Vor vier Jahren, am Tag der Wahl von Eveline Widmer-Schlumpf in den Bundesrat – zu der sie sich einen Tag Bedenkzeit wünschte – schrieb ich an dieser Stelle:
„Die „Königsstürzer“, allen voran Eveline Widmer-Schlumpf, gehen nochmals über die Bücher und sehen ein, dass das Risiko zu gross ist:
- die Bundesräte Samuel Schmid und Eveline Widmer-Schlumpf hätten keine Hausmacht (mehr) und wären in ihren Entscheiden auf das Wohlwollen fremder Parteien angewiesen.
- Die SVP könnte mit einer Total-Opposition und ständigen Referenden gegen die Beschlüsse des Bundesrates das Regieren in der Schweiz verunmöglichen.
- Verfassungsänderungen müssten geschaffen werden, denn das heutige Schweizer Regierungssystem, das keine offizielle Opposition kennt, ist auf Konsens angewiesen.
- Die 30 Prozent Wähler der SVP würden sich, weil nicht mehr in der Regierung vertreten, verraten vorkommen und könnten den Protest auf die Strasse tragen. Dann wäre es wohl vorbei mit der für die Schweiz typischen Sicherheit und Ordnung.
- Die Mitglieder der Innerschweizer CVP könnten ihrer Mutterpartei adieu sagen und der SVP beitreten, welche ihrer Meinung nach die ländlichen Belange der Innerschweizer besser vertritt als die Mutterpartei.“
Beinahe keine meiner Befürchtungen hatte Bestand. Bundesrätin Widmer-Schlumpf erwies sich als kluge, bürgerliche Magistratin, welche ihre bündnerisch-demokratische Gesinnung, aus der ja schliesslich die SVP modernen Zuschnitts entstanden ist, behielt. Die SP, die bei der Wahl Regie führte, war nicht immer einverstanden mit Widmer-Schlumpfs Politik. Aber weil die Bündnerin den Konsens suchte, fand sie auch im linken Lager Verständnis und Unterstützung. Einzig die Vermutung, dass bei einer Zuspitzung der Gegensätze im Parlament die Innerschweiz für die CVP zum wackeligen Boden würde, hat sich mit der Abwahl von Ständerat Frick bestätigt. - Und das Regieren ist nicht leichter geworden.
Am 14. Dezember wird der Bundesrat für die nächste Legislaturperiode neu gewählt. Spekulationen schiessen ins Kraut: CVP und die neue Partei BDP (der abtrünnigen SVP-Genossen) sollen sich verbinden und zusammen mit einem Teil der SP-Fraktion Eveline Widmer-Schlumpf für eine zweite Amtszeit wählen. Aber der SVP ist rein rechnerisch, trotz effektiver Wahlniederlage in National- und Ständerat (insgesamt 10 Sitze weniger) ein zweiter Sitz in der Landesregierung nicht mehr zu verwehren. Wird also einer der freisinnigen Bundesräte abgewählt? Oder versucht die SVP sogar ihren Intimfeind und gelegentlichen Oppositionspartner SP um einen Bundesrat zu erleichtern?
Ich stelle keine Prognosen mehr, sondern versuche nüchtern und sachlich die Wünsche unseres ganzen Volkes aufzulisten. Wie auch immer die Wahl herauskommt, am Schluss müssen die Bundesrätinnen und -räte wieder zusammen arbeiten und als Team auftreten.
Bundesrat, Parlament und Volk sollten in den letzten vier Jahren gemerkt haben, dass die Konfrontation in der Schweizer Politik keine Zukunft hat. Willkürlich haben sich die gegensätzlichsten Kräfte zusammen getan, um vernünftige Reformen zu torpedieren. Die Mitte war zu schwach, sich dafür ein- und durchzusetzen. In der neuen Legislatur wünschen wir uns ein Parlament, das konstruktiv zusammenarbeitet. Die Voraussetzungen sind gegeben. Die Mitte besteht nicht mehr nur aus FDP und CVP, sondern auch aus Grünliberalen und der Bürgerlich demokratischen Partei. Die Rechte ist in beiden Kammern zwar geschwächt, aber immer noch stärkste Kraft. Die Linke hat insbesondere im Stöckli mehr Gewicht erhalten.
Die neue Bundesrats-Mannschaft wird sich zuerst einmal zusammenraufen müssen, um ihre Legislaturziele zu formulieren. Dabei wird sie Prioritäten setzen. Die Hauptprobleme unseres Landes sind trotz grosser Einwanderung und dem Asylentscheid-Debakel nicht mehr die Ausländer oder gar die Diskussion um einen Europa-Beitritt.
Unser Land wird durch die Europäische Union, aber auch von Amerika ihrer Finanzpolitik und der Geheimkonten ausländischer Millionäre wegen angegriffen. Die Schweiz muss endlich klar Stellung nehmen und das Bankgeheimnis so umgestalten, dass Steuerflüchtlinge keine Vorteile mehr haben und kein Schwarzgeld mehr gewaschen werden kann.
Und dann geht es um die Weiterführung der bilateralen Verhandlungen. Sie generell abzulehnen, wie das „Der Retter des Vaterlands“ Christoph Blocher immer noch tut, hilft so wenig, wie wenn wir angesichts eines Feuersturms statt der Feuerwehr zunächst die Heimwerker auffordern, die Stadt zu retten. Noch ist es nicht zu spät, schweizerische Eigenart innerhalb Europas zu verstärken und zu verteidigen. Ein ideologisch weniger gespaltenes, auf Konsens ausgerichtetes Parlament wird dem neuen Bundesrat helfen, unseren Schweizer Weg in die Zukunft zu erkunden, auszubauen und zu festigen.
