Immer im Winter kommt es zu Scharmützeln zwischen Himmel und Erde. Schnee bedeckt ganze Länder und die Strassenarbeiter räumen die Autobahnen so gut es geht. Dort, wo fast jedes Jahr Schnee den Verkehr blockiert, ist man besser gegen die Schneemassen gerüstet als beispielsweise im Tessin, in Kölliken oder im Wilden Osten Amerikas. An allen drei Orten weiss man: Der nächste Winter kommt bestimmt. Aber man nimmt dieses Naturphänomen nicht ernst. – Ich habe zweimal in meinem Leben erfahren dürfen, wie herrlich still es ist in einem durch den Schnee vollständig verkehrsberuhigten Lugano.
Im letzten Winter (2010/11) gingen den Strassenbauämtern bereits im schneereichen Oktober/November die Salzmengen aus, welche zur Schwarzräumung notwendig gewesen wären. In der Rheinsaline stockten zwei Streusalz-Kompressoren, die Bestände waren bald geleert. Dennoch kam es letztes Jahr nicht zu einem Lieferengpass wie in den Jahren 1999 und 2003. Das hatten die Strassenmeister allerdings nicht der irdischen Vorsorge, sondern himmlischer Friedensbereitschaft zu verdanken: Ab Dezember schneite es unterhalb von 1000 Metern praktisch nicht mehr.
Die Schweiz kennt (mit Ausnahme des Kantons Waadt mit eigener Saline in Bex) das generelle Salzmonopol oder Salzregal, welches den Staat berechtigt, Salz zu besteuern und damit die Strassen zu bestreuen. Die Vereinigten Rheinsalinen mit Sitz in Pratteln, die mit diesem Regal beauftragt wurden, sind somit für fast die ganze Schweiz einzige Salzlieferanten, und die Kantone und Gemeinden müssen sich dort eindecken, auch wenn der Europapreis für Streusalz einiges günstiger wäre. 1999 und 2003 allerdings mussten die Rheinsalinen selber Salz aus Deutschland zukaufen, um der Nachfrage einigermassen Herr zu werden.
Wie aus in der Regel zuverlässiger Quelle verlautet, hat die himmlische Heeresleitung unter Generalfeldmarschall Petrus für den Winter 2011/12 beschlossen, zur Durchsetzung einer besseren Luft und weniger CO2-Ausstoss in Europa die Schneefront zu verstärken und die Strassen, insbesondere die alpinen Strassentransitachsen, unter Dauerbeschneiung zu setzen. Andererseits haben europaweit die Salzgewinnungsanlagen ihre Streusalzlieferungen verdoppelt, und auch die Rheinsalinen meldeten noch vor Beginn des Winterfeldzuges volle Lager.
Angesichts der totalen Verteidigungsbereitschaft der Strassenmeistereien auch in der neutralen Schweiz berief Generalfeldmarschall Petrus einige zusätzliche Tiefs mitsamt Tornados wie jenen mit dem Namen Joachim aus den USA, den Philippinen und Bangladesh nach Zentraleuropa. Das Ultimatum (Sofort kein Salz mehr auf den Strassen oder der totale Schneekrieg) wurde am Tag des Bundesratswahlen auch der Schweiz übermittelt, doch nach Micheline Calmy-Reys Rückzug aus dem Bundesrat und der noch nicht vollzogenen Neuinstallation von Didier Burkhalter als Aussenminister ist bis jetzt niemand in Bern in der Lage gewesen, diese Kriegserklärung zu lesen, geschweige denn, etwas zu unternehmen.
In den letzten Tagen hat die himmlische Beschneiung zu wirken begonnen. Noch sind die englischen (im Sinne von Engels-Soldaten) Heerscharen dabei, sich einzuschiessen. Aber bereits am letzten Dienstag sind ihnen einige Teilerfolge gelungen: Der Verkehr in der Schweiz staute sich vor allem vor den Grossstädten kilometerweise, die Autobahnen blieben schneebedeckt und die Räumungsfahrzeuge kamen nicht nach mit Salz streuen und Schnee räumen. In den Alpentälern blockierten drohende Lawinen den Verkehr, zwischendurch einbrechender Schneeregen und eine höhere Temperatur führten zu Tauwetter, doch bei Einbruch der Nacht vereisten viele Strassen und der Verkehr kam zum Erliegen.
Eine erste Lagebeurteilung durch das himmlische Heereskommando zeigte, dass die bisherigen Massnahmen noch nicht reichten, den Schadstoffausstoss zu vermindern. Im Gegenteil: Wegen der Kälte stellten viele Autofahrer ihre Motoren selbst im dichtesten Stau nicht ab. Auch die Lastwagenfahrer, die auf Ausstellplätzen entlang der Autobahnen ausharren mussten, liessen ihre Diesel schluckenden Heizungen auf Hochtouren weiterlaufen.
Der in der Schweiz unter General Ulrich Gietzendanner tagende Krisenstab zog die in den Berggebieten nun nicht mehr gebrauchten Schneekanonen ins Unterland ab und machte Versuche mit dem Versprühen salzhaltigen Wassers, das den Schmelzprozess des Schneematsches auf den Strassen beschleunigen sollte. Dem Schweizer Geheimdienst gelang es, den Funkverkehr zwischen Petrus und Frau Holle abzufangen und zu entschlüsseln. Offenbar beabsichtigte der Himmel eine konzentrierte Attacke auf das Schweizer Mittelland. Damit erhoffte sich Petrus einen Rückzug der Schweizer Ordnungskräfte und Strassenräumer ins Reduit in den Bergen. Ein geschickter Schachzug, die Idee dazu hatte er sich in Friedrich Dürrenmatts „Winterkrieg in Tibet“ geholt. So lange sich Schweizerinnen und Schweizer in den schützenden Bergkavernen verkröchen, würden die Strassen nicht befahren.
Noch vor Weihnachten sollte diese Aktion abgeschlossen werden. Weisse Weihnachten! Dschingelbells statt Verkehrslärm, Weihnachtsguetzli-Gerüche statt CO2-Gestank. Vielleicht gäbe es dann etwas weniger Verkehrstote, auch ohne ständig verstärkte Anti-Raucher-Schikanen viel weniger an den Atmungsorganen Erkrankte, eine würzige Tannenluft und insbesondere bei den Kindern, die der Himmel bekanntlich am meisten liebt, zufriedene Gesichter, rote Backen und leuchtende Augen, wenn die Schlitten zu Tal fahren und nicht Rücksicht nehmen müssen auf gefährliche Verkehrsadern.
(Wurde vor Weihnachten 2011 geschrieben, in der Hoffnung, dass für einmal der Himmel über die Erde obsiege. Ob ihm das gelungen ist, können Sie heute selber feststellen.)
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Ja, der liebe Schnee...
... auch wieder ein Objekt, das es keinem zu 100% recht machen kann. Zuerst wird um diesen
weissen Niederschlag gefleht - und wenn dann die Pracht vom Himmel fällt, schreien die zwei- und
vierrädrigen Strassenbenützer (aber auch die Pedestres = Fussgänger) nach Hilfe von den Gemeinden.
Warum hat es der weltweit berühmte Erfindergeist der Eidgenossen eigentlich noch nicht geschafft,
dass der Schnee nur NEBEN die Strassen und Trottoirs fällt..? Hier liesse sich doch auch wieder viel
Geld verdienen!
Aus Brasilien
René Sehringer
www.latschariplatz.com