Es gibt eindeutig zu viele Kläuse auf der Welt. Ob Nigginäggis, Samichläuse, Santiggläus, Saint Nicolas, Sinterklaas, Weihnachtmann oder Väterchen Frost – sie alle fühlen sich berufen, an den Leistungen von Kindern und Erwachsenen herumzumäkeln, Noten zu verteilen wie ein Oberstudienrat oder gütig zu sein, wie Gottvater selbst.
Allein das Schweizer Telefonbuch listet 5129 Kläuse, 409 Nikoläuse, 30 Nickis, aber 3848 Niggis auf, 14 Chläuse, 8 Samichläuse, 99 Klaas und 40 412 Nics auf. Nicht zu vergessen die weibliche Form: 15 406 im Swissom-Netz telefonierende Frauen heissen Nicole. Nimmt man dazu alle Kläuse und Weihnachtsmänner, die sich zum Samichlaus berufen fühlen, dürfte ein Siebzigtel der Schweizerinnen und Schweizer eine Nicole oder ein Klaus sein.
Betrachten wir nur diese letzte zweite Adventwoche. Saint Nicolas von Frankreich gibt seinem Engel Angela einen Kuss auf beide Backen, die beiden verschwinden im Elisée. Und dann erklären sie Europa, wo der Esel langgeht und die Rentiere spuren. Dann wieder Küsschen links, Küsschen rechts, die Angela entschwebt nach Bonn, Brüssel oder Berlin. Nur um zwei Tage später Saint Nicolas de la Grande Nation zu empfangen – zwei Küsschen im Vorübergehen – und dann erklären der französische Weihnachtsmann und der Weihnachts-Engel gemeinsam, was Europa stärkt und den Euro stabilisiert. Derweil sind schon die Merry old Santa Clauses der amerikanischen Rating-Agenturen im Anmarsch und drohen mit erhobener Rute, sämtliche Euro-Staaten und gleich noch ein paar andere dazu in den Sack der niedrigen Bewertungen zu stecken. Angela in Double A+ und Nicolas gleich in Triple B.
Worauf die sich wehren, sie treffen sich diesmal in Brüssel – Küsschen links, Küsschen rechts – und haben die Lösung der Finanzkrise, die sie nur noch aus dem Samichlaussack Europas ziehen müssen – Das Ei des Columbus sozusagen, das bekanntlich beim Aufstellen kaputt geht. Das Fernsehen sieht zu, doch die andern europäischen Staaten schauen gar nicht mehr hin. Sie sind mit ihren eigenen Finanzproblemen befasst, sie kürzen Renten oder spätere Rentenansprüche, sie bringen die Gewerkschaften gegen sich auf und das Staatspersonal und kaufen sich weitere Dienstfahrzeuge der Marke BMW oder Audi, weil sie doch wegen der Finanzkrise dauernd unterwegs sein müssen. Carla la Brunette schimpft, ihr Nicolas sei derzeit öfter mit der Angela zusammen als mit ihr.
Und Väterchen Vladimir Frost in Moskau hat seinem Volk eine besondere Bescherung bereitet. Die Russen durften ihn wählen und seine Partei und er lässt die verprügeln, die gegen Wahlmanipulation und Behinderung der Oppositionsparteien demonstrieren. Volksherrschaft heisst in Russland halt immer noch Demokratur.
Das gleiche geschieht an vielen Orten auf dieser Erde, selbst Muslime haben Spass gefunden am Chlausetrybe. In den USA überbieten sich die republikanischen Präsidentenkandidaten in christlicher Demut und geben die ihnen zur Last gelegten Übergriffe am andern Geschlecht oder an mexikanischen Kindermädchen ohne Aufenthaltsbewilligung nur scheibchenweise zu.
Auch wir in der Schweiz sind von Geistern des 6. Dezember unterwandert. Damit man mir nicht wieder vorwirft, ich hätte etwas gegen den B..., will ich hier keine Namen nennen. Tatsache ist, dass es bei uns vielerart Schmutzlis und Ruprechte gibt, die den Heiligen Nikolaus zu begleiten vorgeben, aber tatsächlich das Regiment an sich gerissen haben. Am vergangenen Montag sind sie im Bundeshaus eingetroffen. Und siehe da: Sie traten auf wie ehrwürdige Senatoren, mehr wie Bankdirektoren gekleidet, denn als Volksvertreter. Ein gewisser alt Bundesrat, den ich nicht mit Namen nennen darf, hat im Fernsehen festgestellt, dass selbst die Sozialisten sich in den dunkeln Anzug gezwängt hätten und auch die Frauen viel feierlicher gekleidet seien als auch schon.
Tatsächlich: Beim feierlichen Amtseid konnte niemand mehr erkennen, ob ein Roter, ein Grüner, ein Schwarzer oder ein Blauer die Schwurhand hob. Sie waren sich alle, alle gleich. Und so hoffen wir denn, dass sie sich auch wie Brüder im Geiste benehmen werden, die Kläuse und die Schmutzli und die süssen Engeli, die auch bei uns Politik machen.
Wenn das Christkind zufälligerweise am Sessions- und Legislaturbeginn im Bundeshaus vorbeigekommen wäre, es hätte rechtsumkehrt gemacht, in der Meinung, das falsche Parlament betreten zu haben. Oder aber es wird bei seiner himmlischen Rückkehr dem Petrus da oben berichten: „Ich glaube, der Schiller hat doch Recht. Die Schweizer «wollen sein ein ein(z)ig Volk von Brüdern (und Schwestern), in keiner Not sich trennen und Gefahr!»“
Wie üblich entschuldige ich mich bei all den an ihren Vornamen unschuldigen Kläusen, Niggis und Nics für den Missbrauch ihrer Namen. Natürlich sind nicht Sie gemeint, sondern nur die andern!
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Lieber Bernhard,
diese kritische und geistreiche Kolumne war überfällig,
ich danke dir, dass du dich damit zu Wort gemeldet hast.
Schade, dass du damit weder hier noch sonstwo
auf eine Seite 1 kommen wirst, so lange eben die Nichtskokoläuse
'Wichtigeres' da wie dort den Vorrang geben.
Bleib uns - allem zum Trotz - unbedingt erhalten.
Dieter
Wie (fast) jedesmal wenn ich deine Kolumnen lese habe ich mich amüsiert und 'mein innerer, (oft rebellischer) Bengel' hat sich aufrichtig gefreut. Deine satyrisch-humorvolle Weltsicht und der Fokus auf das schweizerische Parlament sind erfrischend.
Ich bin und bleibe gern ein Fan von 'Frisch von der Leber weg'. Beiträge wie deine lockern die stocksteife, oft fast zur Karikatur gewordene, oder auch blos gezielt-gespielte Ernsthaftigkeit in wunderbarer Weise auf.
Ich wünsche dir frohe Festtage
Hannes
Viel zu viele Chläuse...
Ob der Name "Schmutzli" auch was mit nicht ganz durchsichtigen Geschäften zu tun hat... dann würde ich fast meinen an der BaZ seien Schmutzlis am Werk gewesen.... oder schlicht und einfach vielleicht auch B.... utzlis.... Die Frage bleibt:"Wie lange geht es noch, bis das Volk seine Schlüsse daraus zieht????