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Die Aussage von Herrn Schindler, dass beim Volk die Thematik der Einwanderung kleiner geworden sein soll, ist äusserst mutig! Mit zunehmenden Arbeitslosenzahlen wird auch die Zuwanderung wieder vermehrt diskutiert werden müssen. Wie man "Zuwanderung" definiert, ist dabei natürlich auch eine Frage. Gehören zu den Zuwanderern nur diejenigen ausländischen Personen, welche in der Schweiz Arbeit suchen und finden? Oder gehören auch die nachgezogenen (Gross)Familien dazu? Soll man die zur Zeit grösser werdenede Anzahl Asylsuchender ebenfalls zu den Einwanderern zählen? Irgendwie ja schon, auch sie wander ja in unser Land ein, auch wenn auf einer ganz anderen gesetzlichen Grundlage und wenn zu diesem Zeitpunkt noch nicht feststeht, ob sie bleiben können. Wie dem auch sei, festgestellt werden kann auf jeden Fall, dass im neuesten schweizer Sorgenbarometer 2011 das Thema "Ausländer" an zweiter Stelle liegt! Dies sagt doch genug aus, nicht wahr, Herr Schindler?
Und zum Thema Bilaterale bin ich der Meinung, dass die SVP diese nicht aufkündigen will, wie ihr unterschoben wird, sondern in gewissen Bereichen (wie z.B. der Zuwanderung) Neuverhandlungen vorschlägt. Wenn man bedenkt, dass inzwischen sogar Frau Merkel für gewisse Vertragsbereiche Neuverhandlungen zwischen den Euro-Länder fordert, so erkennt der SVP-feindliche Schweizer vielleicht endlich jetzt, dass der Vorschlag von Herrn Blocher nicht einfach ein Hirngespinst eines alternden Politikers ist.
Im Gegensatz zu Borki würde ich die Aussagen von Bernhard Schindler ebenfalls "frisch von der Leber weg" unterstützen. Wir haben viele Baustellen in unserem Land, die nun die neue Mannschaft in Bern endlich bearbeiten sollte - geben wir ihr die Chance!
Beitrag von erizo gelöscht.
Da hat ein ehemaliger Redaktor wirklich "Frisch von der Leber weg" geschrieben und sich nicht die Mühe genommen, seriös zu recherchieren. Wenn er sich diese Mühe genommen hätte, wäre sein "Retter des Vaterlands" besser weg gekommen. Die Absicht dieses "Retters" war nie, die bilateralen Verträge generell abzulehnen, sondern neu auszuhandeln. Falls es zu keiner Einigung kommen würde, müsste man den Mut haben, diese Verträge zu kündigen. So geschrieben hätte Herr Schindler mit seinem Bericht "Frisch von der Leber weg" einen besseren Eindruck gemacht. Aber eben: Auch er lobt lieber die Politik der Mitte-Linken, wie es an dieser Stelle auch ein anderer immer wieder gerne laut schallend tut.
Ja, ich habe missverständlich verkürzt
Ja, ich gebe zu, das mit dem Blocher habe ich zu stark verkürzt, so dass es missverständlich wurde. Ich wollte sagen, alt/neu-Nationalrat und abgewählter Bundesrat*) Christoph Blocher hat Forderungen gestellt, welche die bisherigen bilateralen Verträge in Frage gestellt hätten. Er selber hat gesagt, wenn daran die bilateralen Verträge scheitern würden, sei das auch nicht schlimm. Wir müssten neue aushandeln.
Der gestern wie ein deus ex machina oder aus dem Hut gezauberter Bundesratskandidat H.J. Walter hat heute im Radio auf eine entsprechende Frage geantwortet, er habe die Zuwanderungsinitiative nicht mit unterstützt, weil allein schon die Landwirte auf Zustrom billiger Arbeitskräfte aus dem Osten angewiesen sind.
Wenn jemals ein Mann in der Schweizr Politik so polarisiert hat wie Nationalrat Blocher, wenn er zudem Entscheidungen trifft (wie die Aufstellung von Zuppiger) die er nachher über sein Leib- und Magenblatt Weltwoche wieder korrigieren muss **) dann meine ich, sei es eigentlich an der Zeit, aufs Altenteil zu wechseln. Wohlverstanden, ich habe die Intelligenz und die Redewut des grossen Rhetorikers immer geschätzt. Ganz besonders habe ich ihn bewundert, wie er die hoffnungslos gewordene Kaiseraugst-Atomkraftwerk-Debatte mit einem Federstrich (und vielen Millionen, die der Bund den Betreibern bezahlen musste) aus der Welt geschafft hat.
Ceterum censeo: Die SVP täte gut daran, sich - warum nicht in der Opposition . eine Denkpause zu gönnen, damit Pannen wie die jüngsten nicht mehr vorkommen.
*) so hat er sich nach seiner Abwahl genannt, er mochte das "lt" Bundesrat n icht.
**) Es will doch niemand allen Ernstes behaupten, die Weltwoche schreibe einen Artikel ohne das Einverständnis von Christoph Blocher