieten wollen. Was wollen die verbieten?

Leerverkäufe,

...liess ich mich belehren, tätigt man, wenn man gar keine Ware besitzt. Ich verkaufe beispielsweise XXL-Aktien in grossem Stil zu einem Preis weit unter der letzten Börsennotierung. Nach kurzer Zeit reagiert der Markt. Da ist offenbar etwas im Gange! Andere Aktionäre mit XXL-Papieren verkaufen ebenfalls, der Börsenkurs beginnt zu wanken. Auch ich verkaufe tüchtig weiter, was mir noch gar nicht gehört. Dann aber, wenn der Preis der XXL in den Keller gerutscht ist, kaufe ich auf. Ich kaufe XXL billiger, als ich verkauft habe und mache so mein Schnäppchen: Nun kann ich alle meine Kunden zu dem von ihnen vereinbarten Preis beliefern, aber mir bleibt ein hübscher Gewinn.

Unrealistisch? Gar nicht, wird so gemacht. Nicht erst seit der Finanzkrise, Robert Neumann, ein Zeitgenosse Thomas Manns, hat den Vorgang 1930 in seiner Hochstapler-Novelle genau geschildert. Genau so, nämlich.

Was kann ich daraus lernen?

Nun, ich besitze keine XXL-Aktien. Und auch keinen Gemüseladen. (Was ja, siehe oben, eigentlich gar keine Rolle spielen müsste, weil man ja leer verkauft. Und heute, über e-bay...)

Aber ich produziere Kurzgeschichten. So ein wenig skurrile, wie diese hier. Damit kann ich mir leider nichts kaufen, denn Seniorweb bezahlt nicht für meine Leistungen.

Aber, gesetzt den Fall...Seniorweb wäre eine gut florierende Seniorenplattform mit einem grossen Etat für Honorare für seine Kurzgeschichtenschreiber.

Ich schriebe keine Kurzgeschichten mehr. Ich verkaufte aber welche einmalig günstig und blanco an Alfons Bühlmann. Und der kauft. Und weil der Markt nach Kurzgeschichten giert, kauft auch die Zeitschrift von Pro Senectute und der Blick und die Schweizer Familie. Jetzt horcht die Börse auf: Und der Myltz verkauft. Der Schupp und die Gerlach. Die Honorare für Kurzgeschichten sänken ins Bodenlose. Nun fange ich an, Myltz zu kaufen. Und Schupp und Gerlach. Alfons Bühlmann ist schon ganz ratlos, denn er findet zur Zeit weit und breit keine einzige Kurzgeschichte im Internet. (Denn meine lieben Kollegen sind ja nicht auf den Kopf gefallen. Sie schreiben nicht mehr, wie ich, und verkaufen ihre Produkte blanco wie ich).

Wenn meine Rechnung aufgeht, kommen bald wieder die nächsten Kurzgeschichten auf den Markt. Dieser ist à la baisse. Ich mache mein Geschäft. Denn ich maile jetzt Kurzgeschichten an Alfons, zu dem von ihm mit mir vereinbarten Preis. Ob sie von Kurt stammen oder von Dieter oder von mir spielt ja eigentlich keine Rolle. Meinen Gewinn hab’ ich auf sicher.

Ich muss nur mein richtiges Konto angeben, nicht dass ein anderer das Honorar erhält, das eigentlich Renate gehörte und nun auf mein Bankkonto fliesst.

PS 1: Ich entschuldige mich in aller Form, dass ich für mein Gedankenspiel die Namen ehrbarer Seniorwebler benutzt habe. Soll nicht wieder vorkommen!

PS 2 mit erhobenem Zeigefinger: Und weil wir solche Zustände ja auf gar keinen Fall haben wollen, gibt es bei Seniorweb, leider leider, noch immer keine Honorare.

 

Kommentare

Bild des Benutzers erizo

Leerverkäufe,

Nun ja es ist genau so.Doch keiner denkt an erizo den etwas langsamen Kunden. Muss ich denn in Zukunft bezahlen was eigentlich gar nicht lesen wollte? Kein Wunder das beim lesen von diesem Beitrag mir vor Schreck einige Stacheln ausgefallen sind,eigentlich sollte ich ja im Winterschlaf sein.

Bild des Benutzers Kurt Myltz

Verstanden

 

Ich habe verstanden. Und auch schon länger nichts mehr geschrieben.

Bitte, lieber Bernhard, melde Dich bei mir, wenn es soweit ist. Ich werde dann unverzüglich mit der Produktion beginnen. Dann kannst Du „Myltz“ kaufen, soviel Du willst. Und wenn der Schupp und die Gerlach auch mitmachen, gehören wir schon bald zu den Grossverdienern.

Ich wünsche Dir und uns viel Erfolg.

Kurt Myltz (zur Zeit in der Warteschleife)