Leben

Fertig lustig!

Fertig lustig!

.... wenn im höheren Lebensalter die Vergnügungslust nachlässt, ist die Kunst des Loslassens gefragt.

Viele privilegierte, weil gut situierte Jungsenioren setzen beim Übergang in den „Rentner-Ruhestand“ ihre vorangegangene berufliche Übergeschäftigkeit in Form von vielseitigen hedonistischen „Unruhestands-Aktivitäten“ fort.

Hedonismus bezeichnet die Lebensanschauung, nach welcher die körperliche und geistige Lust, das Vergnügen, Motiv und Zweck des Handelns sind. Für den Hedonisten ist die Lust an sich das Wertvolle, der Selbstzweck und das Anzustrebende, sie ist sein höchstes Gut.

Also wird in jeder Form gefestet, gefeiert und konsumiert, auf allen Kontinenten möglichst im Eiltempo gereist. Man nimmt an jeder möglichen und unmöglichen Veranstaltung teil, will ja nichts verpassen. Man trifft sich in kleineren oder grösseren Gruppen, die sogar je nach Zweck gegründet werden. Es werden neue Zweck- und Lustfreundschaften gebildet, Erfahrungen jeglicher Art ausgetauscht.

Das Angebot ist riesig, die Werbeprospekte wie beim „ich bin doch nicht blöd“ sind es ebenfalls. Es ist die Zeit des materiellen Wohlstands, die Zeit, in der man Besinnlichkeit mit Zeitverschwendung gleichsetzt. Es ist nicht die Zeit der Beschaulichkeit, des Bücherlesens, oder des tieferen Nachdenkens über Erlebtes. Gedanken über einen allfälligen anderen Sinn und Zweck des Lebens oder dessen Ende sind verpönt und noch zu früh, sie werden verdrängt.

„Keine Zeit!“ ist der Slogan dieser Menschen, und ihre Agenda ist auf Monate hinaus voll besetzt mit entsprechenden Terminen. Regentage oder im schlimmsten Fall Krankheitstage verursachen Entzugserscheinungen. Das hält man für den Sinn des Lebens.

Meine Frage an sie lautet deshalb: „Lebst du schon, oder bist du noch zu sehr beschäftigt?“. Denn plötzlich hat man Zeit. Et soudain, le temps s’arrête.

 

Sehr oft dient eine schwere Erkrankung als Brückenkopf zur Zeit des Nachdenkens, zur Einsicht, zur Erleuchtung. Jetzt realisiert man, dass man nicht mehr viel Zeit hat, und möchte sich deshalb beeilen. Beeilen zu was? Um Versäumtes nachzuholen? Das geht nicht, das kann man nicht. Es ist zu spät. Fertig lustig! Jetzt beginnt die Reise nach innen. Jetzt muss man lernen, das Alter zu ertragen.

 Wie man dabei richtig und auch noch rechtzeitig vorgehen kann, zeigt uns Tiziano Terzani, der weltbekannte italienische Journalist und Schriftsteller, der volle 25 Jahre als Asienreporter für den „Spiegel“ tätig war, in seinem Buch Das Ende ist mein Anfang“. Zusammen mit seinem Sohn Folco zeichnet er darin auf sehr bewegende Art die „Reise seines Lebens“ nach.

 

Als er einsieht, dass die wirklichen Werte des Lebens sich auf einer völlig anderen Ebene befinden, zieht er sich für drei Jahre in eine primitive Hütte im Himalaya zurück, um dort darüber nachzudenken. Zurück in der italienischen Heimatsidylle, und den Tod vor Augen, lädt er seinen 35jährigen Sohn ein, zusammen mit ihm seine und die gemeinsamen Wege im erwähnten Buch zu beschreiben.

Ich betrachte Tiziano als eine Art jüngeren geistigen Bruder. Nicht nur, weil wir beide einen Teil unseres Lebens in Asien verbracht haben, den gleichen Respekt und Zuneigung für die dortigen Kulturen empfinden, sondern auch weil wir beide dabei als Pantheisten gelernt haben, die wahren Kostbarkeiten der Mutter Natur zu erkennen, zu schätzen und zu lieben. Zudem haben wir beide im gleichen Jahr den Schicksalsschlag Krebs erlitten. Er, der um zehn Jahre Jüngere, durfte ihn nicht überleben. Er musste nach kurzer Zeit im Alter von nur 66 Jahren sterben – ich durfte ihn jetzt schon bald 11 Jahre überleben, versuche weiterhin als sein authentischer, freier und dankbarer Botschafter darüber zu berichten und etwas Trost und Zuversicht zu verbreiten. Das als ein bereits im 84. Lebensjahr Stehender zu erleben, betrachte ich geradezu als Verpflichtung, darüber zu schreiben.

