Gesellschaft

L’alternative: Roger Garaudy

L’alternative: Roger Garaudy

Beim vorletzten Umzug war ich mir absolut sicher: Auch dieses Buch hat seine Zeit. Nie mehr werde ich es lesen wollen.

Irrtum.

In diesen Tagen habe ich es mir antiquarisch besorgt: «Die Alternative» Rowohlt-Verlag, 1974. Erschienen bereits 1972 in Paris, wurde es zwei Jahre später ins Deutsche übersetzt.

Der Autor ist Roger Garaudy.

Wir sind die 99 Prozent

Wieso ich mich an ihn und an sein Buch erinnerte? Als das Fernsehen Leute zeigte, die in Frankfurt vor den Banktürmen der Stadt zusammen gekommen waren. Menschen jeden Alters, die Schilder trugen mit dem Slogan „Wir sind die 99 Prozent.“

Und in den Reden, die man zu hören bekam, wurde die direkte Demokratie gefordert, die Politisierung der Ökonomie, die Zerschlagung der Grossbanken, Solidarität mit den „Pleiteländern“, Abschaffung der Rating-Agenturen und das Ende des Neokapitalismus.

Vorausgesehen

Was all diese Leute offensichtlich vereint ist die Empörung, in einer Zeit und in einem Land zu leben, in dem „ein kleine Gruppe das Sagen, also die  Macht hat, das Wissen und das Geld, womit sie beschliessen, was die Mehrheit hinzunehmen gezwungen ist.“

In einem Interview erinnerte eine elegante Französin an Roger Garaudy. Dieser Philosoph habe schon vor vielen Jahren vorausgesehen, was wir alle jetzt erleben und erleiden müssen.

Voraussetzung für eine neue Gesellschaftsordnung

Der im Jahre 1914 in Marseille geborene marxistische Philosoph sah sich im Laufe seines Lebens ständig gezwungen, Zeit und Welt in Frage zu stellen und an ihren Veränderungen mitzuwirken.

Voraussetzung für eine neue Gesellschaftsordnung ist für ihn das Ende der erbarmungslosen, zynischen, kapitalistischen Profitwirtschaft, doch schränkt er ein:

„Ein Irrtum wäre die Orientierung auf eine plötzlich hereinbrechende katastrophale Krise, die den Kapitalismus allein wegen der Zuspitzung seiner Widersprüche hinwegfegt ...

Ebenso wenig darf man sich über die inneren Widersprüche im eigenen Lager, über die Krise des Sozialismus hinweg schwindeln.“

Die Selbstverwaltung als Alternative

Für den Philosophen konnte die Antwort auf den Kapitalismus nur der Sozialismus sein. Ein Sozialismus der Selbstverwaltung, – also „nicht die zentralistisch bürokratische Deformation der sozialistischen Hoffnung“ (Hugo Lueders).

Die von ihm propagierte „Selbstverwaltung“ ist die „Alternative.“ Wie diese jedoch konkret aussehen soll, lässt er offen. Einzelheiten würden sich nur „im Prozess der Verwirklichung entwickeln“, entstünden erst nach und nach im Bewusstsein der betroffenen Menschen.

Die Hypothese ändern

In einem Interview, das Roger Garaudy 1971 dem SPIEGEL gab, antwortete er auf die Frage „Wollen Sie ein neues Modell des Sozialismus einführen?“:

„Als Kopernikus bei der Arbeit am ptolemäischen System die Umlaufbahnen der Planeten korrigierte und schliesslich auf den 70. Fehler stiess, sagte er sich, vielleicht ist das ganze System nicht in Ordnung, und änderte die Hypothese.

Statt dass sich die Sonne um die Erde dreht, nahm er an, die Erde drehe sich um die Sonne. Vielleicht müssen wir auch eine Kopernikanische Wendung vollziehen. Der Sozialismus von oben hat zu zahlreichen Katastrophen geführt; versuchen wir einen Sozialismus von unten.“

Vierzig Jahre später

Vierzig Jahre später kritisieren und verwerfen immer mehr Leute die Wirtschaftslogik des global herrschenden Kapitalismus: die Finanzstruktur, die den Staat – über den Markt – ihren Interessen unterwirft. Und die Rentabilität der Kapitalspekulation, die Profite einsackt, ohne irgend etwas zu produzieren.

***

L’alternative (franz. - f ) Synonyme: option – changement –intercurrence – possibilité – potentialité.

Die Alternative (deutsch - w.) Synonyme: Gegenvorschlag – Gegenmodell – Wahl – die andere Möglichkeit.

Gesucht und nicht gefunden

Auf der Suche nach „einer anderen Möglichkeit“, nach einem neuen Modell der Gesellschaft jenseits von Kapitalismus und Sozialismus, nach einer Lösung, besorgte ich mir das Buch und hoffte, eine Alternative zu finden.

Ich habe sie nicht gefunden.

