Er bat damals rund vierzig Zeitgenossen, sich zu diesem Thema zu äussern, weil Weihnachten mit all seinen Begleiterscheinungen ja nicht mehr selbstverständlich sei. Er wollte wissen, wie wir es mit dem halten, was Tradition und Umwelt zu Weihnachten anbieten. Sollten erzählen von unseren Erfahrungen und Erlebnissen mit diesem Fest; offen legen unsere Überlegungen und Überzeugungen. Und dies auf mannigfaltige Weise: in Poesie oder Prosa, Erzählung oder Essay, Report oder Meditation.
Es gehe ihm darum, die Leser Stoff genug finden zu lassen zum Bedenken (in der doppelten Bedeutung des Wortes), zum Sichselbstbefragen und zum Miteinanderreden. Schliesslich sei Weihnachten nicht nur zum Festen da, sondern auch, um über die Ergebnisse der Bedenken und des Bedenkens (der eigenen wie die anderer) zu räsonieren.
Meinen Beitrag habe ich in dieser Vorweihnachtszeit wieder gelesen. Und hernach fragte ich mich: Was habe ich damals übersehen, blieb unbemerkt oder war übertrieben, zu kritisch, – zu ‚zeitgeistig’?
Ist dieses Fest, „fast am Ende eines Jahres“, wie ich damals schrieb, immer noch „ziemlich empfindlich“, - leicht verletzbar?
Eigentlich wollte ich nur meinen Beitrag wieder einmal lesen, doch liess ich mich dann doch zum Weiterlesen verführen.
‚Schuld’ daran waren in dieser Reihenfolge: Georg Kreisler, Kurt Marti, Eva Zeller. Mit ihren persönlichen Stimmen, mit denen sie sich da zu Wort meldeten, machten sie mir einsichtig: Man kann nicht über Weihnachten reden, ohne persönlich zu werden.
Viele Mitautoren dachten weit zurück, erinnerten sich an ihre Kindheit, an Situationen, in denen das Fest zu faszinieren vermochte. Viel Erinnerung klingt an mit Kälte und Schnee, mit Stille Nacht und Flötenspiel, verschlossenen Türen, Christbaum und Tannenduft.
Das klingt nach vertraut. Nach Dorf und warmer Stube. Nach „Heimat, Zielrichtung aller Hoffnung“ (Ernst Bloch).
Nach Menschen, die schon lange nicht mehr am Leben sind. Assoziationen der Geborgenheit, leicht getrübt durch das Gefühl des „Nie mehr wieder“, sie gehören mit zu diesem christlichen Fest. – Wenigstens solche Gefühle soll man zulassen.
Was mich nach wie vor stört ist, wenn man nur flapsig über Weihnachten redet, auch wenn es (vordergründig vielleicht) unterhaltsam und – noch schlimmer – ‚ironisch gemeint’ sein soll.
Beklagt wurde der Konsumterror („Es ist zu geschäftsmässig- umsatzträchtig“), geschimpft auf das Fernsehprogramm an den Weihnachtstagen. Ich gehörte damals auch dazu.
Jetzt nicht mehr, nachdem ich die Klage eines TV-Journalisten gelesen und bedacht habe. „Weihnachten“, bekennt er, „ist für das Fernsehen das schwerste Fest des Jahres, weil die Fernsehleute, die Produzenten wie die Konsumenten des Programms nur ungenau wissen, was sie zu diesem Tag bieten oder sich wünschen sollen“ (W. Höfer).
Einer der Autoren (J. Reding) drückte seine Verwunderung darüber aus, warum unsere Erinnerung an Jesus von Nazareth so merkwürdig nur auf seine Geburt konzentriert ist. „Sagt man Jesus, schrumpft bei vielen Zeitgenossen das Vorstellungsvermögen auf das Krippenkind zusammen ... Es steckt aber doch so viel an neuem, ungewohntem Muster in dem, was er drei Jahrzehnte nach seiner Geburt gesagt hat. Und weil wir das so schwer mit dem Modus unseres Lebens in Einklang bringen können, schaffen wir Abstand und begnügen uns mit dem Szenarium seiner Geburt.“
Viele hielten damals schon Weihnachten für ausgepredigt. Nur wenige blieben bei dem Gedanken, in Weihnachten ein Versprechen zu sehen, das auf dringende Einlösung wartet.
Von all dem, was mir zu Weihnachten einfiel, lasse ich nur diesen kleinen Abschnitt stehen:
„Zweifellos gibt es ein Bedürfnis nach einem Fest und nach einer Feier, ein Bedürfnis nach Diminutiven und Konjunktiven, nach Präteritum und Futur.
Nach Sentimentalität. Poesie und Dekor. Nach Stille, Zärtlichkeit und Begütigung. Nach Licht, Wärme, Stall und einem Stern. Nach Sinn. Erwartung Christi, Erwartung Weihnachten.“
* Hrsg. Horst Nitschke, Gütersloher Verlagshaus, 1992 ISBN-10: 357903636X ISBN-13: 978-3579036366
|
|
Twittern |
Was bleibt. Was zählt. Was uns hilft.
Man soll nicht über Weihnachten predigen
(es predigt auch keiner über Deine oder meine Geburt).
Man soll sich erinnern an die Geschichte,
die uns der Evangelist Lukas überliefert hat.
Und staunen, dass ein journalistischer Non-Valeur,
der bestenfalls damals für die Lokalzeitung
von einem gewissen Interesse war (Papier ist geduldig),
dass diese „good news“ 2000 Jahre überlebt haben.
Wir wissen nicht viel von der Geburt im Stall.
Wir wissen nicht viel mehr über Jesu Jugend -
und gar nichts über den Jungbürger in Nazareth.
Erst mit 30 wird er bekannt und gerichtsnotorisch.
Und plötzlich müssen sich sogar die Besatzer
mit diesem Querulanten beschäftigen, der
die Juden verärgert, aber für viele Anhänger
Hoffnung, Glaube und Erlösung bedeutet.
Obwohl, oder vielleicht weil sie ihn gekreuzigt
haben, hat seine Botschaft das ganze römische
Reich in Atem gehalten und christianisiert.
Nachhaltig, sagen die einen, was andre bezweifeln.
Tatsache ist, seit Jesu Kreuzestod ist seine Lehre
Von der Liebe und Vergebung mehr als ein Kulturerbe
Es wäre eine Gebrauchsanweisung für jeden,
glücklich zu sein, und in Frieden und Freiheit zu leben.
BS. 20.12.2011