Das ist auch mit ein Grund, warum mich sein Rückblick im Buch, seine Schlussfolgerungen und Erkenntnisse so tief bewegen. Aber nicht nur mich. Denn das Buch ist unter dem gleichen Titel sehr eindrücklich verfilmt worden, mit einem fantastischen Bruno Ganz in der Hauptrolle.

Ich glaube nicht, meinen Prinzipien und meiner gewonnenen Einsicht untreu zu werden, wenn ich Sie jetzt dazu einlade, sich sowohl das Buch als auch die Film-DVD zu besorgen. Denn ich weiss, Sie werden es nicht bereuen.

Sie erhalten beides über www.exlibris.ch, die Film-DVD unter DVD EAN: 0886978095299, momentan zum Aktionspreis von Fr. 12.90, das Buch unter „Das Ende ist mein Anfang“, Tiziano Terzani, Folco Terzani, Christiane Rhein, momentan zum Aktionspreis von Fr. 11.90. Ich wünsche die zum Advent  passende Beschaulichkeit. 

 

Kommentare

Zur Hintergrundgeschichte

Ein chinesisches Sprichwort lautet „bu dao chang cheng, fei hao han“. Nichtkenner der asiatischen philosopischen Denkweise übersetzen es nur mit „wer nicht auf der grossen Mauer war, ist kein guter Chinese“. Die tiefere philosophische Interpretation aber besagt, dass man sich kein Urteil anmassen sollte, bevor man nicht die ganze Hintergrundgeschichte der Mauererstellung studiert hat.

Mir gibt eine reine Zufallsbekanntschaft mit Tiziano Terzani vor rund dreissig Jahren noch lange keine Berechtigung, ihn auch nur oberflächlich zu beurteilen.  Ich erinnere mich nur noch an die gemeinsame Erkenntnis, dass man Asien nicht „aus einer westlichen Brille“ betrachten sollte.

Die Lektüre seiner von grossem Wissen und Einfühlungsvermögen geprägten Asienberichte während 25 Jahren für den Spiegel, und seine Bücher,  hinterliessen bei mir aber einen tiefen Eindruck.  

Leute aus meinem asiatischen Bekanntenkreis, die ihn über Jahre hinweg erlebten, schildern Tiziano als gefühlsbetontes Temperamentbündel. Dies und der Umstand, dass sein Sohn bei der Regie der Buchverfilmung mitwirkte, dürfte den Ausschlag gegeben haben für eine diesbezügliche Überzeichnung einzelner Szenen durch Bruno Ganz.

Wenn man das Ganze aus einem grösseren Kontext betrachtet, wird es besser verständlich. 

Bild des Benutzers Hans Jörg Klemenz

Zum Film

Der Film hat mich schwer enttäuscht. Bruno Ganz ist mein Lieblingsschauspieler, aber was er da an abgedroschenen Lebensweisheiten, Platidüden und Phrasen von sich geben/rezitieren musste ... nein, das war es nicht. Eigentlich wollte ich das Buch kaufen, aber ich lasse es - denke ich - bleiben.

Hans Jörg

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Carpe diem

Bild des Benutzers Bernhard Schindler

E-n-Epfelbaimli

 

 

I weiss, dass mini Däg zellt sind.

I weiss,  dass alles,

was i tue

mer derby hälfe soll

d'Zyt z’vergässe,

und dass der Schnällzug

vom Läbe bald an der

Ändstation akunnt.

 

I vermisse kei Dänkpause,

e Mittagschleefli

gniegt mer.

Sunscht bi-n-i beschäftigt

d’Agända isch voll

und ich find das toll.

Jo i weiss, Freund Hein,

i sett my vorbereite ufs Jensyts.

 

Aber i halt mi vil lieber

an Martin Luther

wo gseit het

är heig grosses Vertraue.

Sälbst wenn er wüsst

Dass morn Wältuntergang wäri

är wird trotzdäm no hit zobe

e’n’Epfelbaimli setze!

 

 

BS. 2.12.2011

 

Bild des Benutzers Maja Petzold

Seniorweb hat darüber berichtet

Das Buch von Tiziano Terzani "Das Ende ist mein Anfang" ist zu einem wunderbaren Film verarbeitet worden, über den Hanspeter Stalder in einem berührenden Artikel am 2. Februar 2011 berichtet hat.