 

Kommentare

Bild des Benutzers Bernhard Schindler

Die Alternative zu Kapitalismus und Sozialismus

 

Kapitalismusist die Lehre von der Belohnung des Tüchtigen: Wer investiert, gewinnt, wer innoviert, also neue Ideen entwickelt, die sich als brauchbar erweisen, findet Geldgeber, die der Idee durch Produktion und Marketing zum Durchbruch verhelfen. Kapital ist ebenso notwendig wie Arbeit, eigentlich sollte der Kapitalismus eine Mischung sein von Kapital, das Arbeitsstellen ermöglicht, und Arbeit, durch welche sich das Kapital verzinst und vermehrt. Wirtschaftsminister Ludwig Erhard hat diese Symbiose „soziale Marktwirtschaft“genannt.

Sozialismusist die Lehre von der Gleichberechtigung der sozial Schwachen mit den gesellschaftlich Starken. Wer nicht in der Lage ist, wie der Tüchtige für sich selber zu sorgen, wird von der Gemeinschaft (mit)-getragen. Im Kommunismus ist der Sozialismus pervertiert worden in den zynischen Satz vom „Alle gleich viel und mir es bitzeli meh“. Die tschechischen Kommunisten unter Dubcek, Havel, Kohut und Ota Sik versuchten das Modell des „Sozialismus mit menschlichem Gesicht“, das bekanntlich am Ende des Prager Frühlings mit Panzern zertrümmert worden ist.

Duttweilers Mittelweg

Der erfolgreiche Schweizer Unternehmer Gottlieb Duttweiler schuf in den vierziger Jahren den Begriff vom „sozialen Kapital“. Er schenkte seine Migros den Kunden in Form einer Genossenschaft und blieb fortan nur der erste Angestellte seines einst eigenen Unternehmens.

Er öffnete sein Herrschaftsgut „Park im Grüene“ der Öffentlichkeit, der massige Mann fuhr in keiner Staatskarosse, sondern in einem Fiat 500 Topolino (in den er sich hineinzwängen musste).

Die alten Patriarchen

Früher wurden Firmen von Männern mit Zukunftsglauben gegründet, aufgebaut und patronal geleitet. Das war gewiss nicht immer im Sinne der Mitarbeiter: So haben Wohler Strohbarone im Freiamt ihre Leute entlassen, wenn ein neuer Grossauftrag für Strohhüte aus Paris eintraf – um sie am nächsten Tag wieder anzustellen; zu 10 Rappen weniger Stundenlohn.

Aber diese Patrons kannten ihre Mitarbeiter, wenn diese unverschuldet ins Unglück gerieten, unterstützten die Patrons ihre Pechvögel. Viele von ihnen nützten ihren Reichtum, um wohltätige Stiftungen zu errichten, um Museen zu bauen, in denen sie ihre wertvollen Kunstwerke der Öffentlichkeit zeigten.

Heute gibt es praktisch keine Patrons mehr, nur noch „Manager“. Diese sind gut bezahlte Angestellte einer Unternehmung, sie sind keine typischen „Roche-ianer, Sulzerianer oder Bührle-ianer“ sondern auswechselbare „Macher“, meistens noch mit einem goldenen Fallschirm ausgerüstet, damit sie weich fallen, wenn sie ihre Unternehmung in die Pleite geführt haben.

Was uns heute fehlt...

... sind Fachleute, die bereit sind, ihr Geld und das jenige ihrer Umgebung in neue Ideen zum Beispiel der Fotovoltaik und aller anderen Alternativ-Energien zu stecken und selber als Macher Verantwortung tragen für ihre Mitarbeiter, für ihre Produkte und für ihre Geldgeber. Aber dazu müsste nicht nur die Wirtschaft sich verändern, in allererster Linie müsste sich die Gesellschaft wandeln: Geiz ist nämlich nicht geil. Qualität hat ihren Preis. Und wer nur immer das Billigste kauft, aus Gier, immer noch mehr erwerben will (das später auf dem Misthaufen der Geschichte entsorgt werden muss), darf sich nicht wundern, dass Waschmaschinen nach zehn Jahren schrottreif  und in Eisschränken die Fehler mit ein programmiert sind, die in fünf Jahren den Kauf eines neuen Kühlers erfordern.

Gier ist ansteckend.Wenn sogar Nationalbank-Chefs (in der Schweiz) und Bundespräsidenten (in Deutschland) der Versuchung erliegen, das ganz schnelle Geld machen zu können dank Beziehungen und Insiderwissen – dann ist unsere ganze menschliche Gesellschaft korrupt.

Mit einer solchen Gesinnung lässt sich überhaupt kein soziales System etablieren, das die beiden gleichwertigen Komponenten des privaten und des staatlichen Kapitalismus in Einklang bringt: Kapital und Arbeit, Tüchtigkeit und Pech im Leben, ein grosszügiges stets abrufbares Beziehungsgeflecht und die Einsamkeit derjenigen Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens geboren worden sind.